Mit der Gnade Obamas darf er nicht rechnen

Der Computerspezialist hat den NSA-Skandal aufgedeckt – jetzt setzt ihm Regisseur Oliver Stone ein filmisches Denkmal.

Remo Hess
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epa05539442 Edward Snowden, seen via satellite from Moscow, Russia, speaks during a press conference about a new campaign to persuade US President Barack Obama to pardon him for violating the United States' Espionage Act in 2013 by leaking classified documents in New York, New York, USA, 14 September 2016. The campaign, which is being launched by several human rights organizations including the American Civil Liberties Union, Human Rights Watch, and Amnesty International. EPA/JUSTIN LANE (Bild: JUSTIN LANE (EPA))

epa05539442 Edward Snowden, seen via satellite from Moscow, Russia, speaks during a press conference about a new campaign to persuade US President Barack Obama to pardon him for violating the United States' Espionage Act in 2013 by leaking classified documents in New York, New York, USA, 14 September 2016. The campaign, which is being launched by several human rights organizations including the American Civil Liberties Union, Human Rights Watch, and Amnesty International. EPA/JUSTIN LANE (Bild: JUSTIN LANE (EPA))

Dunkles Hemd, randlose Brille, akkurat frisiert – als Edward Snowden per Liveübertragung aus Moskau auf die Leinwand des Brüsseler Kinosaals projiziert wird, macht seine Erscheinung einen vertrauten Eindruck. Das liegt aber nicht am zuvor gezeigten Film «Snowden» des Hollywood-Regisseurs Oliver Stone, der erklärt, wie der ehemalige US-Geheimdienstagent hochsensible Daten ausser Landes schaffen und damit das US-Spionageprogramm «Prism» enthüllen konnte. Vielmehr ist das Bild Snowdens, wie er sich aus seinem Moskauer Exil in Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen auf der ganzen Welt einschaltet, mittlerweile eine Ikone geworden. Snowden ist eine Marke, eine öffentliche Inszenierung. Bei Kundgebungen gegen Massenüberwachungen und für digitale Grundfreiheiten tragen die Leute nicht mehr bloss Guy-Fawkes-Masken. Auch das Gesicht Snowdens ist nun Symbol der Auflehnung gegen den Überwachungsstaat.

Dabei hatte «Ed» doch gar nie vor, zur Leitfigur des digitalen Widerstandes zu werden. Oliver Stones Blockbuster zeichnet das Bild eines hochtalentierten jungen Amerikaners, der sich berufen sieht, seinem Land zu dienen. Als er feststellen muss, dass NSA, CIA und FBI Grundwerte wie Freiheit und Recht mit Füssen treten, entschliesst sich Snowden zum Verrat – nicht weil er seinem Land schaden will, nein, weil er es liebt. So weit die freilich überzeichnete Hollywood-Fassung. Aber ehrenwerte Absichten reklamiert Snowden auch in der Realität. Ist es nur eitler Narzissmus und Profilierungssucht, wie im Falle von Wikileaks-Gründer Julian Assange? Dieser sagte einst, seine Motivation bestehe darin, «den Mächtigen in die Suppe zu spucken». Oder ist es echter Idealismus? Für die Sache ist es irrelevant. Es ist gut und wichtig, dass die Massenüberwachung durch amerikanische Geheimdienste aufgedeckt wurde, dass über die ethisch fragwürdigen Drohnenangriffe und ihre Kollateralschäden diskutiert wird und dass die Steuerrabatte multinationaler Unternehmen endlich zum Thema werden. Aber weil der Zweck eben nicht alle Mittel heiligt, ist es wichtig, sich der Triebfeder solchen Handels bewusst zu werden. Das gilt für Bankmitarbeiter, die Steuer-CDs für Millionenbeträge nach Deutschland verkaufen, ebenso wie für Politiker, die vertrauliche Informationen an Journalisten weitergeben.

Im Fall Edward Snowdens scheint die öffentliche Meinung gemacht. Diese Woche forderten US-Berühmtheiten, darunter Ex-Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders, gemeinsam mit Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International Straffreiheit für Snowden im Falle einer Rückkehr nach Amerika. Dass er von Obama in einer seiner letzten Amtshandlungen begnadigt wird, ist jedoch unwahrscheinlich. Edward Snowden habe mutmasslich schwere Vergehen gegen den amerikanischen Staat begangen und müsse sich vor Gericht verantworten, hiess es aus dem Weissen Haus. Dass das Urteil der Justiz gegen ihn ausfallen würde, ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche.