Mit Cyberwaffen gegen Syrien

US-Präsident Barack Obama hat neue militärische Optionen für einen Einsatz gegen Syrien verlangt. Hinter verschlossenen Türen wird der Einsatz von Cyberwaffen diskutiert.

Thomas Spang
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WASHINGTON. Das Bombardieren von Kommandozentren des syrischen Regimes liesse sich nicht verstecken. Als militärische Einmischung der Supermacht würde auch die Zerstörung von Radaranlagen oder Raketenstellungen gewertet. Was aber passierte, wenn die Supermacht ihre für viele Milliarden Dollar entwickelten Cyberkapazitäten nutzte, die syrische Luftwaffe daran zu hindern, die Zivilbevölkerung anzugreifen? Dies müsste nicht einmal offen geschehen, sondern könnte wie im Fall der Stuxnet-Attacke auf das iranische Atomprogramm, als verdeckte Operation angelegt sein.

Neue Form der Kriegsführung

Solche Fragen werden angesichts der prekären humanitären Lage in Syrien zurzeit im Nationalen Sicherheitsrat (NSC) von Präsident Obama mit neuem Nachdruck abgewogen. NSC-Sprecherin Caitlin Hayden lehnt es ab, auf die internen Diskussionen einzugehen, bestreitet aber nicht, dass die Regierung ernsthaft darüber nachdenkt. «Wir haben eine Bandbreite an Instrumenten zur Verfügung, unsere nationale Sicherheit zu schützen, einschliesslich Cyberwaffen», sagte Hyden gegenüber der «New York Times». «Der Präsident hat eine Richtlinie unterschrieben, die Prinzipien und Verfahren festlegt, wie unsere Cyberwerkzeuge voll integriert werden.»

Das Thema ist brisant, weil es eine neue Form der Kriegsführung bedeutete. Experten vergleichen den Einsatz von Cyberwaffen mit dem erstmaligen Einsatz von Flugzeugen für militärische Zwecke im Ersten Weltkrieg. Die Konsequenzen lassen sich nur schwer abschätzen. Der in den vergangenen acht Jahren für die Entwicklung der Cyberkapazitäten zuständige NSA-Chef Keith Alexander sagte kürzlich in einem Interview, die neuen Waffen seien vielleicht fünf Mal eingesetzt worden.

Unberechenbare Vergeltung

Während einige Sicherheitspolitiker argumentieren, die Kriegsführung durch eine Armee von Hackern via Internet und Smartphones habe im Vergleich zum Einsatz konventioneller Waffen einen weniger eskalierenden Charakter, weisen andere darauf hin, dass dies im Zielland ganz anders wahrgenommen werden könnte. Wenn in Syrien sprichwörtlich die Lichter ausgehen und die Flugleitsysteme nicht mehr funktionieren, ist offensichtlich, was vor sich geht. Genau das ist Teil der Diskussionen im Weissen Haus, das im Frühjahr 2011 schon einmal über einen solchen Plan beraten hatte, den Pentagon- und NSA-Strategen für eine Intervention in Syrien erarbeitet hatten.

Präsident Obama hat sich anders als im Fall der Stuxnet-Attacke auf Iran bisher nicht dazu durchringen können, grünes Licht zu geben für den Gebrauch des Cyberarsenals in Syrien. Die Bedenken haben dem Vernehmen nach mit der Sorge zu tun, ein Fehlschlag oder eine zu begrenzte oder eine zu wenig zielgerichtete Kampagne könnte die Situation für die Zivilbevölkerung nur verschlimmern.

Hinzu kommt das Potenzial für Vergeltung, das den Amerikanern mit Blick auf die syrischen Kapazitäten allerdings kein Kopfzerbrechen bereitet. Sehr viel ernster wird es, wenn dies Russland oder Iran dazu bewegen würde, Damaskus zur Seite zu springen. Die vermutlich vom iranischen Geheimdienst betriebene «Syrian Electronic Army» wies im vergangenen Jahr mit Angriffen auf die «New York Times» und andere Medien nach, dass auch sie ein paar wirksame Instrumente im Werkzeugkasten der Cyberkriegsführung hat.

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