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Marokko stoppt Flüchtlingsboot mit Schüssen

Seit Spanien das neue europäische Hauptziel vieler afrikanischer Flüchtlinge ist, hat sich die Lage im westlichen Mittelmeer verschärft. Rabat hat 2018 schon mehr als 50000 Migranten abgefangen.
Ralph Schulze
Flüchtlinge verstecken sich in den Wäldern nahe der marokkanischen Hafenstadt Tanger vor Polizeikräften. (Bild: Mosa'ab Elshamy/AP; 5. September 2018)

Flüchtlinge verstecken sich in den Wäldern nahe der marokkanischen Hafenstadt Tanger vor Polizeikräften. (Bild: Mosa'ab Elshamy/AP; 5. September 2018)

Nach Libyen versucht nun auch Marokko im europäischen Auftrag, die Abfahrt von Flüchtlingsbooten Richtung Südeuropa zu bremsen. Der Kampf gegen Menschenschmuggler, welche die Migranten übers Mittelmeer bringen, werde verstärkt, teilte ein Sprecher der marokkanischen Regierung dieser Tage mit. Europa hatte Rabat kurz zuvor neue Millionenhilfen versprochen. Die meisten Migrantenboote, die derzeit in Spanien ankommen, fahren von der marokkanischen Küste los.

Das härtere Vorgehen Marokkos bekam nun ein Migrantenschiff zu spüren, das dem Haltebefehl der marokkanischen Küstenwacht nicht nachkam: Es wurde mit scharfer Munition beschossen. Dabei wurde eine marokkanische Frau getötet, drei weitere Migranten wurden verletzt. Wie die marokkanischen Behörden weiter mitteilten, wurde der Steuermann des Bootes, bei dem es sich um einen Spanier handeln soll, festgenommen.

Wollten Marokkos Sicherheitsbehörden mit diesem Vorgehen eine abschreckende Wirkung erzielen? König Mohammed VI., Staatschef und starker Mann im Land, steht seit Wochen unter Druck, weil neuerdings sein Königreich zum wichtigsten nordafrikanischen Transitland Richtung Europa geworden ist. Immer mehr Menschen aus den Armutsländern unterhalb der Sahara nutzen Marokko als Sprungbrett, um nach Spanien zu kommen. Aber auch die Zahl der Marokkaner, die ihrem Land den Rücken zukehren, steigt.

«Wir wollen legal auswandern können»

Seit Tagen geistern Videos durch die soziale Netzwerke, in denen zu sehen ist, wie junge Marokkaner an der heimischen Küste Boote besteigen. Einer der Handy-Filme aus dem Küstenort Martil dokumentiert, wie nachts Hunderte Jugendliche gegen die Polizei demonstrieren, weil diese Jagd auf Migranten machte, die am Strand auf ihre Überfahrt warteten. «Wir wollen legal auswandern können», riefen die Demonstranten. Viele junge Marokkaner wollen angesichts hoher Arbeitslosigkeit, geringer Löhne und mangelnder Freiheiten ihre Heimat verlassen.

Marokkanische Bürgerrechtsgruppen berichten, dass die Polizei die Kontrollen in den Küstenstädten verstärkt habe. Nach Angaben der Marokkanischen Menschenrechtsvereinigung (AMDH) wurden in den letzten Monaten Hunderte schwarzafrikanische Migranten von der Küste im Norden in den wüstenartigen Süden des Landes gebracht. Die Regierung sprach von insgesamt 54000 Menschen, die seit Jahresbeginn daran gehindert worden seien, nach Südeuropa überzusetzen.

Seit diesem Sommer ist Spanien das wichtigste Ziel der Migranten, die aus Nordafrika übers Mittelmeer kommen. Nach neusten Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) gelangten seit Jahresbeginn 36000 Menschen mit Booten nach Spanien, 23000 nach Griechenland und 21000 nach Italien. 2017 war noch Italien das Hauptziel der Migranten. Nach einer Verschärfung der Einwanderungspolitik und einer Schliessung der italienischen Häfen für Migrantenschiffe sanken die Zahlen jedoch drastisch.

Die Europäische Union sagte derweil der marokkanischen Regierung neue und grosszügige Hilfen zu, die dazu beitragen sollen, die Abfahrt von Booten aus Marokko zu bremsen: Rund 30 Millionen Euro wurden für die Aufrüstung der marokkanischen Küstenwacht bereitgestellt. Zudem versprach Brüssel 115 Millionen an zusätzlicher Hilfe für Wirtschafts- und Sozialprogramme. Schon in der Vergangenheit liess sich Marokko für seine Rolle als wichtigster Stabilitätsanker in Nordafrika gut entlöhnen: Von 2014 bis 2017 flossen aus den EU-Kassen rund 800 Millionen Euro an bilateraler Hilfe.

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