Moschee-Streit am Ground Zero

Amerika ist gespalten: Im Süden Manhattans soll ein islamisches Zentrum gebaut werden, Gebetsräume eingeschlossen. Während Barack Obama die Religionsfreiheit betont, sprechen Hinterbliebene der Terroropfer von einem Sakrileg.

Frank Herrmann
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Ground Zero, Ort des Terroranschlags vom 11. September 2001. (Bild: ap/Mark Lennihan)

Ground Zero, Ort des Terroranschlags vom 11. September 2001. (Bild: ap/Mark Lennihan)

NEW YORK. Wenn Sally Regenhard vor eine Kamera tritt, dann fast immer mit einem Foto in den Händen. Einem Bild von Christian, ihrem Sohn. Es zeigt den 28-Jährigen, Feuerwehrhelm auf dem Kopf, ein Lächeln angedeutet, inmitten schwarzer Rauchsäulen und verrusster Wolkenkratzer. Es ist die letzte Aufnahme, die es von Christian Regenhard gibt, bevor die Zwillingstürme des World Trade Center einstürzten.

«Nichts haben sie von ihm gefunden», klagt seine Mutter. «Kein Haar, kein Stück Haut, nichts, nichts, nichts». Tränen schiessen ihr in die Augen, dann kommt sie zur Sache. Ground Zero, sagt Sally Regenhard, sei heiliger Grund. Dort eine Moschee zu bauen wäre ein Sakrileg. «Meinetwegen können sie überall bauen, nur nicht am Ground Zero.»

Ein islamisches Zentrum am Ort des Terrorinfernos: Was als New Yorker Lokalstreit begann, ist das heisseste Eisen des amerikanischen Sommers geworden. Es geht um Toleranz und Religionsfreiheit, um Feindbilder und Feingefühl für die Familien der Toten.

Barack Obama hat, nach wochenlangem Schweigen, Farbe bekannt. «Als Bürger und als Präsident glaube ich, dass Moslems das Recht haben, ihre Religion so wie jeder andere in diesem Land zu praktizieren», sagte er am Freitag im Weissen Haus bei einem Empfang zum Ramadan. Das schliesse das Recht ein, in Manhattan ein Gotteshaus zu errichten. «Dies ist Amerika, und unser Bekenntnis zur religiösen Freiheit muss unerschütterlich sein.»

Genauso sieht es Michael Bloomberg, der Bürgermeister New Yorks, der in der Moschee ein Symbol der Versöhnung sieht. Bereits vor Tagen hielt der milliardenschwere Geschäftsmann eine bewegende Rede. Als Kulisse wählte er die Freiheitsstatue, was alles andere als Zufall war. «Wir stimmen vielleicht nicht immer mit jedem unserer Nachbarn überein. Aber so ist das im Leben», begann Bloomberg. Das gehöre zu New York, dieser vielfältigen, engen Stadt.

Konservative Polemik

Die Debatte wogt hin und her. Die Konservativen schiessen sich auf Obama ein, sie halten ihm vor, die Stimmung im Land zu ignorieren. Sarah Palin, das Glamourgirl der Republikaner, twitterte neulich, was sie von dem Projekt hält: Es wäre ein «Stich in amerikanische Herzen». Laut einer CNN-Umfrage lehnen 68 Prozent der US-Bürger die Moschee ab. Auch die Hinterbliebenen der 9/11-Opfer sind mehrheitlich dagegen, einige üben polemische Kritik an ihrem Staatschef.

«Barack Obama hat Amerika an der Stelle verlassen, wo vor neun Jahren das Herz Amerikas gebrochen wurde», wettert Debra Burlingame. Ihr Bruder war einer der Piloten, deren Maschinen gekapert und in die Zwillingstürme gesteuert wurden.

Es gibt unter den Angehörigen der Opfer auch andere Stimmen. Etwa die von Adele Welty, deren Sohn Timmy, ein Feuerwehrmann, nicht zurückkehrte aus dem Katastropheneinsatz. «Wir dürfen uns keiner Sprache bedienen, die Furcht säen kann.

Eine Furcht, die uns dazu bringt, die Freiheit anderer zu beschneiden», schrieb die 74-Jährige in einer Zeitungskolumne.

Worum es genau geht bei der Kontroverse, ist angesichts aufwallender Emotionen ziemlich in den Hintergrund getreten. Park Place heisst die Adresse, zwei Häuserblöcke von Ground Zero entfernt. Früher wurden hier in der Burlington Coat Factory Mäntel genäht. Das Gebäude steht leer, beschädigt von den herumfliegenden Trümmern des Terrorinfernos.

Ein Bauunternehmer namens Sharif El-Gamal will es abreissen und dann ein islamisches Zentrum hochziehen. 13 Etagen hoch, mit Schwimmbad, Kunsthalle, Kochschule, Fitnesscenter, Restaurants und Gebetsräumen.

Obamas halber Rückzieher

«Ich bin kein Ausserirdischer. Ich bin Amerikaner, New Yorker», betont El Gamal, Spross eines ägyptischen Vaters und einer polnisch-amerikanischen Mutter.

Faisal Abdul Rauf, der Imam, der freitags das Gebet leiten soll, hat einen schönen Namen beigesteuert: Cordoba House. Pate steht die historische Stadt in Andalusien, in der Christen, Juden und Moslems friedlich zusammenlebten. Von den Behörden gibt es grünes Licht.

Politisch aber scheint das letzte Wort noch nicht gesprochen. Auch nicht im Weissen Haus. Er habe über das Prinzip geredet, nicht über eine konkrete Moschee, fügte Obama am Wochenende noch an. Mancher versteht es bereits als halben Rückzieher.

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