Mehr Sicherheit – mehr Geld

Die Präsidenten der Ukraine und Russlands, Janukowitsch und Medwedew, haben in Tschernobyl ohne den Weissrussen Lukaschenko der AKW-Katastrophe vor 25 Jahren gedacht.

Paul Flückiger
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Die Trauer ist nicht vorbei. Witwen von sogenannten Liquidatoren, die nach Aufräumarbeiten im AKW Tschernobyl gestorben sind. (Bild: ap/Efrem Lukatsky)

Die Trauer ist nicht vorbei. Witwen von sogenannten Liquidatoren, die nach Aufräumarbeiten im AKW Tschernobyl gestorben sind. (Bild: ap/Efrem Lukatsky)

Warschau. Als in Tschernobyl in der Nacht auf gestern die letzten neu asphaltierten Strassen vor der Durchfahrt der Präsidenten kontrolliert wurden, war am vierten Reaktorblock des 15 Kilometer entfernten AKWs plötzlich ein Totenkopf zu sehen. An die brüchige Aussenwand waren Anti-AKW-Slogans auf Japanisch, Russisch und Deutsch projiziert. Greenpeace hatte wieder einmal allen ein Schnippchen geschlagen. Stunden später traf Dmitri Medwedew als erster russischer Präsident überhaupt in Tschernobyl ein. Da war der Spuk längst vorbei.

20 neue Atomreaktoren

Mit seinem ukrainischen Gastgeber Viktor Janukowitsch konnte er ruhig und würdig der Opfer der Reaktorkatastrophe vor 25 Jahren gedenken – ohne dabei die Atomkraft an sich in Frage zu stellen. Der russische Präsident, dessen Land in den kommenden neun Jahren 20 neue Atomreaktoren ans Netz anschliessen will, trat in Tschernobyl die Flucht nach vorne an und warb für eine russische Initiative, die der Welt mehr Atomsicherheit bringen soll. «Unsere Lösungen müssen den Herausforderungen der Atomenergie gewachsen sein», sagte Medwedew neben einem Denkmal beim Unglücksreaktor. Die Einzelheiten dieser «Lösungen» will Moskau auf dem nächsten G-8-Gipfel Ende Mai vorstellen.

Ehrung der Liquidatoren

Dann erinnerte der Russe an den Heldenmut der rund 600 000 Aufräumarbeiter nach der Katastrophe. «Ohne die Arbeit der Liquidatoren, Feuerwehrleute und Ärzte wären die Konsequenzen global gewesen», sagte Medwedew und legte dann zusammen mit seinem ukrainischen Gastgeber Janukowitsch den Grundstein für ein neues Liquidatoren-Denkmal gleich neben dem Atommeiler.

Es fehlen 200 Millionen Euro

Der Ukrainer nahm den Jahrestag zum Anlass, für zusätzliche Spenden für einen neuen Sarkophag zu werben. Die Umhüllung aus Stahlbeton war 1986 in aller Eile rund um den havarierten Reaktor errichtet worden und gilt heute als unsicher. Noch fehlen etwa 200 Millionen Euro für die Errichtung einer neuen Schutzhülle. «Die Ukraine wurde zu lange mit dem Tschernobyl-Desaster alleine gelassen», sagte Janukowitsch. «Keine Nation kann so eine Katastrophe allein meistern.»

Bei der vom russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill zelebrierten Gedenkmesse vor Ort fehlte der ebenfalls eingeladene weissrussische Präsident Aleksander Lukaschenko. Über Weissrussland war nach dem GAU vor 25 Jahren am meisten radioaktive Strahlung niedergegangen. Das AKW Tschernobyl befindet sich unmittelbar an der heutigen Staatsgrenze; Nordwestwinde wehten damals die Verstrahlung zu 70 Prozent auf das Gebiet der damaligen Sowjetrepublik.

Retourkutsche Lukaschenkos

Der nach den gefälschten Wahlen vom Dezember isolierte Lukaschenko wollte in der Vorwoche zur Geberkonferenz für einen neuen Sarkophag in die Ukraine reisen. Doch, wie der Sprecher des ukrainischen Aussenministeriums, Oleg Woloshyn, unserer Zeitung erklärte, gelang es, Lukaschenko auf das Treffen in Tschernobyl zu vertrösten. «Mit Lukaschenko in Kiew wäre Barroso nicht gekommen», sagte Woloshyn. Gestern hiess es in Minsk aber, der Präsident habe stattdessen weissrussische Dörfer in der Tschernobyl-Zone besucht.