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Mehr Sachlichkeit und Taktgefühl

Zum umstrittenen Entscheid des Papstes, die Priesterbruderschaft St. Pius X. zu rehabilitieren, zitierten wir letzten Freitag aus einem Editorial des Jüdischen Wochenmagazins «Tachles».

Zum umstrittenen Entscheid des Papstes, die Priesterbruderschaft St. Pius X. zu rehabilitieren, zitierten wir letzten Freitag aus einem Editorial des Jüdischen Wochenmagazins «Tachles». Jürg Gottstein, Christ jüdischer Herkunft, legt seine Sicht der Dinge dar.

Zum Medienhype um Benedikt XVI. und die eventuell anstehende Reintegration von kirchlichen Fundamentalisten melden sich Kommentatoren von allen Ecken und Enden. Da bilden sich nun eigenartige Allianzen von verständlicherweise verärgerten jüdischen Kreisen mit innerkirchlichen Revoluzzern, die sich eine dem Zeitgeist angepasste Kirche vorstellen, einen esoterischen Selbstbedienungsshop der X-Beliebigkeit. Hinzu kommen viele, mit denen die römische Hierarchie nicht unbedingt immer sehr liebevoll umgeht, von den schlecht behandelten Frauen zu den Laien, die erfolgreich wichtige Funktionen ausfüllen und zu mehr Anerkennung, zu Zugang zu Kanzeln drängen.

Da melden sich auch Priester, die unter Zölibat und Überbelastung leiden, und schliesslich auch noch die, welche in der Aufgabe der Kirche weniger eine Priorität des Transzendentalen, in der Betreuung der Seelen sehen als in einem diesseitsbezogenen sozialen Engagement für die Armen, oftmals mit marxistischem Vorzeichen. Hinzu kommen Protestanten, die sich über die nunmehr auf kleinerem Feuer gehaltene Ökumene aufhalten.

Im Zuge der aktuellen Verstimmung konnten weltweit die Juden, wie kaum je zuvor, einstimmiges Einverständnis und entsprechende Sympathiekundgebungen von katholischer Seite erfahren, von der Basis bis hinauf in die Spitzen der nationalen Hierarchien.

Im Vatikan sind fürchterliche Pannen entstanden, die nicht zu beschönigen sind, Fehler in der Einschätzung von Situationen, in der kritischen Überprüfung von Fakten und nicht zuletzt auch in der Kommunikation. Derartiges geschieht immer wieder an Schaltstellen der Macht. Da gibt es kein Pardon und allzu schnell wird böse Absicht unterstellt und nicht einfach menschliches Versagen.

Rom hat sich bereits in mehreren Anläufen um Entschuldigung bei den Betroffenen bemüht, wenn auch etwas zögerlich. An gutem Willen und echtem Bedauern aber dürfte es sicher nicht gefehlt haben.

Nach all dem, was von christlicher Seite im Verlauf der zwei Jahrtausende an Unrecht und Lieblosigkeit dem Volk Israels angetan wurde und ganz besonders in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus, muss den Juden ein Höchstmass an Verständnis für ihre besonderen Sensibilitäten – und sogar Überreaktionen – zugebilligt werden. Seismographisch wird alles registriert, was an den Holocaust erinnert und auch an die Vorgeschichte, die dazu führte. Es ist gut und richtig, dass allen Anfängen gewehrt wird. Jeder Funke von Rassismus ist zu ersticken, und dies vor Ausbruch des Feuers.

Die Frage sei hier aber erlaubt, ob sich daraus ein Freipass dafür ergibt, auf die Nachkommen derer, die einmal durch Schweigen oder Unterlassung von Hilfe versagten – und deren religiöse Institutionen –, einfach locker einzudreschen. Unterstellungen, wie sie bei der angeblichen Wiederaufnahme des Holocaust-Leugners Erzbischof Richard Williamson artikuliert werden, sind annähernd so degoutant wie antisemitische Äusserungen. Weder der Name noch der hierarchische Status des Beschuldigten stimmen. Auch ist dieser zusammen mit seinen Lefebvristen-Kollegen noch immer Mitglied einer schismatischen Organisation, also nicht der römisch-katholischen Kirche. Der Kolumnist dürfte mittlerweile gewusst haben, dass lediglich die Exkommunikation, in einem Viererpaket, aufgehoben wurde. In den verschiedensten Talkshows zum Thema wurde diese Differenzierung immer wieder unterstrichen; anscheinend ohne grossen Erfolg.

Bei einer Exkommunikation handelt es sich um ein kirchliches Instrumentarium der Disziplinierung in Fällen von Insubordination bezüglich Glaubenssätzen und Dogmen. Dies hat nichts mit ethischem Standing und gesellschaftlichem Verhalten des Individuums zu tun. Ansonsten müssten ja alle Straftäter und Gefängnisinsassen exkommuniziert sein.

Der Kolumnist spricht von einer «systematischen Vernichtung der Juden im Schoss des Christentums». Dies hat nur insofern eine bedingte Richtigkeit, dass sich das Ganze geographisch in einem christianisierten Territorium abspielte und die meisten Täter christliche Wurzeln hatten. Das neuheidnische nationalsozialistische System aber – entstanden in einem Land, wo 1933 der Bevölkerungsanteil der Katholiken nicht einmal ein Drittel ausmachte – war den christlichen Kirchen von Anfang an feindlich gesinnt, wie im theoretischen Manifest des Regimes, in Alfred Rosenbergs «Mythos», unmissverständlich dokumentiert ist. Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass sich aus der christlichen Vorgeschichte eine hohe Mitschuld ergibt.

Wenig sympathisch berührt, wenn der Kommentator dann noch Hochhuths «Stellvertreter» von 1963 aus der antiklerikalen Rumpelkiste hervorzaubert und diesem dokumentarische Authentizität beimisst. Damals hatten sich, mit Ausnahme Piscators in Berlin, alle jüdischen Theatermacher geweigert, das Stück aufzuführen. Hochhuth zitierend, macht der Kolumnist Pius XII. zum Verbrecher, würde es aber nicht wagen, im gleichem Masse involvierte Spitzen des Roten Kreuzes oder des Weltkirchenbundes anzugreifen. Was hat denn der Pacelli-Papst mit der aktuellen Thematik um Williamson zu tun? Gleiches gilt auch für die HIV-Epidemie in Afrika oder priesterliche Pädophilie. Dem Kommentator dürfte entgangen sein, dass Aids derzeit im überhaupt nicht katholisch geprägten Südafrika die schlimmsten Dimensionen annimmt.

Jüdischen Kreisen ist das lateinische Karfreitagsgebet für die Bekehrung der Juden ein Dorn im Auge; verständlicherweise! Dieser Passus ist störend und gehört weg, zumal seit dem letzten Konzil jeder Bekehrungsversuch an Juden verboten ist.

Wenig glaubhaft macht sich der Schreiber nochmals, wenn er das Bekehrungsgebet beklagt, aber die auch im deutschen Sprachraum höchst aktiven Judenmissionen der reformatorischen Kirchen einfach ausblendet. Wohl möchte man potenzielle Alliierte im verbalen Krieg gegen Papst und Katholiken nicht brüskieren.

Mehr Sachlichkeit und Taktgefühl wären schön, auch weniger Lust am Verletzen. Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Auch in diesen Zeiten der römischen Pannen.

Dr. Jürg Gottstein, Conches

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