Mission noch lange nicht beendet

Der Krieg in Mali ist mehr als ein Kampf gegen Jihad-Terror. Die Schuld an der Gewalt liegt nicht nur bei den Rebellen im Norden, sondern auch bei den Machthabern in Bamako. Ein schneller französischer Rückzug zementierte die Krise.

Walter Brehm
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«Der Krieg ist vorbei, wir haben gesiegt.» So oder ähnlich sagt es der französische Präsident. «Die Jihad-Terroristen haben die Fähigkeit zur militärischen Offensive verloren. Jetzt geht es darum, den Norden Malis zu stabilisieren», argumentiert François Hollande. Beides mag stimmen – und ist doch nur die halbe Wahrheit.

Wo sind die Terroristen?

Erstens stellt sich die Frage: Wollen die Jihadisten überhaupt militärische Offensiven im traditionellen Sinn führen? Die grösseren Orte und Städte im Norden Malis wurden den Franzosen und ihren verbündeten malischen und westafrikanischen Truppen weitgehend kampflos überlassen. Nach offiziellen Angaben aus Paris haben die Interventionstruppen bisher einige hundert «Terroristen» getötet. Zu Beginn des Feldzuges wurde deren Zahl aber auf 5000 bis 7000 Bewaffnete geschätzt. Wo sind sie geblieben?

Das Gros dürfte sich in die Wüste und in die Hügelketten nördlich der Linie zwischen den Städten Timbuktu und Tessalit zurückgezogen haben. Dort bieten weitläufige Höhlensysteme und unterirdische Seen gute Verstecke und annehmbare Überlebensbedingungen. Ein Teil der Jihadisten dürfte sich zudem bereits über die Grenze nach Algerien, Mauretanien oder Niger in Sicherheit gebracht haben. Doch nicht alle haben den Rückzug angetreten. Wie sonst wären die Anschläge in «befreiten» Orten und vor allem die neu aufgeflammten Kämpfe um die Stadt Gao zu erklären?

Wer ist Freund, wer ist Feind?

Zweitens stellt sich aber die wichtigere Frage: «Wer sind die Gegner im Norden Malis wirklich, die sich zumindest teilweise auf einen Guerillakrieg einzurichten scheinen? «Wir führen für die Sicherheit Westafrikas und auch Europas Krieg gegen den Jihad-Terrorismus», lautete die weltweit kaum in Frage gestellte Legitimation für den französischen Mali-Feldzug.

Von sechs bewaffneten Gruppen im Norden passen nur zwei in dieses Feindbild: die Al Qaida im islamischen Maghreb (Aqmi) und die Bewegung für Einheit und Jihad in Westafrika (Muhjao).

Neben diesen von Nicht-Maliern dominierten Jihad-Gruppen sind die vier weiteren Rebellenmilizen nicht dem Jihadismus zuzuordnen. Diese Gruppen rekrutieren ihre Kämpfer vor allem unter Bürgern Malis und vertreten vor allem soziale und wirtschaftliche Interessen verschiedener Ethnien im Norden des Landes – allen voran der Tuareg-Nomaden.

Die Tuareg-Rebellen verteilen sich auf drei Gruppen.

• Die Nationale Befreiungsbewegung Azawad (MNLA) ist die grösste Gruppe und klar säkular.

• Die zweitgrösste Tuareg-Gruppe ist die Ansar Dine, die sich islamistisch definiert.

• Zwischen MNLA und Ansar Dine steht die Islamische Bewegung für Azawad (MIA). Sie hat sich von den radikalen Islamisten abgespalten und will mit der Regierung in Bamako verhandeln.

• Die vierte Gruppe, Ansar al-Sharia, ist eine Gründung von Maliern arabischer Herkunft. Dubios ist, dass ihre Waffen von der Regierung Malis stammen, die sie als Ordnungsmacht einsetzen wollte.

Bamakos Verantwortung

Dieses Chaos aber haben die aktuellen und früheren Machthaber Malis angerichtet. Sie brachten die verschiedenen Ethnien im Norden gegeneinander auf, überliessen sie aber ihrem Schicksal – und der Propaganda diverser Rebellengruppen.

Auch die französischen Interventionisten haben inzwischen Probleme mit ihrem offiziellen Hauptverbündeten, der Übergangsregierung in Bamako. Längst kungelt Paris vor allem mit der säkularen MNLA. Deren Vertreter werden vom Aussenministerium in Paris hofiert und dürfen dort auch im Fernsehen auftreten.

Von der Regierung in Bamako und der Bevölkerung im Süden wird aber lauthals gefordert, die MNLA-Führer dem internationalem Strafgericht in Den Haag zu überstellen. In ihren Augen sind die Tuareg an der Krise schuld, weil sie anfänglich mit den Jihadisten verbündet und somit deren Steigbügelhalter in Mali waren. Die jahrzehntelange Ignorierung der Tuareg durch den malischen Staat wird verdrängt.

Ohne Tuareg keinen Frieden

Die Aussichten für die nahe Zukunft Malis bleiben düster:

• Die Terrorgruppen Aqmi und Muhjao sind nicht geschlagen, sondern nur in den unkontrollierbaren Untergrund abgedrängt.

• Der geplante frühe Abzug der französischen Truppen verschärft die Risiken. Malis Soldaten und die Truppen aus Westafrika stehen schon heute im Verdacht, schwere Menschenrechtsverletzungen zu begehen.

• Die bereits geplanten Präsidentschaftswahlen werden die Gewalt in Mali nicht beenden, wenn sie ohne Einigung mit den Tuareg – säkularen und islamistischen – stattfinden. Statt Frieden zu schaffen, bestellten sie nur das Feld für weiteren Jihad-Terror.