Menschenrechtsaktivistin und Arzt erhalten Friedensnobelpreis für Kampf gegen sexuelle Gewalt

Der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die ehemalige IS-Gefangene Nadia Murad erhalten den diesjährigen Friedensnobelpreis. Sie werden geehrt für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt als Methode in Kriegen und bewaffneten Konflikten.

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Der Kongolese Denis Mukwege und die Irakerin Nadia Murad teilen sich den Friedensnobelpreis 2018. Sie werden ausgezeichnet für ihren Einsatz gegen Sexualverbrechen als Kriegsmethode. (Bild nobelprize.org)

Der Kongolese Denis Mukwege und die Irakerin Nadia Murad teilen sich den Friedensnobelpreis 2018. Sie werden ausgezeichnet für ihren Einsatz gegen Sexualverbrechen als Kriegsmethode. (Bild nobelprize.org)

Kurz nach 11 Uhr am Freitag hat das Nobelpreiskomitee in Oslo bekannt gegeben, wer den Friedensnobelpreis in diesem Jahr erhält. Die Auszeichnung geht an den kongolesischen Arzt Denis Mukwege und die jesidische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt als Waffe im Krieg. Die beiden hätten sich in herausragender Weise gegen solche Kriegsverbrechen eingesetzt, erklärte das norwegische Nobelkomitee.

Mukwege habe sein Leben der Betreuung von Opfern sexueller Gewalt gewidmet, Murad als Zeugin vom Missbrauch gegen sich selbst und andere berichtet. «Jeder von ihnen hat auf seine Weise dazu beigetragen, sexuelle Gewalt im Krieg besser sichtbar zu machen, sodass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können», erklärte das Komitee.

Sie macht auf Qualen von Opfern aufmerksam

Die jesidische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murat. (Bild: AP Photo/Ronald Zak (Wien, 22. Mai 2017))

Die jesidische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murat. (Bild: AP Photo/Ronald Zak (Wien, 22. Mai 2017))

Die heute 25-jährige Nadia Murad hat sexuelle Gewalt am eigenen Leib erfahren. Sie hat den an Jesiden verübten Genozid überlebt. Sie wurde von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak als Sex-Sklavin gehalten und vergewaltigt, wie schätzungsweise 3000 andere jesidische Mädchen und Frauen. Murad gelang damals die Flucht, sie lebt inzwischen in Deutschland und macht als UN-Sonderbotschafterin auf die Qualen der IS-Opfer aufmerksam. Murad werde für ihren Mut ausgezeichnet, sich für andere Opfer einzusetzen, so das Komitee.

Der jesidische Glauben ist die Ursprungsreligion der Kurden und vor allem im Nordirak, aber auch im Iran, in der Türkei und in Syrien verbreitet. In der IS-Ideologie sind Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter», weil diese auch einen Engel verehren. Zehntausende flohen 2014, als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) grosse Gebiete im Nordirak überrannte. Während der IS die meisten jesidischen Männer wohl tötete, verkauften die Extremisten die Frauen als Sklavinnen. Der sexuelle Missbrauch sei systematisch und Teil einer militärischen Strategie gewesen, erklärte die Nobel-Jury. Ende 2017 vertrieb die irakische Armee den IS aus dem Land.

Er behandelt Tausende Opfer

Der kongolesiche Gynäkologe Denis Mukwege. (Bild: Keystone/EPA/Patrick Seeger (Strassburg, 26. November 2014))

Der kongolesiche Gynäkologe Denis Mukwege. (Bild: Keystone/EPA/Patrick Seeger (Strassburg, 26. November 2014))

Mukwege erhalte den Preis für seinen Einsatz für Mädchen und Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Der 63 Jahre alte Gynäkologe Denis Mukwege behandelt in seiner von Konflikten zerrissenen Heimat Kongo Tausende Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Dafür gründete er 1999 das Panzi-Spital in Bukavu im instabilen Osten des Landes, wo er den Patienten auch psychologische, juristische und finanzielle Unterstützung anbietet. «Die Bedeutung von Doktor Mukweges engagierten und selbstlosen Bemühungen in diesem Bereich kann nicht genug betont werden», erklärte die Nobelpreis-Jury.

Die Arbeit von Mukwege und Murad erfülle genau die Kriterien, die Alfred Nobel in seinem Testament für den Friedenspreis festgelegt habe, erklärte das Komitee. «Eine friedlichere Welt kann nur erreicht werden, wenn Frauen, ihre Grundrechte und Sicherheit im Krieg anerkannt und geschützt werden.» Mukwege und Murad hätten ihre eigene Sicherheit gefährdet, indem sie mutig Kriegsverbrechen bekämpft und Gerechtigkeit für die Opfer gesucht hätten.

In diesem Jahr waren 216 Persönlichkeiten und 115 Organisationen für den renommiertesten politischen Preis der Erde nominiert worden. Im Gegensatz zu den weiteren Nobelpreisen wird der Friedensnobelpreis am 10. Dezember - dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel - nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen. Er ist mit neun Millionen schwedischen Kronen (990'000 Franken) dotiert.

Gynäkologe Mukwege erfuhr Nachricht im OP

Für beide Gewinner des Friedensnobelpreises kam die Auszeichnung am Freitag völlig überraschend: Die Jury hatte weder den kongolesischen Arzt Denis Mukwege, noch die irakische Menschenrechtlerin Nadia Murad vor der Verkündung erreicht. Mukwege stand gerade im Operationssaal, wie er der norwegischen Zeitung «Verdens Gang» später berichtete.

Plötzlich habe es draussen Lärm gegeben, Leute seien hereingestürmt und hätten ihm die Nachricht überbracht. «Sie können sich vorstellen, wie glücklich ich bin», sagte er am Telefon, bevor die Verbindung abbrach.

Die US-Amerikanerin Frances Arnold (Bild) erhielt zur Hälfte den Nobelpreis für Chemie. Sie entwickelte zusammen mit Landmann George Smith und dem Briten Sir Gregory Winter mit den Prinzipien der Evolution Proteine für Biokraftstoffe und Medikamente. Die beiden Männer erhalten je einen Viertel des mit umgerechnet 990'000 Franken dotierten Preises. (Bild: AP Photo/Damian Dovarganes (Pasadena, 3. Oktober 2018))
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Nobelpreisträger: US-Ökonom Paul Romer wird zusammen mit William Nordhaus für die Erforschung des Zusammenspiels von Klimawandel und technologische Innovation mit dem Nobelpreis für Wirtschaft geehrt. (Bild: KEYSTONE/EPA/SHAWN THEW)
Professor der Yale-Universität William Nordhaus erhielt zusammen mit Paul Romer den Nobelpreis für Wirtschaft. (Bild: AP Photo/Craig Ruttle)
Der US-Amerikaner George P. Smith (Mitte) erhielt den Nobelpreis für Chemie. Er entwickelte zusammen mit Landsfrau Frances Arnold und dem Briten Sir Gregory Winter mit den Prinzipien der Evolution Proteine für Biokraftstoffe und Medikamente. Frances erhielt die Hälfte, die beiden Männer je einen Viertel des mit umgerechnet 990'000 Franken dotierten Preises. (Bild: Youngrae Kim/AP (Columbia, 3. Oktober 2018))
Der Brite Sir Gregory Winter erhielt den Nobelpreis für Chemie. Er entwickelte zusammen den US-Amerikanern Frances Arnold und George P. Smith mit den Prinzipien der Evolution Proteine für Biokraftstoffe und Medikamente. Frances erhielt die Hälfte, die beiden Männer je einen Viertel des mit umgerechnet 990'000 Franken dotierten Preises. (Bild: Youngrae Kim/AP (Columbia, 3. Oktober 2018))
Der US-Amerikaner James P. Allsion (Bild) erhielt den Nobelpreis für Medizin für die Erforschung von Krebs-Immuntherapien. Den Preis teilt er sich mit dem Japaner Tasuku Honjo. Die beiden Forscher entdeckten, wie sich das Immunsystem gegen einen Tumor mobilisieren lässt. (Bild: EPA/Adolfo Chavez III/MD Anderson/Handout MD Anderson Cancer Center of James P. Allison (Houston))
Der Japaner Tasuku Honjo (Bild) erhielt den Nobelpreis für Medizin für die Erforschung von Krebs-Immuntherapien. Den Preis teilt er sich mit dem US-Amerikaner James P. Allison. Die beiden Forscher entdeckten, wie sich das Immunsystem gegen einen Tumor mobilisieren lässt. (Bild: Keystone/Nobuki Ito/Kyodo News via AP (Kyoto, 1. Oktober 2018))
Der US-Amerikaner Arthur Ashkin (Bild) erhielt den Nobelpreis für Physik, zusammen mit Gerard Mourou und Donna Strickland für ihre Forschung auf dem Gebiet der Lasertechnik. Er erhätl die Hälfte des Preises, seine beiden Forschungspartner je einen Viertel. (Archivbild: Nokia Bell Labs via AP (1988))
Der Franzose Gerard Mourou (Bild) erhält zusammen mit Arthur Ashkin und Donna Strickland den Nobelpreis für Physik für die Forschung auf dem Gebiet der Lasertechnik. (Bild: EPA/Caroline Blumberg (Palaiseau, 2. Oktober 2018))
Die Kanadierin Donna Strickland (Bild) erhält zusammen mit Arthur Ashkin und Gerad Mourou den Nobelpreis für Physik für ihre Forschung auf dem Gebiet der Lasertechnik. Strickland ist die dritte Frau überhaupt, die einen Nobelpreis in Physik gewinnt. (Bild: EPA/ Warren Toda (Waterloo, 2. Oktober 2018))
Der Kongolese Denis Mukwege (Bild) erhält zusammen mit Nadia Murad den Friedensnobelpreis. Der Gynäkologe hilft mit seiner Arbeit Tausenden Opfern von sexueller Gewalt. (Bild: EPA/Torleif Svensson / Denis Mukwege Foundation Handout (13. Oktober 2011))
Die Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad (Bild) erhält zusammen mit Denis Mukwege den Friedensnobelpreis. Die Jesidin wurde selber Opfer von sexueller Gewalt und spricht als UN-Sonderbotschafterin über die Qualen der Opfer. (Bild: EPA/Patrick Seeger (Strassburg, 13. Dezember 2018))

Die US-Amerikanerin Frances Arnold (Bild) erhielt zur Hälfte den Nobelpreis für Chemie. Sie entwickelte zusammen mit Landmann George Smith und dem Briten Sir Gregory Winter mit den Prinzipien der Evolution Proteine für Biokraftstoffe und Medikamente. Die beiden Männer erhalten je einen Viertel des mit umgerechnet 990'000 Franken dotierten Preises. (Bild: AP Photo/Damian Dovarganes (Pasadena, 3. Oktober 2018))

Spekulationen im Vorfeld

Die Namen der Nominierten werden jeweils nicht im Vorfeld veröffentlicht. Dies lässt Medien und Beobachter jeweils spekulieren. In diesem Jahr gab es gemäss Kennern keinen klaren Favoriten für die Auszeichnung.

Beobachter des Weltgeschehens und Buchmacher spekulierten darüber, ob Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un und Südkoreas Moon Jae-Inwegen der Entspannungsbemühungen zwischen den beiden Staaten geehrt würden. Republikanische Vertreter des Kongresses schrieben im Mai an das Friedensnobelpreiskomitee. Im Schreiben sprachen sie sich dafür aus, den US-Präsidenten Donald Trump wegen seiner Bemühungen in derselben Sache und der Entnuklearisierung der koreanischen Halbinsel zu ehren.

Auch Carles Puigdemont, der ehemalige Präsident der Region Katalonien, wurde als Anwärter für den Preis genannt. Ebenso Papst Franziskus oder das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR standen im Fokus. Der Wettanbieter Ladbroke sah zudem die deutsche Kanzlerin Angela Merkel als mögliche Preisträgerin. Auch der saudische Blogger Raif Badawi und die russische Zeitung Nowaja Gaseta wurden genannt, beide für ihren Kampf für die Meinungsfreiheit und den damit verbundenen provokativen oder enthüllenden Berichten. Andere Beobachter vermuteten, dass langjährige Arbeit und Einsätze geehrt würden, beispielsweise für die Rechte der Frauen.

Kurz vor der Bekanntgabe waren die Namen von Mukwege und Murad immer höher gehandelt worden - auch im Zuge der #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Belästigung. Die Jury würdigte mit dem Preis zudem den zehnten Jahrestag der UN-Resolution für Frieden und Sicherheit von Frauen, in der sexuelle Gewalt als Kriegsverbrechen anerkannt wird.

spe/sda

Bisher zwölf Friedensnobelpreise für die Schweiz

Der Friedensnobelpreis ging bisher zwölf Mal an die Schweiz: Gleich im ersten Jahr, 1901, an den Rotkreuz-Gründer Henry Dunant und im Jahr drauf an das Duo Elie Ducommun und Charles Albert Gobat. Danach wurden zehn Schweizer Institutionen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Das in Bern beheimatete Internationale Büro für Frieden, dessen Leiter Ducommun und Gobat nacheinander waren, erhielt den Friedensnobelpreis 1910.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) bekam die Auszeichnung gleich drei Mal: 1917, 1944 und 1963, damals zusammen mit der Liga der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften.

Von den in Genf beheimateten anderen internationalen Organisationen erhielten das Internationale Nansen-Büro für Flüchtlinge den Friedenspreis 1938, das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) 1954 und 1981, die UNO-Arbeitsorganisation (ILO) 1969, der Weltklimarat IPCC 2007 und zuletzt 2017 ICAN, die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen.

Stiftung des Friedensnobelpreisträgers Mukwege hat Sitz in Genf

Am diesjährigen Friedensnobelpreis hat auch Genf einen kleinen Anteil: Die Stadt ist Sitz der Dr. Denis Mukwege Stiftung, deren Namensgeber den Friedensnobelpreis erhält. Die Stiftung arbeitet laut eigenen Angaben daran, sexuelle Gewalt in Kriegen zu beenden.