Frankreich

Marine Le Pen: Eine Rechtsextreme mischt die französische Politik auf

Sie hat Charme und Antworten parat, die die arg gebeutelten französischen Arbeitnehmer hören wollen - die Chefin des Front National (FN) Marine Le Pen. Die Tochter des Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen ist der neue Shooting Star.

Sven Zaugg
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Marine Le Pen - Shooting Star der französischen Rechten
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 Hand in Hand gegen die angebliche Islamisierung der französischen Gesellschaft. Marine mit Vater Jean-Marie Le Pen.
 Marine Le Pen scheut keine Nähe - eine protektionistische Agrarwirtschaft ist Programm.
 Marine Le Pen provoziert bei einem Besuch auf Lampedusa. Werbung für eine restriktive Ausländerpolitik?
 Umringt: Marine Le Pen ist derzeit der Liebling der Medien.

Marine Le Pen - Shooting Star der französischen Rechten

Keystone

Nach dem Erfolg bei den Kantonalwahlen vor rund zwei Wochen meinte Marine Le Pen nonchalant: «Nun machen wir uns auf den Weg zum Präsidentenwahlkampf.» Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik schaffte ihre Partei in zwei Bezirksparlamenten den Durchbruch. Die Wahlen gelten als Stimmungstest, bei dem der konservative Regierungspartei UMP des amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy von den Wahlberechtigten eine bittere Abfuhr erteilt wurde. Den Test konnten die Sozialisten klar für sich entscheiden - mit rund 36 Prozent Zustimmung. Die UMP dagegen brachte es gerade mal auf 20 Prozent.

Grosser Sieger der Kantonalwahlen ist jedoch der Front National (FN), der sich unter Ägide der 43-jährigen Tochter Jean-Marie Le Pens als wählbaren Alternative zur UMP und als dritte politische Kraft im Land etablieren konnte. Rund 12 Prozent der Stimmen konnte Le Pen für ihren Front National verbuchen. Französische Beobachter sind sich einig: Der anti-islamische Kurs von Le Pen hat viele Wähler überzeugt, die bisher für Sarkozy gestimmt hatten. Das Forschungsinstitut IPSOS präsentierte noch am Wahlabend eine brisante Hochrechnung: Wenn die Sozialisten bei der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr den populären IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn ins Rennen schicken, so das Ergebnis, käme der zusammen mit der rechtsextremen Le Pen in die Stichwahl. Amtsinhaber Sarkozy wäre demnach bereits in der ersten Runde abgewählt.

UMP: Skandale und Abstürze

Wie ist der Erfolg, der einst als unwählbargeltenden rechtsextremen Partei überhaupt möglich? In einem kürzlich veröffentlichten Interview erklärte der renommierte Politologe Jean-Yves Camus, der die Entwicklung des Front National seit Jahren beobachtet, wie die Partei für die breite Bevölkerungsschicht interessant wurde: «Die überwältigende Mehrheit der Wahlberechtigten haben kein Vertrauen mehr in die Volksparteien. Vor allem das Versagen von Präsident Nicolas Sarkozy ist ein Hauptgrund für die Erfolge des Front National.» Er (Sarkozy) habe 2007 noch Antworten auf soziale und ökonomische Fragen versprochen, stattdessen gab es Skandale und damit das Abstürzen der konservativen UMP.

Den Erfolg von Marine Le Pen führt Camus auf die «bürgerliche Medienkampagne» zurück, die sie parallel zu ihrer internen Wahl als neue Vorsitzende des FN bestritt: «Ihre Fernsehauftritte hatten zwar nur mit der Wahl innerhalb der FN zu tun, allerdings arbeitete sie, mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen, an ihrem Image und ihrem Bild in der Öffentlichkeit.» Sie habe es geschafft den FN zusammenzuhalten und arbeitete zugleich an neuen Strukturen, um ihre Partei als gesellschaftsfähige Kraft zu etablieren. Viele Medien und andere Beobachter hätten nicht verstanden, wofür diese Frau stehe: «Sie ist moderner und subtiler als ihr Vater und alle denken, sie sei daher moderater.»

Angst vor dem Rückgang «traditioneller Werte»

Meinungsumfragen zeigten zudem sehr deutlich, so Camus, dass es den meisten Wahlberechtigten um Themen wie Kaufkraft, Arbeitslosigkeit und Globalisierung gehe. An zweiter Stelle stünden «Law and Order» und Einwanderung. «Dennoch wächst das Unbehagen gegenüber der multikulturellen Gesellschaft, insbesondere gegenüber dem Islam. Der Süden unseres Landes ist näher an Algerien als an Paris, das reicht für viele Menschen schon. Es entsteht eine Angst vor dem Rückgang ‹traditioneller› Werte.»

Genau diese Ängste weiss Marine Le Pen vorzüglich zu bewirtschaften. Hinzu kommen der Frust der Wähler über die verfehlte Politik der Regierungspartei UMP und der schleichenden Vertrauensverlust in die politischen Institutionen der «Grande Nation». Sarkozy muss sich also warm anziehen, denn die «rechte» Brise weht derzeit bitterkalt und die Krise in seiner konservativen Partei ist noch lange nicht ausgestanden. Knapp 14 Monate vor der französischen Präsidentschaftswahlen kein gutes Omen für den amtierenden Präsidenten.