Mit Baggern gegen die Perspektivlosigkeit

Als Reaktion auf die «Charlie Hebdo»-Anschläge will Frankreichs Regierung die Vorstadtghettos aufwerten. Im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois ist damit bereits begonnen worden. Ein Augenschein an jenem Ort, wo vor zehn Jahren die Banlieue-Krawalle ihren Anfang nahmen.

Stefan Brändle/Clichy-Sous-Bois
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Grau in grau, aber günstig: In Clichy-sous-Bois leben die meisten der rund 30 000 Einwohner in Wohnblocks. Ein Stadtzentrum, das diesen Namen verdient, gibt es nicht. (Bild: afp/Patick Kovarik)

Grau in grau, aber günstig: In Clichy-sous-Bois leben die meisten der rund 30 000 Einwohner in Wohnblocks. Ein Stadtzentrum, das diesen Namen verdient, gibt es nicht. (Bild: afp/Patick Kovarik)

Vielleicht ist es ein Drogenhändler, der den auswärtigen Besucher verscheuchen will. Vielleicht erlaubt er sich auch nur einen Spass. Wie ein Stier in der Arena rast sein weisser Peugeot vor dem Einkaufszentrum auf den Fremden zu. Und verpasst ihn haarscharf.

Willkommen in der Wohnblocksiedlung Le Chêne Pointu, zu Deutsch: Die spitze Eiche. Hier, mitten in Clichy-sous-Bois, das gar kein richtiges Stadtzentrum hat, ragen statt Bäumen 15stöckige Wohnblocks in den Himmel. Im Einkaufszentrum der Siedlung ist die Armut mit Händen zu greifen. Jeans kosten 2.99 Euro, Frauenschuhe 5 Euro. Der Kiosk mit dem gelben «Presse»-Signet verkauft seit Jahresbeginn keine Zeitungen mehr, sondern Pferdewetten. Das ist der Zeitvertreib der älteren Bewohner, während Jugendliche am Eingang herumhängen. «Sie halten die Mauern», nennt das Lamy Monkachi, Sprecherin der Stadtbehörden, ohne jedes Augenzwinkern.

Aber das soll nun anders werden. «Le Chêne Pointu» wurde in den 1960er-Jahren für die aus Nordafrika zuströmenden Arbeiter auf die grüne Wiese gepflanzt und gilt heute als eines der «heissesten» von 750 Problemvierteln Frankreichs, «Zones Urbaines Sensibles» (ZUS) genannt. Jetzt wird die Siedlung von Grund auf renoviert, wie Monkachi im Rathaus erzählt. 1500 Wohnungen in Gebäuden, in denen oft nicht einmal der Lift funktioniert, würden in den nächsten 15 bis 20 Jahren abgerissen oder aufgefrischt. Eine Herkulesarbeit.

Milliarden für die Aufwertung

Premierminister Manuel Valls hat vergangene Woche ein Programm für die bessere «soziale Durchmischung» dieser Einwandererghettos vorgestellt und dafür eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt – zusätzlich zu den bereits gesprochenen fünf Milliarden Euro für laufende Wohnbau- und andere Projekte. An sich ist die Staatskasse leer, doch die Terroranschläge auf «Charlie Hebdo» und den jüdischen Supermarkt im Januar haben Frankreich aufgerüttelt. Valls meinte gar, wegen der Banlieues gebe es eine «geographische, soziale und ethnische Apartheid» getrennt. Deshalb will er reichere Gemeinden mit neuen Bussen zwingen, auf ihrem Gebiet 25 Prozent Sozialwohnungen zu errichten; in ärmeren Orten sollen sie hingegen nicht mehr als 50 Prozent der Wohnfläche ausmachen.

Stigmatisierte Vorstadt

Clichy-sous-Bois hat nicht auf diese Ankündigung gewartet. Die Gemeinde lebt mit dem Stigma, die landesweiten Vorstadtkrawalle von 2005 ausgelöst zu haben. Damals waren die beiden Chêne-Pointu-Jugendlichen Bouna (15) und Zyed (17) bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei durch Stromschläge in einer Trafostation gestorben. Die französische Banlieue explodierte über Nacht, 10 000 Autos gingen in Flammen auf; die Regierung musste den Notstand ausrufen. Nächste Woche – zehn Jahre später – beginnt der Prozess gegen die Polizei vor einem bretonischen Gericht, weit weg vom Brandherd Clichy.

Polizeiwache und neue Wohnungen

Der sozialistische Bürgermeister des Ortes, Claude Dalian, hatte lange für eine «urbanistische Revolution» gekämpft. Nach der Banlieue-Revolte drang sein Aufruf bis in den 15 Kilometer nahen und doch so fernen Elysée-Palast in Paris. Heute verfügt Clichy über ein Arbeitslosenamt und eine Polizeiwache. «Jedes bessere französische Nest hat ein Kommissariat. Clichy und der Nachbarort Montfermeil, wo insgesamt 50 000 Leute leben, mussten aber bis 2010 ohne auskommen», sagt Monkachi. «Heute sind die meisten Einwohner sehr froh über die regelmässigen Polizeipatrouillen. In den letzten fünf Jahren ist die Kriminalitätsrate stark zurückgegangen.» Die Polizeiwache selbst wurde mit einem riesigen Schutzschild überdacht, damit Anwohner der umliegenden Wohntürme keine Objekte auf die ungeliebten «Flics» werfen können.

Vor allem aber setzte der kürzlich verstorbene Bürgermeister durch, dass die ältesten Wohnblocks abgerissen werden. In der Siedlung Forestière (Forst) ist ein Grossteil der Türme bereits gefallen. Nur wenige stehen noch – wie gigantische Tempelsäulen in einer antiken Ruinenlandschaft. Die Fenster sind zugenagelt, die Sprengung ist geplant. Südlich davon bringen Arbeiter den letzten Schliff an drei- und vierstöckigen Gebäuden an. Sie sind hübsch angemalt und haben sogar etwas Grünfläche. Hunderte von «Forestière»-Bewohnern werden hierhin umgesiedelt. Der Wohnraum ist nicht grösser, aber wie eine Anwohnerin sagt: «Es verschafft ein wenig Luft. Man fühlt sich nicht mehr wie ein Huhn in Käfighaltung.»

Umsiedlung ohne Mitsprache

Wie viel die Renovation der «Forestière» kostet, weiss wohl nicht einmal der Staat. «100 Millionen Euro», schätzt Mehdi Bigaderne vom lokalen Verein AC le feu (frei übersetzt: Genug vom Feuer). Der junge Kämpfer für die Rechte von Migrantinnen und Migranten begrüsst das Bauprogramm, stört sich aber daran, dass die Bewohner umgesiedelt worden sind, ohne dass es auch nur einen Informationsabend gegeben hätte. Geschweige denn ein Mitspracherecht. «Dabei müsste man die Leute einbinden, beteiligen, zum Mitmachen anhalten!», findet Bigaderne.

Als noch wichtiger erachtet es der junge Maghrebiner, dass Clichy endlich Anschluss an die Aussenwelt erhält. Derzeit hat die Vorstadtenklave weder eine Schnellstrasse noch eine Zuglinie. Wer in Paris arbeitet, nimmt morgens um 4.57 Uhr den vollgestopften Bus der Linie 601 in den Nachbarort und braucht gut zwei Stunden für den Weg. Das hält auf die Dauer niemand durch. Nun haben die Bauarbeiten für eine Tramlinie begonnen, die Clichy-sous-Bois ab 2018 an das Schienennetz im Grossraum Paris knüpfen wird. «Viele Einwohner werden erstmals eine Chance erhalten, andernorts einen Job zu finden», sagt Bigaderne.

Bauliche Massnahmen genügen nicht

An eine bessere soziale Durchmischung glaubt er hingegen kaum. «Valls will die Mittelklasse nach Clichy bringen. Wenn auch nur eine Pariser Familie hierherkommt, würde mich das aber sehr wundern.» Wie auch das Umgekehrte: Laut einer Studie verlassen 22 Prozent der Migrantenkinder ihr Banlieue-Viertel nicht einmal in den Ferien. «Wie sollen diese armen Familien in bürgerliche Orte umziehen, wenn sie ihre Kinder nicht einmal in die Ferien schicken können?», fragt Bigaderne.

Trotz allem erachtet er die Aufwertung der Banlieue-Viertel als wichtigen Schritt. Endlich bewege sich etwas, so der junge Aktivist. Bauliche Massnahmen genügten aber längst nicht: «Auch das Schulversagen und die Diskriminierung der Jugendlichen bei der Job- und Wohnungssuche müssen bekämpft werden», ist er überzeugt. «Diese Kinder brauchen Perspektiven. Sonst wird sich in zwanzig Jahren, wenn die neuen Mietshäuser wieder alt und baufällig sind, überhaupt nichts geändert haben.»

Im «Le Chêne Pointu» werden in den nächsten Jahren 1500 Wohnungen erneuert. (Bild: pd)

Im «Le Chêne Pointu» werden in den nächsten Jahren 1500 Wohnungen erneuert. (Bild: pd)

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