Mit seinem Tod starb ein Traum

Die Ergebnisse aus Lausanne bestätigen viele Palästinenser in ihrer Vermutung, dass Yasir Arafat vor neun Jahren ermordet wurde. Ein Besuch in Ramallah, wo das Mausoleum des ehemaligen PLO-Chefs steht.

Susanne Knaul/Ramallah
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Arafats Porträt auf einer Hauswand in Ramallah kurz nach seinem Tod 2004. (Bild: ap/Oded Bality)

Arafats Porträt auf einer Hauswand in Ramallah kurz nach seinem Tod 2004. (Bild: ap/Oded Bality)

Auffallend häufig lächelt das Konterfei des jungen Yasir Arafat in Ramallah Autofahrern und Passanten entgegen: einmal in A4-Format, ein anderes Mal eine ganze Häuserwand ausfüllend. Das Bild aus seinen frühen Jahren als Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) hängt dort in Erinnerung an seinen Todestag, der sich am Montag nächster Woche zum neuntenmal jährt. Noch herrscht wenig Betrieb vor dem Mausoleum auf dem Grundstück der Muqataa, dem Präsidentensitz, auf dem Arafat unfreiwillig seine letzten Lebensjahre verbrachte. Ein einsames Fernsehteam wartet vergebens auf Partner für eine Umfrage über die Untersuchungsergebnisse der Strahlenphysiker aus Lausanne. Der Wachposten vor dem Grab langweilt sich.

«Jetzt muss es einen Prozess geben»

Im Stadtzentrum rund um den Al-Manara-Platz sind deutlich mehr Menschen unterwegs. «Natürlich ist Arafat ermordet worden», sagt ein 27jähriger Ingenieur, der seinen Namen nicht nennen möchte. «Israel hatte Angst vor seinem scharfen Verstand, vor seiner Ideologie und seinem Ziel, unser Land zu befreien», sagt der junge Palästinenser, der mit Frau und Mutter unterwegs ist, um Einkäufe zu tätigen für das moslemische Neujahrsfest. Nun müsse es einen Prozess geben, findet der Mann. «Arafat war ein Mensch wie jeder andere. Jemand muss für den Mord an ihm bestraft werden.»

Fast 40 Jahre lang stand Arafat an der Spitze seines Volkes. Jedes Kind kennt den Palästinenserführer mit dem Kopftuch, das er auf eigene Art spitz um sein Haupt gebunden trug. Mit seinem Tod schien auch der Traum von Palästina ein Stück weit gestorben zu sein. «Wir lieben Arafat», sagt die 22jährige Studentin Rawan Nasrallah. «Er war der beste Präsident, den wir jemals hatten», ist sie überzeugt. Dabei war sie kaum 13 Jahre alt, als Arafat starb. Ob Mord die Ursache war oder Krankheit zu seinem Tod führte, will Rawan erst sagen, wenn es eindeutige Beweise gibt. «Ich war noch zu klein, als es passierte», räumt sie ein. «Ich glaube keiner der beiden Seiten, weder den Palästinensern noch den Israeli.»

Kaum Zweifel an Mordtheorie

Die Skepsis der jungen Studentin ist eine Ausnahme. Kaum jemand zweifelt noch an der Mordtheorie. Dass es neue Erkenntnisse gibt, die den Verdacht einer Vergiftung stärken, wissen nur wenige. Die Palästinenser sind nachrichtenmüde, so scheint es. Aktuell von grösserer Relevanz ist der Friedensprozess. US-Aussenminister John Kerry hat seine aktuelle Nahostreise um einen Tag verlängert, um die Krise in den Verhandlungen beizulegen. «Kerry hat keine Chance», sagt ein junger Beamter. Auch er möchte seinen Namen nicht nennen. Israel wolle keinen Frieden und werde weiter Siedlungen bauen, solange die Amerikaner nicht schärferen Druck ausübten. Dass Kerry Millionen von Dollar für die Palästinenser mitbrachte, findet er nicht überzeugend. «Mein Gott, mit Geld werden wir unsere Probleme nicht lösen.»

Dass die neuen Erkenntnisse in der Affäre Arafat Einfluss auf die Friedensverhandlungen haben könnten, glaubt der Mann nicht. Es geht um den Siedlungsbau und um den Grenzverlauf, um das Flüchtlingsproblem und Jerusalem, all die grossen Probleme, die Arafat gern noch selbst geregelt hätte.

Ariel Sharons tiefe Abneigung

Ob mit oder ohne den Untersuchungsbericht – die Meinungen sind gefestigt. Israels damaliger Ministerpräsident Ariel Sharon machte aus seiner tiefen Abneigung gegenüber dem Palästinenser-Chef nie einen Hehl. Er muss, so glauben viele, an Arafats Tod schuld sein. Vermutlich hätte er seinen Erzfeind tatsächlich schon viel früher exekutieren lassen, hätte sich dafür eine Gelegenheit ergeben. Versucht haben soll er es. Die Tatsache, dass trotz zahlreicher Untersuchungen eine Diagnose der Krankheitssymptome ausblieb, erschwert den Verdacht gegen Israel.

In Jerusalem ist unterdessen von einer «Untersuchungs-Seifenoper» die Rede. Ein Regierungssprecher nannte den Bericht der Schweizer Radiologen schlicht eine Farce. Israels Regierung habe zum Zeitpunkt von Arafats Tod keinerlei Interesse mehr an ihm gehabt. Dov Weisglas, damals Bürochef von Sharon, streitet schon fast gelangweilt ab, dass es je den Plan einer Exekution gab. Im November 2004 sei Arafat «völlig irrelevant» gewesen, meint er. Die Terrorwelle der Al-Aqsa-Intifada war damals schon lange vorbei.

Arafats Frau bewegt kaum noch

Israels Argumente tun der Mordtheorie nicht den geringsten Abbruch. Für Suha Arafat ist das Ergebnis der Strahlenphysiker aus Lausanne nun endgültig Beweis für ein Attentat, dessen Spuren nach Jerusalem führen. Notfalls zu jedem Gericht will sie gehen, um die Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen. In Ramallah regt sich kaum noch jemand auf über die Frau des früheren Palästinenserpräsidenten, die es sich auf Kosten des Volkes im Ausland gutgehen liess.

Dass Suha Arafat strikt uneigennützige Motive dazu antrieben, die Ursachen, die zum Tod ihres Mannes führten, mit so grosser Verspätung untersuchen zu lassen, will ihr auch jetzt keiner glauben. «Sie war seine Frau, das ist alles», sagt die Studentin Rawan. Für Palästina habe Suha nie viel übriggehabt. «Vielleicht will sie uns einfach beweisen, dass ihr Arafat doch wichtig war.»

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