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«Mit meinem Freund Wladimir»

Russisch-türkischer Neuanfang: Heute besucht der türkische Präsident Erdogan in St. Petersburg Russlands Staatschef Putin. Das tiefgreifende Zerwürfnis wegen des Abschusses eines russischen Kampfjets soll vergessen werden.
Klaus-Helge Donath

MOSKAU. So schnell, wie sie sich überworfen haben, so schnell wird nun an der Wiederherstellung enger Beziehungen gearbeitet. Russland und die Türkei bewegen sich im Zeitraffer aufeinander zu. Heute reist der türkische Präsident Recep Erdogan in die Heimatstadt seines russischen Amtskollegen Wladimir Putin nach St. Petersburg. Die Gespräche «mit meinem Freund Wladimir» würden eine neue Seite in den beiderseitigen Beziehungen aufschlagen, sagte Erdogan am Vorabend der Visite.

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets im türkischen Luftraum an der Grenze zu Syrien verhängte Moskau im November gegen Ankara weitreichende Sanktionen. Putin war ausser sich. Das russische Staatsfernsehen stilisierte seither den türkischen Präsidenten zum Inbegriff des Satans. Affekte auf beiden Seiten überschlugen sich – und doch blieb der Eindruck zurück: der Hysterie haftete etwas Künstliches an. Eigentlich waren sich die Kontrahenten nie fremd. Die Zeitschrift «Foreign Policy» nannte Erdogan denn auch die «anatolische Version des russischen Präsidenten». Bei der Errichtung eines autoritären Präsidialsystems hinkte der Türke dem Russen damals noch hinterher.

Erdogan von Russland gewarnt?

Putin verlangte eine Entschuldigung, Erdogan sträubte sich. Erst im Juni schickte der Sultan dem Zaren das Schuldeingeständnis. Seither laufen die Kontakte auf Hochtouren. Nach dem Putsch türkischer Militärs versicherte der Kremlchef Erdogan umgehend seiner Solidarität. Westliche Regierungschefs taten dasselbe, jedoch warnten sie ihn davor, mit der Verfolgung der Putschisten nicht auch noch die Fundamente der türkischen Demokratie zu schleifen. Solche Kritik war von russischer Seite nicht zu erwarten.

Die beiden Eiferer scheinen sich versöhnt zu haben. Aber nicht im Dialog und in Abwägung beidseitiger Schuld. Als klarer Sieger geht Putin hervor, der Erdogan zum Einlenken nötigte. Dessen Politik in Syrien scheiterte, auch werden die Kurden weiter von Russland und den USA gegen den Willen Ankaras unterstützt.

Die wachsende türkische Distanz zum Westen beflügelt den Kreml derweil. Russland behauptet, vom Westen belagert zu werden. Nun stösst auch Erdogan ins selbe Horn. Bereits im Mai sandte Moskau Signale nach Ankara. Der Kreml war über Forderungen einiger Nato-Anrainer des Schwarzen Meeres irritiert, die das Bündnis zu mehr Aktivitäten in der Region aufforderten.

Für den Kreml sind der Orientierungsverlust Erdogans und der Ausgang des Putsches ein Geschenk. Bei einem Sieg der Militärs wäre Russland als Partner nicht in Betracht gekommen. Im Gegenteil, die Westausrichtung wäre unumkehrbar geworden. Hartnäckig halten sich in Moskau daher Gerüchte, der russische Geheimdienst habe Erdogan vor den Militärs gewarnt.

Kreml ist der Gewinner

Erdogans Kniefall im Juni und der Besuch in St. Petersburg lassen mit Blick auf das persönliche Machtverhältnis keine Fragen offen. Putin hat das Sagen. Wieder ist er fein raus: Nach Ägypten und dem, was von Syrien noch übrig bleibt, sucht nun auch die Türkei Moskaus Nähe. Selbst Israel und Teheran sehen im Kreml, wenn auch verhalten, einen potenziellen Ansprechpartner. Russlands Einfluss im Nahen Osten ist mit geringem Aufwand in kurzer Zeit gewachsen. Auffallend: im Falle Erdogans kosten Moskaus Propagandamaschinen den Erfolg nicht aus. Der EU-Kritik an der Türkei hält Russland eine «wertfreie» Aussenpolitik entgegen. Auch das dürfte für Ankara zurzeit attraktiv sein. Innenpolitisch liegen sie ohnehin auf einer Höhe. Beide bemühen einen überbordenden Nationalismus, versuchen die imperiale Vergangenheit neu zu beleben und huldigen im Religiösen einem orthodoxen Obskurantismus oder radikaleren Islamismus.

Eurasische Union statt EU?

Wird sich die Türkei vom Westen verabschieden und auch der Nato den Rücken kehren? Noch ist das nicht abzusehen. Moskau träumt aber von einer neuen Allianz. Nach der Normalisierung der Beziehungen zur Türkei könnte diese neben Russland und Kasachstan zu einem neuen Motor in der Eurasischen Wirtschaftsunion werden. Die Einbindung der Türkei in diesen Integrationsprozess sieht Wladimir Sotnikow, Leiter des Moskauer «Russland-Ost-West»-Instituts, als vorrangiges Ziel des Gipfels in St. Petersburg. Ähnlich formuliert es auch Fjodor Lukjanow, Herausgeber der führenden russischen Zeitschrift für Aussenpolitik «Russia in Global Affairs». Für Moskau habe die Eurasische Union Priorität. Daran könnte die Türkei als gewichtiger Player teilnehmen. Noch sei aber nicht klar, ob Erdogan sich auf diesen Weg einlassen wolle, meint Lukjanow.

In St. Petersburg wird es aber auch um die Aufhebung von Sanktionen gehen. Und Russland ist an den ins Stocken geratenen Energieprojekten in der Türkei gelegen.

Russische Beobachter halten es zudem nicht für ausgeschlossen, dass der Kreml einen Deal anbietet: Gibt die Türkei die Unterstützung der Opposition gegen Assad auf, stellt Moskau die militärische Hilfe für die Kurden ein.

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