Massenproteste
Kolumbiens Katastrophe: Wie ein Ex-Guerilla-Kämpfer das Land aus dem Chaos führen will

Tote, Verzweiflung, Hunger: Seit genau zwei Wochen herrschen in Kolumbiens Städten teils bürgerkriegsähnliche Zustände. Es geht um Polizeigewalt – und Eierpreise.

Samuel Schumacher
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Die Polizei geht hart gegen Protestierende vor. Hunderte sind verschwunden.

Die Polizei geht hart gegen Protestierende vor. Hunderte sind verschwunden.

Bild: Getty (Cali, 10. Mai 2021)

«Vamos a matar!», («Gehen wir töten!»), sagt der Polizist seelenruhig ins Mikrofon seiner Handykamera, während er seine schwerbewaffneten Kollegen filmt, die sich im Hintergrund auf ihre Motorräder schwingen. Die verstörende Szene, gefilmt vergangene Woche in der Grossstadt Cali, ist eines von tausenden Videos, die das brutale Geschehen auf Kolumbiens Strassen derzeit dokumentieren.

47 Menschen sind seit dem Ausbruch der Proteste gegen die Regierung von Präsident Iván Duque vor genau zwei Wochen erschossen worden, weit über 1000 sind verletzt, Hunderte verschwunden. Erste Gespräche zwischen der konservativen Regierung und den Protestführern sind am Montag gescheitert.

Präsident Duque bezeichnet die Demonstranten als «Terroristen» und mobilisierte mehr als 47'000 Polizisten, um gegen die zunehmend verzweifelten Menschen vorzugehen. Neue Videos von Hinrichtungen und Überfällen durch korrupte Polizisten peitschen die Demonstranten auf. Ein Ende der chaotischen Zustände ist nicht in Sicht.

Iván Duque tritt nächstes Jahr als Kolumbiens Präsident ab.

Iván Duque tritt nächstes Jahr als Kolumbiens Präsident ab.

EPA

Ausgelöst wurden die Proteste durch eine geplante Steuerreform, die unter anderem die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel massiv erhöht hätte. So wollte Präsident Duque die leeren Staatskassen füllen, um die Wirtschaft im pandemiegeplagten Land aufzupäppeln.

Doch 80 Prozent der Kolumbianer lehnten das ab. Ihr Vorwurf: In der Krise werden die Armen zur Kasse gebeten, während sich die Eliten entspannt zurücklehnen. Die Massen strömten auf die Strassen, Duque befahl den «grösstmöglichen Aufmarsch der Sicherheitskräfte». Vor allem in Städten wie Bogotá, Cali oder Medellín kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Der Finanzminister und der Eierpreis

«Der Präsident und seine Beamten können sich gar nicht mehr vorstellen, wie die Kolumbianer wirklich leben», erzählt Tomas Ibáñez, der vor drei Jahren aus der Stadt Bucaramanga in die Schweiz gekommen ist. Als der Finanzminister kürzlich gefragt worden sei, was ein Kilo Eier koste, hätte er keine Ahnung gehabt.

«Die Regierung interessiert sich nicht mehr für die Bedürfnisse der normalen Leute.»

500'000 Geschäfte mussten nach dem Lockdown im zweitgrössten Land Südamerikas für immer schliessen, vier von zehn Kolumbianern haben keinen Job mehr, drei Millionen sind im vergangenen Jahr in die extreme Armut abgerutscht. Das staatliche Unterstützungsprogramm reicht nicht aus, um diesen Menschen die dringend benötigte Hilfe zu gewähren.

Viele der 50 Millionen Kolumbianer hatten schon vor den Massenprotesten wenig Zukunftshoffnung. Der 2016 angestossene Friedensprozess nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg gegen die Farc-Rebellen geriet ins Stocken. Flüchtlinge aus dem Nachbarland Venezuela belasteten die sowieso schon schwachen Sozialsysteme. Die Anzahl jener, die sich keine ausgewogene Ernährung mehr leisten konnten, hat sich 2020 verdreifacht.

Die Protestierenden in der Hauptstadt Bogotá lassen sich bis jetzt von nichts abhalten.

Die Protestierenden in der Hauptstadt Bogotá lassen sich bis jetzt von nichts abhalten.

AP

Doch all diese Probleme traten in den vergangenen zwei Wochen in den Hintergrund. Ein in Kolumbien wohnhafter Schweizer, der aus Angst vor Übergriffen anonym bleiben will, erzählt von regelrechten Jagdszenen in den Strassen seiner Stadt, von vergewaltigenden Polizisten, von Exekutionen in Wohnquartieren und von Säureangriffen der Ordnungshüter auf die Demonstranten. Die Szenen in den Videos, die der Schweizer an unsere Redaktion schickt, sind schwer zu ertragen.

Mit Leuchtgranaten gegen die Demonstranten: Kolumbiens Polizei geht hart gegen die Protestierenden vor.

Mit Leuchtgranaten gegen die Demonstranten: Kolumbiens Polizei geht hart gegen die Protestierenden vor.

AP

Kolumbiens Polizeiapparat wird immer mehr zum Feindbild der Demonstranten. Die Steuerreform hat Präsident Duque zurückgezogen, sein Finanzminister hat den Hut genommen, doch die Polizeigewalt hat nicht gestoppt. Kolumbiens Polizisten unterstehen dem Verteidigungsdepartement.

Was während des Bürgerkrieges gegen die Guerilla Sinn machte, ist heute ein Problem: Das schwerbewaffnete Korps ist kaum reformierbar, Korruption ist unter den schlecht bezahlten 159'000 Polizisten des Landes weit verbreitet.

Hugo-Chávez-Anhänger will Kolumbien umbauen

Dass die Neuwahlen im kommenden Jahr etwas an diesem Grundübel ändern können, bezweifeln viele. «Wir haben Angst, dass Kolumbien das neue Venezuela wird», sagt der in der Schweiz lebende Tomas Ibáñez.

Ex-Rebell und ehemaliger Bürgermeister von Bogotá Gustavo Petro könnte politisch von den Protesten profitieren.

Ex-Rebell und ehemaliger Bürgermeister von Bogotá Gustavo Petro könnte politisch von den Protesten profitieren.

Flickr

Die Angst teilen auch viele konservative Kolumbianer – wenn auch aus anderen Gründen. Linksradikale Kräfte versuchen, politisches Kapital aus der Wut der Menschen auf der Strasse zu schlagen. Gustavo Petro etwa, der Ex-Guerillakämpfer und frühere Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá, hat die Menschen dazu aufgefordert, nicht mit den Protesten aufzuhören.

1994 kam Hugo Chávez auf Einladung von Gustavo Petro nach Kolumbien.

1994 kam Hugo Chávez auf Einladung von Gustavo Petro nach Kolumbien.

HO

Petro, ein Bewunderer des verstorbenen venezolanischen Machthabers Hugo Chávez, möchte bei den Präsidentschaftswahlen 2022 den abtretenden Iván Duque beerben. Er will Kolumbien nach dem wirtschaftlichen Modell Venezuelas umbauen.

In jüngsten Umfragen liegt der 61-Jährige deutlich vor allen anderen Präsidentschaftskandidaten. Als Präsident wäre Petro, das Ex-Mitglied der Guerilla-Gruppe «M-19», Oberbefehlshaber über jene Truppen, die bis 2017 für mehr als ein halbes Jahrhundert gegen die Farc-Rebellen gekämpft hatten. Dass das für die dringend benötigte Ruhe im Land sorgen wird, glaubt kaum ein Beobachter.