Mehr Wahlwillige als Wahlzettel

Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah liegen in der afghanischen Präsidentschaftswahl vorn. Karzai-Favorit Salmai Rassoul scheint abgeschlagen auf Platz drei zu kommen. In den Städten war die Wahlbeteiligung grösser als erwartet.

Willi Germund
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Ein afghanischer Polizist überwacht in Kabul die Ankunft von Wahlurnen aus den Provinzen. (Bild: ap/Rahmat Gul)

Ein afghanischer Polizist überwacht in Kabul die Ankunft von Wahlurnen aus den Provinzen. (Bild: ap/Rahmat Gul)

KABUL. Laut internen Resultaten der afghanischen Präsidentschaftskandidaten machen der frühere Finanzminister Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah, bis vor sechs Jahren Aussenminister, die Wahl zum Staatsoberhaupt unter sich aus.

Der amtierende Aussenminister Salmai Rassoul, der als Lieblingskandidat des ausscheidenden Amtsinhabers Hamid Karzai galt, scheint abgeschlagen, nicht für eine allfällige Stichwahl in Frage zu kommen. «Das Staatsoberhaupt hat offenbar darauf verzichtet, seine Einflussmöglichkeiten für Rassoul in die Waagschale zu werfen», sagte ein asiatischer Diplomat gegenüber unserer Zeitung.

Bewaffnete Zwischenfälle

Der Wahltag am Samstag war durch eine unerwartet hohe Wahlbeteiligung in den Städten, leere Wahllokale auf dem Land und zahlreiche bewaffnete Zwischenfälle gekennzeichnet.

Kabuls Innenministerium sprach von 140 Attacken mit insgesamt 16 Toten. Die Internationalen Sicherheitskräfte Isaf führten 109 Zwischenfälle auf, 54 von ihnen als bewaffnete Zusammenstösse zwischen afghanischen Sicherheitskräften und den Taliban. In Kunduz und Umgebung, wo bis zum vergangenen Jahr deutsche Truppen stationiert waren, beschossen die islamistischen Milizen Wahllokale.

Seit der Schliessung der Wahllokale am Samstagabend mehren sich zudem Berichte von Attacken auf Büros und Fahrzeugkolonnen der Wahlkommission. 748 Wahllokale waren schon vor der dritten Präsidentschaftswahl seit 2001 aus Sicherheitsgründen geschlossen worden.

Am Wahltag selber mussten weitere 211 Wahllokale ihre Türen schliessen, ohne dass die Wahlberechtigten dort zuvor ihre Stimme hatten abgeben können.

Mögliche Einheitsregierung

Bisher ist unklar, ob einer der Kandidaten die absolute Mehrheit erreicht. Sollte der anscheinend führende Ashraf Ghani, ein ehemaliger Ökonom der Weltbank, nicht über 50 Prozent der Stimmen kommen, wird laut Verfassung Ende Mai eine Stichwahl fällig.

Abdullah und Ghani hatten bereits Wochen vor dem ersten Urnengang bei einem Treffen im Haus von Salahuddin Rabbani, Sohn des von den Taliban ermordeten früheren afghanischen Präsidenten Burhanuddin Rabbani, die Möglichkeit einer gemeinsamen Regierung der Nationalen Einheit sondiert. Sie vertagten Verhandlungen aber auf die Zeit nach der Wahl.

Paschtunen für Ghani

Ghani, ein Paschtune aus dem Osten Afghanistans, gilt als Technokrat. Viele Afghanen hoffen, dass er die durch Misswirtschaft und Korruption geprägte Karzai-Zeit mit einer effektiven und geradlinigen Regierungsform ersetzt. Abdullah Abdullah gilt als Mann des afghanischen Nordens mit starkem Rückhalt bei den ethnischen Gruppen der Tadschiken und bei den schiitischen Hazara. Obwohl Abdullah in der südafghanischen Stadt Kandahar geboren wurde, halten die Paschtunen, die etwa 42 Prozent der 30 Millionen Afghanen stellen, wegen seiner politischen Verwurzelung im Norden eher Distanz zu Abdullah.

Verhängnisvoller Fehler

Gahni erklärte aber: «Sollte ich gewinnen, verspreche ich eine Regierung, die alle einschliesst.» Ein möglicher Kompromiss zwischen den beiden Spitzenreitern wird aber durch einen Fehler der afghanischen Wahlkommission IEC gefährdet. In 15 Provinzen gingen teilweise schon gegen Mittag in zahlreichen Wahllokalen die Stimmzettel aus. Zumindest im Westen von Kabul lieferte die Wahlkommission keinen Nachschub.

Abdullah erklärte bereits am Wahlabend: «Ich spreche hier für für die vielen Wähler, die ihre Stimme nicht abgeben konnten. Hunderte meiner Anhänger konnten nicht wählen, weil Wahlzettel fehlten.»

Sollten nur wenige Stimmen über Sieg und Niederlage zwischen Ghani und Abdullah entscheiden, bedrohen die fehlenden Stimmzettel die Legitimität des Urnengangs.

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