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MITTELMEER: Zahl der Überfahrten halbiert

Im Juli sind nur noch halb so viele Migranten von Libyen nach Italien gelangt wie im Vorjahr. Europa wertet dies als Erfolg. Die Probleme sollen die afrikanischen Länder wieder selber lösen – mit viel EU-Geld.
Martin Gehlen, Tunis
In Seenot geratene Migranten warten vor der Küste Libyens in Schwimmwesten auf ihre Rettung. (Bild: Santi Palacios/AP (25. Juli 2017))

In Seenot geratene Migranten warten vor der Küste Libyens in Schwimmwesten auf ihre Rettung. (Bild: Santi Palacios/AP (25. Juli 2017))

Martin Gehlen, Tunis

Italiens Innenminister frohlockte. «Wir sehen Licht am Ende des Tunnels», erklärte Marco Minniti in Rom. «Doch der Tunnel ist noch sehr lang, und ich hoffe, ich bin nicht zu optimistisch.»

Die Rede ist von den Bootsmigranten aus Libyen, deren Zahl in den letzten beiden Monaten plötzlich und dramatisch gesunken ist. Im Juli waren es mit 11500 nur noch halb so viele wie im Vorjahr, als 23500 in Italien an Land gingen. Im August registrierten die Behörden lediglich 2250 Neuankömmlinge, ein Zehntel im Vergleich zum August 2016. Hält diese Entwicklung an, wäre dies ein erstes Indiz, dass die Kooperation der Europäischen Union mit den afrikanischen Transitländern und Libyen zu greifen beginnt. Am Montag wollen Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sich mit Spaniens Premier Mariano Rajoy und Italiens Regierungschef Paolo Gentiloni in Versailles treffen, um über das weitere Vorgehen in der Flüchtlingsfrage zu beraten.

«Zu früh, um von einem Trend zu sprechen»

«Es ist noch zu früh, um von einem Trend zu sprechen», warnte Barbara Molinario, Sprecherin des UN-Flüchtlingskommissars. Denn so dramatisch der Rückgang im Juli und August ist, auf die Gesamtstatistik wirkt er sich kaum aus. Die Überfahrten von Libyen nach Italien liegen derzeit mit 98 000 etwa 7000 unter dem Vorjahr. Dafür schnellen sie auf der westlichen Mittelmeerroute von Marokko nach Spanien in die Höhe, wo 4600 mehr eintrafen. Die östliche Route von der Türkei nach Griechenland nahmen bis August 13 000 Menschen.

Seit Anfang 2016 sucht die EU eine engere Kooperation mit der Post-Ghadhafi-Nation und ihren Nachbarn im Süden. Libyens Küstenwache bekam zehn neue Patrouillenboote, die von zwei italienischen Kriegsschiffen unterstützt werden. Viele private Rettungsschiffe mussten sich auf Druck der europäischen Mittelmeerstaaten zurückziehen. Mit dem Sudan, Tschad und Niger, den Haupttransitländern nach Libyen, schloss Brüssel Verträge, um den Transsahara-Verkehr einzudämmen. Im Gegenzug für finanzielle Hilfen in dreistelliger Millionenhöhe gehen die Grenztruppen dieser Staaten jetzt härter gegen Schmuggler und Migranten vor. Bei so viel Geld will auch Ost-Libyens starker Mann, Ex-General Khalifa Haftar, nicht abseitsstehen. Er bot an, für 1 Milliarde Dollar pro Jahr entlang der Südgrenze Libyens alle 100 Kilometer eine 150-Mann-Garnison zu stationieren.

Zudem wächst an Libyens Küstenorten der Widerstand gegen das Schlepperunwesen. «Wir haben die Nase voll von den Menschenschmugglern an unseren Stränden», erklärte Hassen Dhawadi, Bürgermeister von Sabratha, im lokalen Sender Radio Dhawad. Sabratha liegt 70 Kilometer westlich von Tripolis. Von hier riskierten bereits Zehntausende die Überfahrt nach Italien. Nun will die Al-Wadi-Miliz, die aus Bürgern von Sabratha besteht, dem Treiben der Schmuggler ein Ende setzen. Ihre Mitglieder patrouillieren an der Küste, geniessen das Vertrauen der Bevölkerung und werden von der Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis bezahlt. Wen sie am Strand antreffen, den nehmen sie fest und bringen ihn in ein kommunales Lager am Stadtrand, das aus allen Nähten platzt.

«Wir kennen die Schmuggler alle beim Namen, aber können nichts gegen sie tun», sagen die Bewohner, von denen sich viele nachts nicht mehr auf die Strasse trauen. Nach ihren Worten wird das Leben in ihrer Stadt völlig beherrscht von dem Migrantendrama. «Jedes Mal, wenn wird am Strand baden gehen, treffen wir auf Gruppen, die dort auf ihre Abfahrt warten – noch am gleichen Tag oder am Tag darauf», beklagte einer im französischen Rundfunk.

Ausweichen auf gefährlichere Routen

Ob die Strategie der Europäischen Union auf Dauer wirkt, muss sich noch zeigen. Denn die Schmuggler stellen sich in der Regel schnell auf die neue Lage ein. In der Sahara weichen sie wegen der verschärften Kontrollen jetzt auf gefährlichere Routen aus. Allein im Niger rettete die Internationale Organisation für Migration (IOM) seit April über tausend Menschen vor dem Verdursten.

Auch Neuankömmlinge aus Sabratha berichten, dass alles schwieriger geworden sei. «Dort sind Leute, die die Boote an der Abfahrt hindern. Wenn sie dennoch losfahren, werden sie sofort wieder zurück an Land geschickt», zitierte IOM-Sprecher Flavio di Giacomo ihre Aussagen. Die Menschenschmuggler jedoch machen sich aus dem Staub. Sie verlegen jetzt die Abfahrten der Schlauchboote nach Al-Khoms, 200 Kilometer weiter östlich.

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