Mit Härte auch gegen Prominente

Der Fall Dominique Strauss-Kahn offenbart ein unterschiedliches Rechtsverständnis in den USA und in Europa. Was dort als normal gilt, entrüstet hier viele.

Thomas Spang
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Vor Gericht: Dominique Strauss-Kahn in New York. (Bild: ap/Richard Drew)

Vor Gericht: Dominique Strauss-Kahn in New York. (Bild: ap/Richard Drew)

washington. Ausnahmen werden für Prominente nicht gemacht. Diese Erfahrung haben vor dem mächtigen Chef des Internationalen Währungsfonds vorher schon viele andere Politiker, Stars und Schauspieler machen müssen. Wer das Gesetz übertritt, muss mit einer Justiz rechnen, die sich rühmt, mit gleicher Härte gegen gewöhnliche Strolche wie Kriminelle in Nadelstreifen vorzugehen. Deshalb blieb Dominique Strauss-Kahn weder das Foto fürs Polizei-Archiv noch die Vorführung in Handschellen und schon gar nicht die Untersuchungshaft erspart.

Rituale der Justiz

Die Franzosen empfanden dabei vor allem das Vorführen in Handschellen als Demütigung. Wie kann jemand, der noch nicht einmal angeklagt ist, wie ein verurteilter Schwerverbrecher den Kameras vorgeführt werden? Diese Frage stellen sich Amerikaner kaum. Der mediale Spiessrutenlauf gilt als ganz selbstverständlicher Teil der Justiz, als Ritual. Erfolgreiche Staatsanwälte verstehen es, dieses Ritual zu inszenieren, um Geschworene zu beeinflussen und sich bei den Medien beliebt zu machen. Die Sirenen heulen auf, das Blaulicht blinkt, und im Blitzlichtgewitter entstehen die Bilder, die Karrieren zerstören können. «Zeige die Handschellen», ruft ein Produzent seinem Kameramann zu, als der zerknitterte Strauss-Kahn das Gefängnis in Harlem verlässt.

Den Vorwurf eines «globalen Lynchens», wie er aus Europa über den Atlantik schallt, versteht in den USA kaum jemand. Traditionell wird den freien Medien und dem Recht auf «freie Rede» in den USA grösseres Gewicht eingeräumt, als Persönlichkeitsrechten wie etwa dem Schutz der Ehre. Aus amerikanischer Sicht hat der IWF-Chef ohnehin keinen Grund, sich zu beschweren. Kann er sich mit Staranwalt Benjam Brafman doch einen der besten Verteidiger der Zunft leisten. Ein Privileg, das seine Erfolgsaussichten vor Gericht deutlich hebt.

Unterschiedliches Verständnis

Tief klafft der Graben zwischen Europa und den USA beim Verständnis und der Bewertung von Straftaten. In Frankreich käme Strauss-Kahn bei einem Beweis der «versuchten Vergewaltigung» mit drei bis fünf Jahren Gefängnis davon. In New York drohen ihm bei einer Verurteilung in allen ihm vorgeworfenen Punkten dagegen bis zu 70 Jahren hinter Gitter.

Gewalt gegen Frauen wird aus Sicht der Amerikaner in Europa oft genug als ein Kavaliersdelikt behandelt. Vor allem Franzosen und Italiener, aber auch Deutsche gelten als zu lax im Umgang mit Sexualdelikten. Ein Vorwurf, der schnell als typisch amerikanische Prüderie oder Doppelmoral abgetan wird. Dabei haben die Vorwürfe gegen Strauss-Kahn wenig mit der Sex-Besessenheit der Amerikaner zu tun, die etwa das Spektakel um Bill Clintons Affäre mit Monika Lewinsky antrieb.