Mit der Kraft des Windes

In der Themsemündung ist die grösste Windfarm der Welt mit 175 Turbinen eingeweiht worden. Noch grössere Projekte sind bereits in Planung. Grossbritannien hat ein enormes Potenzial an erneuerbarer Energie.

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20 Kilometer vor der Küste Südostenglands stehen 175 Windräder, die Strom für eine halbe Million Haushalte liefern. (Bild: getty/Chris Ratcliff)

20 Kilometer vor der Küste Südostenglands stehen 175 Windräder, die Strom für eine halbe Million Haushalte liefern. (Bild: getty/Chris Ratcliff)

Die Briten lieben es, Rekorde aufzustellen. Einen eindrucksvollen haben sie gerade erzielt. In diesem Sommer ist vor der Küste Südostenglands die grösste Offshore-Windfarm der Welt eingeweiht worden. Als «phantastische Weltbestleistung» hat Premierminister David Cameron dieses Sammelsurium von Turbinen namens London Array gelobt. Auch britische Umweltschützer können ihre Freude nicht verhehlen. Zur Abwechslung geht es nicht um Atomkraftwerke, Fracking oder Nordseeöl. Allein der Wind soll eine halbe Million britischer Haushalte mit Energie versorgen. Wenn bis Ende 2016 auch Phase Zwei von London Array gebaut ist, soll diese Zahl noch einmal kräftig steigen.

Angesiedelt ist das neue Turbinenfeld zwanzig Kilometer vor der Küste nicht weit vom Seebad Ramsgate. Die Windräder, jedes grösser als das berühmte London-Eye-Riesenrad, sind über Kabelsysteme von mehr als 400 Kilometern Länge mit verschiedenen Transformatorenstellen verbunden. Von dort wird der Strom ins nationale Netz geleitet. Er soll vor allem der britischen Hauptstadt dienen.

Windräder sind kaum zu sehen

Zwölf Jahre hat es gedauert, bis diese «Weltbestleistung» in den Wellen der Nordsee konkrete Gestalt annahm. Dabei sind nicht alle Küstenbewohner glücklich über die Windkraftpläne. Die Fischerverbände vor allem murren. Das Turbinengebiet ist nunmehr für sie unbefahrbar geworden. Misstrauisch waren auch einflussreiche Tierschutzorganisationen wie die Königliche Gesellschaft für Vogelschutz. Dem Bau von London Array stimmte die Gesellschaft jedoch am Schluss zu, weil bei der Ausbauphase die Überwinterungsgebiete von 6500 Sterntauchern nicht gefährdet wurden.

Die meisten Briten scheinen Offshore-Projekte mittlerweile zu tolerieren. Wohl hauptsächlich, weil deren Windräder nicht oder nur aus grosser Ferne zu sehen sind. Eine Reihe weiterer Projekte ist bereits im Bau oder in Planung – darunter die Triton-Knoll-Windfarm an der ostenglischen Küste, die vor ein paar Tagen grünes Licht erhalten hat. Triton Knoll soll den Briten den nächsten Weltrekord bescheren und bis 2021 mit über 300 Turbinen 1,2 Gigawatt (doppelt so viel wie London Array) produzieren. Auch andere Offshore-Windfarmen dieser Grössenordnung sind vorgesehen.

Das Zehnfache des Energiebedarfs

Der Anteil der Windkraft an der britischen Energieproduktion liegt beim EU-Mittel von sieben Prozent. Dänemark steht mit 27 Prozent an der Spitze. Portugal, Spanien, Irland und Deutschland liegen ebenfalls vor Grossbritannien. Das Nachhinken hat seine Gründe. Vor allem hat es mit dem sträflichem Desinteresse Londons in der Pionierzeit der Windkraft und mit langen Jahren billiger fossiler Brennstoffe zu tun. Dabei verfügt kaum eine Nation weltweit über so günstige Küsten- und Windbedingungen wie Grossbritannien. Die Regierung selbst geht davon aus, dass Offshore-Windfarmen mit Tausenden von Turbinen theoretisch das Zehnfache des britischen Energiebedarfs decken könnten. Denn auf den Britischen Inseln weht immer irgendwo der Wind.

«Wir haben einige der besten Quellen erneuerbarer Energie in Europa – aber die Regierung tut nicht genug, um dieses Potenzial zu entwickeln», heisst es bei der Umweltschutzorganisation «Friends of the Earth». «Es wäre tragisch, wenn wir diese Gelegenheit nicht beim Schopf packen würden.»

Peter Nonnenmacher, London