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Nordkoreaner in Polen: Moderne Sklaverei an der Ostsee

Der Vorwurf lastet schwer: Nordkorea soll Zwangsarbeiter auch nach Polen schicken. Die Rede ist von 24-Stunden-Schichten und extrem niedrigen Löhnen. Nun geht ein Nordkoreaner juristisch vor – mit einem Trick.
Philipp Fritz, Warschau
Blick in eine Werft in Danzig an der polnischen Ostsee. (Bild: Archivbild: John Guillemin/Bloomberg News (21. April 2009)

Blick in eine Werft in Danzig an der polnischen Ostsee. (Bild: Archivbild: John Guillemin/Bloomberg News (21. April 2009)

Fast 400 Meter lang und 70 Meter breit ist das Dock, darüber steht einer der grössten Laufkräne der Ostseeküste. In vier Hallen werden hier Teile für Containerschiffe und Offshore-Windparks gefertigt, meist für das westeuropäische Ausland. Die Firma Crist im polnischen Gdynia scheint wirtschaftlich gut dazustehen. Auch, weil sie 37 Millionen Euro von der EU bekommen hat. Das Geld stammt aus einem Fonds, der Arbeitsplätze in strukturschwachen Regionen schaffen soll.

Was den Beamten in Brüssel wohl entgangen war: Nicht alle, die hier arbeiten, sind möglicherweise freiwillig hier. Über ein umständliches Konstrukt von Subunternehmern und Leiharbeitsfirmen waren hier allem Anschein nach Arbeitskräfte aus Nordkorea im Einsatz. Und zwar zu niedrigen Löhnen und unter menschenunwürdigen Bedingungen. Nordkoreaner, die unter sklavenähnlichen Umständen im Ausland arbeiten: So etwas ist aus Russland oder China bekannt – findet aber auch mitten in der EU statt, wie das Beispiel Polen zeigt.

Pjöngjangs langer Arm

Doch jetzt gibt es Widerstand. Erstmals hat sich ein Nordkoreaner, der angibt, in der Werft in Gdynia gearbeitet zu haben, an eine Anwältin gewandt. Er behauptet, das Regime in Pjöngjang habe ihn nach Polen geschickt – wo er gezwungen wurde, zwölf Stunden am Tag unter unwürdigen ­Bedingungen in der Crist-Werft zu arbeiten. Was das bedeutet, zeigt ein anderer Fall von 2014.

Damals kam der Schweisser Chon Kyongsu bei Crist ums Leben. Er trug keinen feuerfesten Schutzanzug, ein Funke sprang über, er verbrannte bei lebendigem Leib. Die polnischen Ermittlungen lenkten zwar Aufmerksamkeit auf die Werft, sie bestätigten die Vermutungen, die Nordkoreaner würden unter unwürdigen Bedingungen arbeiten. Belangt wurde aber niemand. Denn offiziell war Chon Kyongsu nicht von Crist angestellt. Die polnische Justiz hatte keinen Zugriff. Nun gibt es einen weiteren Fall. Der Mann, der jetzt aussagt, könnte etwas in Rollen bringen. Treffen kann man ihn nicht, auch sein Name ist nicht bekannt. «Aus Sicherheitsgründen kann ich nichts über den Aufenthaltsort des Nordkoreaners sagen», erklärt dessen Anwältin Barbara van Straaten gegenüber unserer Zeitung.

Die niederländische Anwältin gibt sich bedeckt. Nicht nur der lange Arm des nordkoreanischen Regimes stellt eine Bedrohung dar, auch die polnischen Behörden haben sich in der Vergangenheit bei der Aufklärung vergleichbarer Fälle nicht unbedingt kooperativ gezeigt. Auf der einen Seite stehen polnische Unternehmen, für die Nordkoreaner billige Arbeitskräfte sind. Auf der anderen das Regime in Pjöngjang. Für dieses sind die Zwangsarbeiter eine willkommene Geld­quelle. Laut Schätzungen der UN nimmt Nordkorea jährlich 1,2 bis 2,3 Milliarden Dollar ein, indem es seine eigenen Leute im Ausland auf Plantagen oder in Fabriken zumeist schwere körperliche Arbeiten tun lässt. Der Professor für Korea-Wissenschaften an der niederländischen Universität Leiden, Remco Breuker, spricht von «moderner Sklaverei».

Prozess in den Niederlanden

Weltweit sollen in mehr als 40 Ländern 50000 Nordkoreaner unter teils noch grausameren Bedingungen arbeiten. Für Nicht-EU-Bürger stellt Polen fünf verschiedene Formen von Arbeitserlaubnissen aus, keine länger als drei Jahre, es sei denn, sie wird vom Arbeitgeber verlängert. Es ist nicht einfach zu sagen, wie viele Nordkoreaner sich derzeit in Polen aufhalten. Allein im Jahr 2015 wurden 466 Genehmigungen ausgestellt. Ob diese Personen ausgereist sind? Auf eine Anfrage antwortete die polnische Ausländerbehörde, dass sie für Nordkoreaner nicht zuständig sei. Experte Breuker vermutet, dass heute bis zu 800 Nordkoreaner in polnischen Betrieben arbeiten. Auch wenn diese Zahl im Vergleich zu mehreren tausend Arbeitern in China gering ist, so ist Polen aus Sicht Pjöngjangs dennoch wichtig. Die Gehälter sind nämlich höher.

Die Chancen stehen gut, dass es nun durch den von Barbara van Straaten vertretenen Nordkoreaner zu einem Prozess kommt. Dieser fände vor einem niederländischen Gericht statt, denn die Anklage richtet sich in erster Linie gegen ein niederländisches Unternehmen, dem Crist zugeliefert haben soll. Dessen Namen rückt van Straatens Amsterdamer Kanzlei Prakken d’Oliveira nicht heraus. Die polnischen Strafverfolgungsbehörden haben in der Vergangenheit bereits Fälle, in die Nordkoreaner involviert waren, nicht aufgeklärt. Mangelndes Vertrauen in die polnischen Behörden dürfte ein Grund sein, warum van Straaten und ihr Mandant sich für einen Umweg entschieden haben und gegen ein Unternehmen klagen wollen, das indirekt von der Zwangsarbeit profitiert.

Insgesamt gibt es nur wenige Berichte, die Auskunft über die Arbeitsbedingungen von Nordkoreanern im Land geben. Der detaillierteste wurde 2016 von Wissenschaftern des Asien-Zentrums in Leiden unter Federführung von Breuker vorgelegt. In den Jahren 2017 und 2018 wurden Folge­berichte publiziert. Das Team aus Leiden hat es geschafft, in Polen im Geheimen Interviews mit nordkoreanischen Arbeitern zu führen. Aus Sorge um deren Sicherheit und die ihrer Familien in Nord­korea wurden sie anonym zitiert.

Sie geben einen Einblick in eine Lebensrealität, die nicht mit europäischen Arbeitsstandards vereinbar ist, und beweisen, dass polnische Behörden offenbar nicht in der Lage oder bereit sind, diese durchzusetzen. So können sich die Nordkoreaner nicht frei bewegen, sie pendeln lediglich zwischen ihrem Arbeitsplatz und ihrer Gemeinschaftsunterkunft. Dort erhalten sie von Regime­vertretern «ideologischen Unterricht», werden auf Diktator Kim Jong Un eingeschworen. Alles abgeschirmt von der Aussenwelt.

Angehörigen droht Arbeitslager

An sechs Tagen in der Woche arbeiten sie je zwölf Stunden oder länger. Es ist sogar die Rede von 24 Stunden Arbeit ohne Pause, ohne Schlaf. Das geringe Gehalt reicht, um sich verpflegen zu können, der grösste Anteil geht an das Regime, ein kleiner an die Familien daheim. Diese werden sozusagen als Geiseln gehalten. Wenn die Nordkoreaner in Polen nicht liefern, werden ihre Angehörigen bestraft, ihnen droht etwa die Einlieferung in ein Arbeitslager.

«Um das klarzustellen: Wir haben nie nordkoreanische Arbeiter beschäftigt», sagt dazu Tomasz Wrzask, PR-Manager bei Crist, gegenüber unserer Zeitung. «Vor einigen Jahren haben wir mit dem Subunternehmer ­Armex zusammengearbeitet, der auf Stahlarbeiten spezialisiert war», so Wrzask weiter. «Die haben mit vielen Unternehmen ­zusammengearbeitet, auch mit unserer Werft. Die haben die Nordkoreaner eingestellt.» Die polnische Firma Armex hat 2014 tatsächlich nordkoreanische Schweisser vermittelt. Es war eines von zwei Unternehmen, die die Verteilung von nordkoreanischen Arbeitern über polnische Werften übernommen haben. Wrzask beruft sich darauf, dass Armex alle notwendigen Dokumente vorlegen konnte und es so keinen Grund gegeben habe, misstrauisch zu sein:

Anwältin van Straaten betont, dass es ihr nicht explizit nur um Crist gehe. «In der Vergangenheit wurde bereits über Nordkoreaner und darüber berichtet, wie sie in polnischen Werften ausgenutzt werden, auch bei Crist», sagt sie. «Es geht hier um die schrecklichen Arbeitsbedingungen von Nordkoreanern in Polen und konkret um den Fall meines Mandanten.»

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