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Morandi-Brücke war stark angerostet

Ingenieure warnten schon im vergangenen Februar, dass die Spannseile der eingestürzten Brücke in Genua zu bis zu 20 Prozent verrostet waren. Unternommen wurde nichts. Derweil leitet die Regierung die Rückkehr zur Verstaatlichung der Autobahnen ein.
Dominik Straub, Rom
Die Pfeiler Nummer 9 und 10 der Morandi-Brücke weisten bereits länger erhebliche Mängel auf. Ersterer ist vergangenen Dienstag eingestürzt und hat dabei 43 Todesopfer gefordert. (Bild: Gregorio Borgia/AP; 17. August 2018)

Die Pfeiler Nummer 9 und 10 der Morandi-Brücke weisten bereits länger erhebliche Mängel auf. Ersterer ist vergangenen Dienstag eingestürzt und hat dabei 43 Todesopfer gefordert. (Bild: Gregorio Borgia/AP; 17. August 2018)

Die Autobahnbetreiberin Autostrade per l’Italia (eine Tochter der Atlantia-Gruppe), das Transportministerium, die Generaldirektion für die Überwachung der Autobahnen: Sie alle wussten, dass die Morandi-Brücke, die am 14. August in Genua eingestürzt ist, stark angerostet war. Dies belegen brisante Dokumente, welche die italienische Zeitung «L’Espresso» am Wochenende veröffentlicht hat.

In einem Bericht haben sieben Ingenieure festgestellt, dass die Tragseile an den Brückenpfeilern Nummer 9 und 10 wegen Korrosion «zehn bis zwanzig Prozent ihres Volumens» verloren hätten. Der Brückenpfeiler Nummer 9 und mit ihm rund 200 Meter Fahrbahn waren am 14. August eingestürzt; bisher wurden 43 Tote geborgen. Die sieben Ingenieure hatten ein Sanierungsprojekt von 25 Millionen Euro zu beurteilen, mit denen die Autostrade per l’Italia die Spannseile verstärken wollte. Fünf der Experten stammten aus dem Transportministerium, zwei von der Autobahnbetreiberin; ihr Bericht datiert vom 1. Februar 2018.

Untersuchungsmethoden mit hohen Fehlerquoten

Neben den festgestellten massiven Rostschäden bemängelten die Ingenieure zudem «einige diskutable Aspekte bezüglich der Einschätzung der Widerstandsfähigkeit des Zements». Im Hinblick auf das Sanierungsprojekt seien Untersuchungsmethoden verwendet worden, die hohe Fehlerquoten aufwiesen und von der Wissenschaft als veraltet angesehen würden. Moderne Methoden wie eine Durchleuchtung der betonierten Stahlseile mit Gammastrahlen oder Probebohrungen seien dagegen unterblieben.

Allerdings: In ihrem Bericht hielten die Experten fest, dass die Brücke auch dann noch sicher wäre, wenn die Spannseile bis zu 50 Prozent ihres Volumens eingebüsst hätten. Und trotz der Mängel bei der Untersuchung des Brückenzustands attestierten sie dem Prüfbericht, er sei «sorgfältig verfasst, umfassend und methodisch einwandfrei». Und die Ingenieure schlugen auch keine Vorsichtsmassnahmen vor. In der Folge unterliessen es die Betreibergesellschaft und das Transportministerium, die Brücke zu sperren oder wenigstens Verkehrsbeschränkungen wie ein Fahrverbot für den Schwerverkehr, eine Reduktion der Zahl der Fahrspuren oder eine Geschwindigkeitsbeschränkung zu verfügen.

Die von «L’Espresso» veröffentlichten Dokumente belegen, wie massiv sämtliche Stellen und Behörden, die für die Sicherheit und Überwachung der Autobahnen zuständig sind, die Stabilität und Tragfähigkeit der Morandi-Brücke trotz der seit langem bekannten Korrosionsschäden überschätzt hatten. Was genau zum Einsturz der Brücke geführt hat, ist bisher noch nicht bekannt. Nach der Sichtung der Bilder von mehreren privaten Über­wachungs- und Handykameras durch die von der Regierung eingesetzten Untersuchungskommission deutet aber vieles darauf hin, dass wohl tatsächlich ein Riss der Spannseile an Pfeiler Nummer 9 die Brücke hat einstürzen lassen. Mit dem Einsturz beschäftigt sich auch die Staatsanwaltschaft.

Regierung sieht ganze Schuld beim Betreiber

Obwohl die neue Regierung aus Lega und der Fünf-Sterne-Bewegung seit fast drei Monaten im Amt ist und demzufolge ausreichend Zeit gehabt hätte, auf die Berichte über die Rostschäden an der Morandi-Brücke zu reagieren, sind die neuen Minister nach wie vor nicht bereit, über eigene Verantwortlichkeiten auch nur nachzudenken. Die ganze Schuld an dem Desaster wird weiterhin der Autobahnbetreiberin Atlantia zugeschoben, welche zum Imperium der Benetton-Familie gehört. Atlantia hatte am Wochenende angeboten, eine halbe Milliarde an Entschädigungen zu zahlen und innerhalb von acht Monaten einen neuen Viadukt anstelle der eingestürzten Brücke zu bauen.

Vizeregierungschef Luigi Di Maio (Cinque Stelle) hat das Angebot umgehend mit den Worten zurückgewiesen, dass der Staat keine Almosen annehmen werde. Stattdessen hat sein Parteikollege und Transportminister Danilo Toninelli gestern im «Corriere della Sera» ein Gesetz angekündigt, mit welchem die Wiederverstaatlichung der italienischen Autobahnen eingeleitet werden soll. Das Projekt wird auch von Innenminister Matteo Salvini von der Lega ausdrücklich unterstützt. Mit der Verstaatlichung der 1999 privatisierten Autobahnen hofft die Regierung, milliardenschwere Entschädigungen an Atlantia zu vermeiden, die beim blossen Entzug der Konzession wohl unvermeidlich würden.

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