Mord in der Schneiderei

Das Interesse am NSU-Prozess in München ist gross. Unser Deutschlandkorrespondent Fritz Dinkelmann verfolgte an zwei Gerichtstagen in dieser Woche die Befragung von Zeugen und Polizeibeamten.

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Die Hauptangeklagte, flankiert von ihren Verteidigern. Der NSU-Prozess in München findet unter strengen Sicherheitsmassnahmen der Polizei statt. (Bild: Matthias Schrader/ky)

Die Hauptangeklagte, flankiert von ihren Verteidigern. Der NSU-Prozess in München findet unter strengen Sicherheitsmassnahmen der Polizei statt. (Bild: Matthias Schrader/ky)

Es wäre nur billig, Zeugen in einer Gerichtsverhandlung lächerlich zu machen, die sich nicht mehr richtig erinnern können, sich unbeholfen oder schräg ausdrücken, sächsischen Dialekt reden oder ihre Aussagen garnieren mit dem, was sie in all den Jahren so gehört und gelesen haben über die zehn der NSU angelasteten Morde, über das sogenannte Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Der Auftritt der Zeugin

Im übrigen sind Zeugen so eitel wie Richter, Bundesanwälte oder Strafverteidiger – das gilt auch für jene 70jährige, gepflegte Dame, die am Montag vor dem Münchner Oberlandesgericht aussagte. Es ging um den Mord am Türken Abdurrahim Oezüdogru, der am 13. Juni 2001 von der Polizei in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg aufgefunden wurde, an die Holztür seines bescheidenen Ateliers gelehnt, hingerichtet durch zwei Kopfschüsse. Es war nach bisherigem Erkenntnisstand das mutmasslich zweite Todesopfer von zehn, die den Tätern des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) angelastet werden.

Die 70jährige Sabine S. konnte nicht wissen, wie bedrückend für die Prozessbeteiligten dieser Tag bis zu ihrem Auftritt verlaufen war, und so plauderte sie unbefangen drauflos: Nein, den Schneidermeister habe sie nicht gekannt. «Er war für uns einfach <der Schneider> ».

Aber «es sind Schüsse gefallen, gegenüber», sagte die Nachbarin des Getöteten, und vermutlich seien es zwei Schüsse gewesen, jedenfalls «war das kein typisches Geräusch an dieser Strasse». Also sei sie zum Wohnzimmerfenster gegangen und habe einen Mann gesehen, der die Werkstatt verlassen habe. Hätte Sabine S. es einfach bei diesen Worten belassen – sie hätte stolz nach Hause gehen können. Weil sie einfach das gesagt hätte, was sie an diesem Tag erlebt hatte. Doch genügt das bei so einem grossen Prozess? Ohne Anlass spricht die Dame plötzlich vom «tapferen Schneiderlein», und im übrigen habe sie ein, zwei Tage vor diesem Geschehen sogar zwei Männer an ihrer Strasse gesehen, «inklusive der blonden Dame».

Beleidigt und mit verheulten Augen

Beate Zschäpe sitzt mit schwarzem Haar auf der Anklagebank, und also korrigiert sich Sabine S. sofort: «damals blond» – mit Blick auf Zschäpe. Überdies, fuhr Sabine S. fort, habe sie direkt ins Atelier blicken können: «Ich hab den Schneider liegen sehen, von meinem Wohnzimmer aus.» Der vorsitzende Richter Manfred Götzel weist die Zeugin vorsichtig auf die Aussage hin, die sie vor zwölf Jahren gemacht habe. Keine Rede von einem zweiten Mann, einer blonden Frau und auch nichts davon, dass sie den Toten gesehen habe. Beleidigt und mit verheulten Augen wird Sabine S. am Ende dieses Verhandlungstages den Saal verlassen, so sehr haben ihr die in ihren Augen ehrenrührigen Nachfragen von Gericht und Anwälten zugesetzt.

Am Tatort eine «riesige Blutspur»

Karlheinz L. ist Polizist und der erste Zeuge an diesem Tag. Er hat dem blutverspritzten Opfer am Tatort um 21.35 den Puls genommen, aber: «Die Körpertemperatur war einem lebenden Menschen ziemlich fremd.» Viele Worte mag auch sein Kollege Norbert H. nicht machen, der Kripobeamte aus Nürnberg, der «Lichtbilder» vom Tatort erläutert, doch davon immer wieder abgelenkt wird, weil ihn das verwahrlost wirkende Schneideratelier stört, die vielen unsortierten Kleider, und auch das Foto vom Wohnzimmer beweist es ja: «Da ist die gewachsene Unordnung dokumentiert.»

Der Beamte spricht so, als ob er die Räumlichkeiten des Opfers sehr gern in einem ordentlicheren Zustand vorgefunden hätte an jenem Abend. Der Kripobeamte zeigt Fotos der «riesigen Blutspur», vom «Schussloch unterhalb des rechten Nasenloches», Blutabtropfungen auf Kleidern und Körper. Gefunden wurden «ein Projektil, 2 Hülsen», denn «ein Projektil steckte ja noch in seinem Kopf». Aufwühlende Bilder, trostlos kommentiert.

Videos: Bezug zu NSU-Morden

Kurze Verschnaufpause. Weil der nächste geladene Zeuge noch nicht da sei, könne man jetzt doch einige NSU-Bekennervideos zeigen, sagt Richter Götzel wie spontan und ohne Erklärung. Ein Mausklick nur, und schon marschiert Paulchen Panther von links nach rechts, beflügelt von Neonazi-Rock-Musik und kommentiert von einer sympathisch klingenden Comic-Stimme: «Mord in der Schneiderei… ich war dabei», sagt die warme Stimme. Mausklick, Pink Panther marschiert jetzt fast euphorisiert zum Video «Frühling». «Echt» steht unter einem Foto, das die NSU-Täter von ihrem Opfer Oezüdogru nach seiner Hinrichtung schossen, und «Fälschung» unter einem Bild, das «Aktenzeichen XY» einmal vom Toten ausgestrahlt hatte. «Hier hat die Strafe sich beeilt», heisst es im Film, man hört Schüsse. Die Videos nehmen konkret Bezug zu Mordtaten, auch zum Nagelbombenanschlag in Köln 2004, der ebenfalls der NSU zugeschrieben wird: «Die Bombe explodiert, es kracht – sie hat den Frühling mitgebracht.» Paulchen Panther fröhlich, Zschäpes Verteidiger vereist, minutenlang in einer Pose erstarrt. Abgewendet von ihrer Mandantin blickt Anja Sturm nach rechts in ein schwarzes Loch und Kollege Wolfgang Heer will nach links gedreht nichts mehr sehen.

Aber warum nur hat der Herr dieses Verfahrens, Richter Götzl, sich für diese Verhandlungsdramaturgie entschieden? Warum machte er am Montag nicht mit Opfer eins, sondern zwei den Anfang? Warum unterbrach er unvermittelt die Zeugenbefragungen dazu und füllte die Lücke mit der brutalen Wucht der Videos? Weil vor Gericht nicht nur das Beweisbare zählt, sondern ebenso die Wahrnehmung der zu beurteilenden Tatvorwürfe?

11 Schusswaffen mit Munition

Einen logisch begründbaren Auftakt zu diesen machte Götzl dann am Dienstag mit den Ereignissen vom 4. November 2011. An diesem Tag wurden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot aufgefunden, und an diesem Tag explodierte in Zwickau später die Wohnung, in der sie mit Beate Zschäpe gelebt hatten. Hat sie die Wohnung angezündet und damit das Leben von Nachbarn gefährdet oder Handwerkern, die damals im Haus arbeiteten? Und falls, warum? Spurenverwischung kommt als Motiv kaum in Frage – die Brandermittler fanden 11 Schusswaffen mit Munition im Haus. Der dazu gehörte Zeuge erhellte das nicht, sondern sächselte so stark, dass ein Journalist verärgert sagte: «Sprich endlich Hochdeutsch!» Auch Deutsche sind in Deutschland manchmal Fremde.

Fritz Dinkelmann, München