«Mit zugehaltener Nase»

Ob Grossbritannien in der Europäischen Union bleibt, hängt auch von der Zustimmung der Labour-Wählerschaft ab. Doch die Parteiführung macht einen lauen Abstimmungskampf.

Jochen Wittmann
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LONDON. Ben Bradshaw macht sich grosse Sorgen. Der Labour-Abgeordnete für Exeter im Südwesten Englands trommelt dafür, dass Grossbritannien Mitglied in der EU bleibt. Dafür macht er Abstimmungskampf, verteilt Flugblätter und unternimmt Hausbesuche, um das Gespräch mit den Bürgern zu suchen. Aber auch wenn ihm in dieser Labour-Stadt persönlich viel Sympathie entgegengebracht wird, werden die Leute skeptisch, wenn es um Europa geht. Ob sie im Referendum am 23. Juni für den Verbleib in der EU stimmen werden?

«Es sieht schlecht aus», meint Bradshaw. Der Eindruck, den er von seinen Hausbesuchen mitbringt, lässt ihn für die Volksabstimmung schwarz sehen. Wenige Labourwähler sind begeisterte Europäer. Bestenfalls würden manche «mit zugehaltener Nase» für den Verbleib in der EU optieren. Dabei müssten, so kalkuliert Bradshaw, mindestens 60 Prozent der Labour-Wählerschaft für «Remain» (bleiben) ein Kreuzchen machen, um das Gegengewicht zu den noch skeptischeren Anhängern der Konservativen Partei zu bilden.

Schlecht informierte Anhänger

Um einen Sieg im Referendum zu sichern, braucht es die Stimmen aus dem linken Lager. «Labour-Wähler sind entscheidend», zitierte die «Times» einen Mitarbeiter der «Remain»-Kampagne. «Das ist der Grund, warum wir viele Labour-Sprecher brauchen, denn sie bringen die Nachricht besser herüber.» Doch ausgerechnet Labour-Chef Jeremy Corbyn hat sich ein paar Tage frei genommen, statt Abstimmungskampf zu machen.

Eine exklusive Umfrage für die «Times» zeigte gestern, dass fast die Hälfte aller Labour-Wähler keine Ahnung hat, welche offizielle Position ihre Partei gegenüber der Referendumsfrage einnimmt. Labour streitet für den Verbleib, fast 90 Prozent der 229 Abgeordneten sind dafür. Aber unter den Wählern der Arbeiterpartei wissen das nur 55 Prozent. 45 Prozent denken, dass Labour-Politiker bei der Frage gespalten oder sogar für den Brexit seien.

Der Grund dürfte darin liegen, dass die Parteispitze bisher einen eher lustlosen und lauwarmen Abstimmungskampf betrieben hat. Corbyn, der altlinke Aktivist, der im letzten Sommer überraschend von der Basis zum Parteichef gewählt wurde, hat selbst ein gespaltenes Verhältnis zu Europa. Im letzten Referendum 1976 stimmte er gegen eine Mitgliedschaft. Er hat in der Vergangenheit oft gegen die EU als ein Projekt der Eliten gestritten und wollte lange nicht ausschliessen, im anstehenden Referendum für einen Austritt aus der EU zu stimmen. Jetzt tritt er für einen Verbleib ein, weil die EU Arbeitnehmerrechte und die Umwelt schütze, aber leidenschaftlich klingt er dabei nicht.

Mobilisierung mitentscheidend

Dabei wäre es jetzt entscheidend, das Engagement zu verstärken. Viele traditionelle Labour-Wähler fühlen sich zur rechtspopulistischen Unabhängigkeitspartei (Ukip) hingezogen. Sie wettert gegen eine «unkontrollierte Immigration» und punktet damit bei Arbeitern, die ihre Löhne unter Druck sehen.

Beim Referendum wird es nicht zuletzt auch darauf ankommen, wie hoch die Wahlbeteiligung ist. Apathische Labour-Wähler sind das Letzte, was das «Remain»-Lager brauchen kann. Denn das Austrittslager hat weit weniger Schwierigkeiten, die Leute zu motivieren: «Unser Ziel ist es, am Wahltag an drei Millionen Türen zu klopfen und die Leute zu mobilisieren. Dies wird ein Wahlbeteiligungsreferendum.»

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