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Michelle Obama in ihrer Autobiografie: «Es gab Tage, da hasste ich die Politik regelrecht»

Befreit sie Amerika von Donald Trump? Tritt sie als nächste Präsidentschafts-Kandidatin an – als stünde allein damit Trumps Niederlage in zwei Jahren bereits fest – ja oder nein? Das war, still oder laut, die Hauptfrage vor dem Erscheinungstag von Michelle Obamas Buch.
Max Dohner
Die ehemalige Präsidentengattin Michelle Obama an einer Veranstaltung in ihrer ehemaligen Schule. (Bild: AP Photo/Teresa Crawford)

Die ehemalige Präsidentengattin Michelle Obama an einer Veranstaltung in ihrer ehemaligen Schule. (Bild: AP Photo/Teresa Crawford)

Heute wurde es lanciert, «weltweit auf einen Schlag». Also wie üblich mit ein paar Wirbeln und Kesselbesereien zuvor. Mit Durchgesickertem, wovon nie richtig klar wurde, war das erkämpft, erspürt oder gestreut? Wir bekamen bei Orell-Füssli in Baden bei Ladeneröffnung das erste Exemplar und lasen es anschliessend beim Tee im Café «Himmel».

In Bezug auf die obige Hauptfrage, schrieb die «Süddeutsche Zeitung», müsse man gleich am Anfang alle enttäuschen, die auf eine Präsidentin Obama gehofft hatten. Warum denn, um Himmelswillen, «enttäuschen»? Uns hätte exakt das Gegenteil enttäuscht. Nicht weil wir an dieser Stelle schon darauf gewettet hatten, als Michelle noch First Lady war. Sondern wegen der Lady selbst.

Unser Autor liest Auszüge aus dem Prolog von Michelle Obama

Überlegen schön, klüger als der Rest

Ein Bild von einer Frau – Strahlkraft, Klasse, Souveränität. Strategisch cool und von Natur aus sowieso. Herrlich bei Blitz und Zorn. Schwarz und damit überlegen schön, meist klüger als der Rest. Schattengewächse hätte sie spielend an die Wand geklatscht, hätten Wallflowers nicht ihre Fürsorge geweckt. Michelle ermutigt sie in einem fort: «Mädchen, geht hin, bildet euch!»

Ihr Wesen findet in einem sehr präsenten Körper völlig spannungsfrei Platz; eben das ist seine Präsenz. Beim Tanz, Karaoke, Aerobic war sie umwerfend. Spontaner als alle Pläne von Spin-Doctors und Marketing-Heinis, «voll spontan» zu sein. Triumphatorin auch sonst, sei es als Gartenfee, Mom oder Mann im Haus. Vollendet selbst bei strengstem Protokoll.

Unauslöschlich wird ihr letztes Staatsbankett bleiben – sorry, das ihres Mannes, den, von Michelle geblendet, niemand mehr wahrnahm. Eine Gala für Italiens Premier – und Michelle stand als Gastgeberin an der Schwelle im rosagoldenen Versace-Kleid. Sie hätte gleichermassen einen Botticelli verrückt gemacht in der Renaissance wie Fellini in Cinecittà, weil Hollywood darin verschmolz, Oper und Rap in einer Person. Kurz und gut: die bewunderungswürdigste öffentliche Figur der Welt.

Michelle Obama stellt an ihrer ehemaligen Schule ihr Buch «Becoming» vor. (Bild: AP Photo/Teresa Crawford)

Michelle Obama stellt an ihrer ehemaligen Schule ihr Buch «Becoming» vor. (Bild: AP Photo/Teresa Crawford)

Michelle machte immer klar, dass sie enttäuscht sei von Washington und ohne Bedauern den Weg zurück finde ins «normale» Leben, sei es Chicago oder New York. Der Politik gewann sie herzlich wenig ab – in der Tat: aus ganzem Herzen. Dass sie phasenweise angewidert war davon, hätte die Wahrheit wohl auch ausgedrückt. Im Buch wird sie einmal explizit: «Es gab Tage, Wochen und Monate, da hasste ich die Politik regelrecht.» Warum, zeigt diese scharfe Beobachtung: «Ich habe für Fotos mit Leuten gelächelt, die meinen Mann im Fernsehen aufs Übelste beschimpfen, sich aber trotzdem noch ein gerahmtes Andenken auf den Kaminsims stellen wollen.»

Drastische Attribute wählt Lady Michelle selten – und wirkt nichtsdestotrotz passioniert. Auch jetzt wieder, im Buch. Weil sie sich beherrschen muss, was bei ihren hinreissenden Reden mehr als einmal spürbar war. Und weil sie sich beherrschen kann – heute; als Teenager verhaute sie auf der Strasse noch feindlich gesinnte Schulgören.

Beherrschung verfeinert den Sinn für vielsagende Anekdoten – und natürlich die Ironie. Das Weisse Haus sei auch der Ort gewesen, schreibt sie, «an dem Sunny, einer unserer Hunde, hin und wieder auf den Teppich kackte.» Toll sei gewesen, plötzlich hungrig morgens um zwei, sofort ein Truthahn-Sandwich serviert zu bekommen. Als Mrs. Obama dann wieder eigenhändig Brote schmieren musste, kam ihr das vor «wie die grösstmögliche Wiederannäherung an mein altes Leben».

Trägt sie Verantwortung am Malaise?

Michelle Obama «brächte alle Glaubwürdigkeit und Fähigkeit mit» fürs Präsidentenamt, hiess es oft genug. Das kann niemand im Ernst bestreiten. Zwei Anschlussfragen aber dürfte dann auch niemand ausweichen, Michelle selber ebenso wenig: Weshalb werden in den USA Leute mit orangefarbenem Toupet und dicker Tinte Präsident, nicht aber die Unbestechlichen, Klarsichtigen, die charakterlich Gefestigten?

Warum meiden gerade solche Leute zunehmend die Politik? Weil Politik in jedem Fall jeden und jede korrumpiert? Weil eine Person, die ihren Charakter schützen will, jegliche Kontamination mit dem alles zersetzenden Gift der Politik vermeiden muss? Und namentlich gefragt: Verantwortet Michelle Obama durch politische Abstinenz nicht auch das Malaise im Weissen Haus?

Auf politische Fragen geht die Ex-First Lady marginal ein im Buch. Gift zu versprühen für Abrechnungen, die man als «Erinnerung» tarnt – davor muss sie sich nicht mal hüten. Wenn schon, gäbe es elegantere Formen der Verachtung. Melania Trump erwähnt Michelle ein einziges Mal; als sie gemeinsam zur Amtseinführung von Donald Trump fahren: «Was für ein Ritt!» Das ist natürlich zu wenig für einen schwesterlichen Beitrag bei «Save Melania», dem global beliebten, von Rotkäppchen und dem bösen Wolf entlehnten Gossip-Spiel.

Das kompakte Streben bei äusserer Gelassenheit

Auffällig an Michelles Geschichte ist das Grundamerikanische: aufsteigen, den Wettbewerb annehmen, die Konkurrenz ausstechen und sei es durch Fleiss, das Bedürfnis, «es» allen Skeptikern zu zeigen, nicht bloss reüssieren durch Leistung, sondern brillieren. «Bin ich gut genug? Ja, das bin ich wirklich», schreibt sie, als sie fürs Studium in Princeton aufgenommen wird: «Du hast es aus dem Bus, über die Plaza und in einen der Aufzüge geschafft, die so verdammt geräuschlos nach oben gleiten.»

Von der Grundschule an ist das Michelles Antrieb; es führt sie bis nach Harvard und in eine bedeutende Kanzlei, wo sie die Mentorin eines gescheiten Bürschchens wird, von dem sie nichts weiss – «nur den Namen, und der klingt seltsam.» Barack Obama. Da begann eine «tektonische Bruchlinie im Leben zu beben.» Kein Vergleich mehr mit dem braven Ronnell im College, den sie eines Tages telefonisch «organisiert“ hatte für den allerersten Kuss, ohne den Wunsch im Geringsten zu bemänteln. Damals, als sie ein «Fohlen auf immer länger werdenden Beinen» war, «jung auf eine Art und Weise, an der auch Unmengen von Lipgloss noch kaum etwas ändern konnten.»

Ihr Selbstbewusstsein ist stark, aber gesund, von früh auf. Lange findet sie «Schlenker» in den Lebensläufen anderer bedenklich, ohne selber starr einer vorgefassten Spur zu folgen. «Probieren geht über Studieren», davon hält sie freilich nichts. Im Elternhaus habe sie weniger Regeln vorgesetzt bekommen, schreibt Michelle, als Leitlinien.

So weit ist das noch konventioneller US-Karrieregeist. Feuriger indes bei Michelle, weil sie, wie sie sagt, «eine schwarze Studentin war aus der Arbeiterschicht an einem renommierten, mehrheitlich weissen College», oft die einzige Frau, die einzige Afroamerikanerin. Wohltuend sachlich, nie zu lang im Kommentar, erzählerisch mit leichter Hand, beschreibt sie ihr Werden. Im Wissen, dass sie ein Beispiel geben will, dass sie «vieles zu sagen hat», jedoch ohne degoutant missionarischen Furor.

Michelle Obama erzählt, dass ihre Töchter nach künstlicher Befruchtung geboren wurden; ausserdem erlitt sie eine Fehlgeburt. Sie schreibt über die Ehe: «Heute ist mir klar, dass auch eine glückliche Ehe manchmal ein Grund zur Beunruhigung sein kann. Es ist ein Vertrag, den man am besten immer und immer wieder verlängert, auch im Stillen – und sogar allein.»

Eheliche Schwierigkeiten bei den Obamas schon in junger Zeit bedurften offenbar eines Therapeuten. Trotzdem wirkten die beiden gut verschweisst oder glücklich. Barack wusste wohl genau, dass es an seiner Seite keine Bessere gab: Herz und Verstand, verschmolzen zu einer blendenden unversiegbaren Vitalität. Während Michelle wohl einfach das tat, was Ehefrauen und Mütter generell auszeichnet in der schwarzen Gemeinschaft: Sie sind „der Teppich, der das Zimmer zusammenhält», um ein Wort vom «Dude» zu zitieren, dem Lebenskünstler aus dem Film «The Big Lebowksi».

Eine Lebensgeschichte wird politisch

Nun ist Präsidentengattin noch kein Beruf. Man beurteilte First Ladies gern danach, wie sie «ihre Rolle ausfüllten». Bei Michelle Obama trat diese Rolle völlig zurück; sie füllte alles selber aus. Nicht Fummel oder Accessoire schufen diese Frau, sondern eigene Kraft. Die Stellung, schreibt sie, «hat mir ein Podium geboten, wie ich es mir nie hätte träumen lassen. Es hat mich herausgefordert, mich demütig gemacht, mich emporgehoben und niedergestreckt, nicht selten sogar beides gleichzeitig.»

Dieses «Podium» verlängert sich jetzt sozusagen, es verzweigt und vervielfacht sich. Bisher füllten Stadionrocker wie Bruce Springsteen die Arenen. Ab heute schafft das auch Michelle. Stets ins Gespräch gebracht von Moderatorinnen der Big-Fame-Liga. Name, Ruhm und Format sollen eine PR-Kernschmelze bewirken. Aber wozu? Warum lieferte Michelle ihre Geschichte nicht einfach ab und zog sich wieder in ihr «altes Leben» zurück? Hatte man wirklich das Gefühl, ein Buch mit Michelle auf dem Cover bleibe wie Blei in den Regalen liegen?

Womöglich ist der Zweck der Tour ein anderer. Eine Art Ersatz-Amtserfüllung. Michelle Obama will nicht Präsidentin werden. Aber sie erkennt die Folgen des Abseitsstehens, ihre Verantwortung. Sie verkörpert für viele «das gute Amerika». Heller als tausend Sonnen soll das nun erstrahlen. Möglichst lange, maximal anderthalb bis zwei Jahre. Und einen verhassten Mandarin mit orangenem Scheitel komplett in den Schatten stellen. Dann hätte Michelle, auch ohne Amt, die Hoffnungen erfüllt. Die erste weichenstellende Politikerin, ganz ohne Politik.

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