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Mit roten T-Shirts gegen Salvini

Angesichts von Hunderten ertrunkenen Flüchtlingen regt sich in Italien Widerstand gegen die Schliessung der Häfen für private Rettungsschiffe. Allerdings wird der harte Kurs von Innenminister Matteo Salvini nach wie vor von einer Mehrheit der Bürger unterstützt.
Dominik Straub, Rom
Viele Italiener bekundeten am Wochenende ihre Solidarität mit Flüchtlingen. (Bild: Stefano Montesi/Getty (Rom, 7. Juli 2018))

Viele Italiener bekundeten am Wochenende ihre Solidarität mit Flüchtlingen. (Bild: Stefano Montesi/Getty (Rom, 7. Juli 2018))

Hunderttausende Italiener, darunter zahlreiche Prominente und Politiker, haben sich am Wochenende ein rotes Hemd oder T-Shirt angezogen – um ein Zeichen zu setzen «gegen das Ausbluten der Humanität, gegen den Zynismus der Angstmacher, die das Retten von Menschenleben zu einem Verbrechen erklärt haben», wie es in einem Aufruf des landesweit bekannten Anti-Mafia-Priesters Don Luigi Ciotti hiess. Der Protestaktion haben sich zahlreiche Bürgerinitiativen und Vereine angeschlossen; #magliettarossa («#roteshemd») war am Samstag auf Twitter der am häufigsten verwendete Hashtag in Italien.

Der grosse Erfolg der Protestaktion belegt, dass in Italien die Kritik und die Empörung über die von Innenminister Matteo Salvini (Lega) verfügte Hafensperre für NGO-Schiffe wächst. Denn die Blockade gegen die privaten Helfer und der gleichzeitige Rückzug der italienischen Küstenwache von der libyschen Küste haben tragische Folgen: Seit der Schliessung der Häfen sind vor Libyen schon mehrere hundert Flüchtlinge ertrunken, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. Viele Kinder würden von ihren Müttern vor der Überfahrt rot eingekleidet, in der Hoffnung, dass sie im Fall eines Schiffbruchs von den Rettern in den Fluten schneller erkannt würden, sagt Don Ciotti. Das habe ihn auf die Idee mit den roten Hemden gebracht.

Gelder reichen kaum für das Nötigste

Auch Chiara Tommasello hat am vergangenen Samstag ein rotes T-Shirt angezogen. Die 30-Jährige aus Reggio Calabria ist Mitglied des Kulturvereins Arci, der sich in der kalabrischen Stadt in Projekten zur Betreuung und Integration der Migranten engagiert und die Protestaktion unterstützte. «Im ganzen Land herrscht eine feindselige Stimmung gegenüber den Flüchtlingen, geschürt von der pausenlosen Hetze des Innenministers. Die Flüchtlinge, aber auch ihre Betreuer, werden von der Mehrheit der Bevölkerung als Personen wahrgenommen, die den Italienern etwas wegnehmen wollen», betont Tommasello.

Dabei würden die Migranten, wenn sie erst einmal eine Arbeitsbewilligung hätten, fast ausschliesslich für Arbeiten angestellt, die kein Italiener mehr annehmen würde – in Süditalien in erster Linie als Erntehelfer. Auf den Plantagen von Apulien, Kalabrien, Kampanien und Sizilien schuften Zehntausende, zumeist aus Afrika stammende Einwanderer unter katastrophalen Bedingungen für einen Hungerlohn.

Dass die Arbeit der Flüchtlingsbetreuer unter der neuen Regierung schwieriger geworden ist, bestätigt auch Davide Grilletto, Leiter eines Flüchtlingsprojekts in Villa San Giovanni. Laut Grilletto werden auch die Institutionen und Vereine, die sich im Auftrag des Staats um die Unterbringung und Betreuung der Migranten kümmern, gezielt diffamiert: «Salvini bezeichnet uns als ‹Asyl-Unternehmer› und unterstellt uns, dass wir uns an den staatlichen Subventionen persönlich bereichern.» In Wahrheit reichten die Gelder schon heute kaum für das Nötigste. Der sozialdemokratische Senator Luigi Manconi sprach letzte Woche von einer «konstanten und gezielten Des­informations- und Verleumdungskampagne» der Regierung gegen die privaten Retter und Betreuer.

Kritik auch vom UNO-Flüchtlingshilfswerk

Manche Italiener fühlen sich inzwischen sogar an die faschistische Ära von Diktator Benito Mussolini erinnert. «Die heutige Zustimmung zu den extremistischen Positionen Salvinis entspricht der Begeisterung für den Duce in den Dreissigerjahren», sagt der Erfolgsschriftsteller Andrea Camilleri gegenüber der Zeitung «La Repubblica». Es offenbare sich gerade «eine schlimme Seite der Italiener: ein unterschwelliger Rassismus, der sich auch in der Gleichgültigkeit gegenüber den toten afrikanischen Kindern im Mittelmeer zeige. «Sind das etwa nicht Kinder wie alle anderen auch?» Für Salvini sind es, wie er einmal gesagt hat, ‹künftige Delinquenten›. «Gott möge ihm diese Worte verzeihen», sagte der 92-jährige Autor der Commissario-Montalbano-Krimis.

Die Schliessung der Häfen für die NGO-Schiffe ist vergangene Woche auch vom UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR kritisiert worden. UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami erinnerte daran, dass im zentralen Mittelmeer seit Anfang Jahr bereits über 1400 Menschen ertrunken seien und appellierte an die italienischen und europäischen Behörden, die «drastisch reduzierten Rettungen» wieder auszuweiten.

«Das schöne Leben ist vorbei»

Salvini freilich denkt nicht daran: «Die Häfen bleiben zu, die NGO-Schiffe werden Italien nur noch auf Ansichtskarten sehen», erklärte er nach einem der letzten Dramen mit knapp hundert Toten. Nicht er, Salvini, habe die toten Kinder auf dem Gewissen, sondern «diejenigen, die unter den Migranten die Illusion verbreiten, dass es für sie in Europa eine Zukunft gebe». Die Verantwortung tragen also seiner Meinung nach die Retter und die «Gutmenschen», welche die Geretteten anschliessend betreuen. «La pacchia è finita», betont Salvini: Das «schöne Leben ist vorbei», und zwar für die Flüchtlinge als auch für die Retter und Betreuer.

Dem harten Kurs pflichtet eine klare Mehrheit der Italiener bei, zumindest bis jetzt. In einer Umfrage haben 59 Prozent der Befragten angegeben, dass sie mit der Schliessung der Häfen einverstanden seien. Die Lega von Salvini, die bei den Parlamentswahlen vom 4. März noch auf 17 Prozent gekommen war, liegt in den Umfragen inzwischen bei über 30 Prozent. Dabei gibt es die von Salvini unablässig beschworene «Invasion» der Flüchtlinge gar nicht mehr: Durch Abkommen mit den libyschen Behörden und mit Stammesvertretern war es der sozialdemokratischen Vorgängerregierung gelungen, die Zahl der ankommenden Bootsflüchtlinge seit dem vergangenen Sommer um über 80 Prozent zu reduzieren. Die Situation in den italienischen Aufnahmezentren ist derzeit so entspannt wie seit Jahren nicht mehr.

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