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Heute Nationalfeiertag, morgen Weltmeister?

Frankreich, das Land der geborenen Individualisten, findet immer wieder zu einer kollektiven Leidenschaft – sei es heute an der Militärparade des Nationalfeiertags oder am Sonntag im Final der Fussball-WM.
Stefan Brändle, Paris
Der Finaleinzug zündete den Funken: Auf der Champs-Elysée feierten am letzten Dienstag Tausende französische Fans den Sieg über Belgien. (Bild: Anthony Ghnassia/Getty (Paris, 10. Juli 2018))

Der Finaleinzug zündete den Funken: Auf der Champs-Elysée feierten am letzten Dienstag Tausende französische Fans den Sieg über Belgien. (Bild: Anthony Ghnassia/Getty (Paris, 10. Juli 2018))

Man würde exzessiven Nationalstolz erwarten, patriotisches Jubelgeschrei: Frankreich steht zum dritten Mal seit 1998 im Final der Fussballweltmeisterschaft. Und da die Grande Nation, wie schon Charles de Gaulle deklamierte, «sich selbst nur im ersten Rang» ist, muss allen Franzosen und Erdenbürgern klar sein, wer das Endspiel am Sonntag für sich entscheiden wird.

Für einmal weit gefehlt. In Frankreich waren weder vor den WM noch in den Gruppenspielen triumphale Töne zu hören. Gewiss hatte Trainer Didier Deschamps eine junge und starke «Sélection» aufgebaut, und Frankreich ist zudem selber in aufstrebender Form: Die schweren Terroranschläge von 2015 liegen schon Jahre zurück; wirtschaftlich geht es bergauf, und Jungpräsident Emmanuel Macron verströmt ganz unfranzösischen Optimismus.

Und doch bleibt der imaginäre Revolutionssoldat Nicolas Chauvin, der dem gutfranzösischen Chauvinismus im 19. Jahrhundert den Namen gegeben hatte, ausser Gefecht. Der grösste Privatsender TF1 versuchte zwar mit allen Mitteln, das Fussballfieber zu wecken. Doch die Franzosen liessen sich von der zu augenfälligen – kommerziellen – Absicht kaum anstecken.

Erst nach dem Halbfinal zündete der Funke

Erst nach dem Halbfinalsieg gegen Belgien hat der Funke gezündet, setzten überall im Land die Hupkonzerte ein. «Allez les Bleus!», schrien im Pariser Vorort Cachan die Banlieue-Kids, und als sich diskret ein Wagen mit Blaulicht näherte: «Allez la police!» Die Uniformierten lachten mit, unsicher, ob das nun euphorisch oder ganz leicht provokativ gemeint war.

Egal: Seit Dienstagabend wirken die streitbaren Gallier wieder einmal vereint. Die üblichen Trennlinien durch die Gesellschaft haben sich dank dem Fussball-Wunder der Bleus – bis auf weiteres – aufgelöst. Alle schwärmen für Trainer Deschamps, der zuvor in den Banlieue-Vierteln arg kritisiert worden war, weil er den Real-Madrid-Star Karim Benzema nicht in die «Sélection» berief.

Nach dem Belgien-Match versöhnte sich Deschamps auch mit Thierry Henry, der 1998 in der französischen WM-Elf gespielt hatte und heute ausgerechnet Belgien mittrainiert. Die grossen Pariser Medien hatten den aus den Antillen stammenden Banlieue-Helden deswegen des «Landesverrats» bezichtigt. Dabei spendete der Multimillionär sein belgisches Salär von 8000 Euro gemeinnützigen Zwecken; und vor allem hatte er erklärt, er arbeite nur deshalb in Belgien (und zuvor Grossbritannien), weil er aus Frankreich nie Jobangebote erhalte. Sein Vater erklärte dies damit, dass der Filius in Frankreich eben als dunkelhäutiger «Boloko» (Nichtsnutz) gelte. Das war aber der einzige unschöne Ton, und er wurde noch auf dem Spielfeld durch die herzliche Umarmung Des­champs’ und Henrys ausgemerzt. Anders als beim französischen WM-Sieg 1998: Damals hatte der rechtsextreme Front National noch die «Blauen» für zu schwarz befunden. Jetzt hält sich Marine Le Pen zurück, auch wenn wohl nicht aus Einsicht, sondern weil sie um politische Salonfähigkeit bemüht ist.

Ausgefuchste Individualisten verschmelzen zu einer Einheit

Dabei hatten die Franzosen ihre Nationalelf keineswegs von Beginn weg ins Herz geschlossen. Mit einer gewissen Distanz verfolgten sie zuerst längere Zeit, was ihre Mannen auf dem Spielfeld zu bieten hatten. Die Mehrheit der 65 Millionen Franzosen schloss erst nach und nach Bekanntschaft mit Spielerstars, die als Fussballlegionäre in ausländischen Meisterschaften kicken: Etwa Kylian Mbappé, der einen Vater aus Kamerun und eine Mutter aus Algerien hat; Ngolo Kante, «der Mann mit den drei Lungen», in Paris aufgewachsen, aber in England spielend. Oder Samuel Umtiti, der zweijährig aus Kamerun nach Lyon gekommen war und heute in Barcelona verteidigt. Sein matschentscheidendes Tor gegen Belgien änderte alles: Hunderttausende meist jugendlicher Landsleute strömten in der Nacht auf Mittwoch in die Strassen, in Paris auf die Champs-Elysées. Der massive Auflauf war nicht nur ein Ausdruck sportlicher Leidenschaft, ist doch Frankreich keine eigentliche Fussballnation. Es war eher die gemeinschaftliche und gutfranzösische Festfreude: Alle fühlten sich frei, gleich und brüderlich.

Beeindruckend zu sehen, wie dieses Volk ausgefuchster Individualisten in Momenten der nationalen Eintracht zu einer einzigen Masse verschmilzt, als wäre sie eine einzige Person. Frankreich sei wirklich eine Person, hatte schon der berühmte Historiker Jules Michelet befunden. So analysierte er die kollektive Vorliebe für die Monarchie, dann für die Revolution und bald wieder für Kaiser Napoleon. Marianne, die Landesfigur Frankreichs, ist oft bäuerlich reserviert, aber impulsiv und leidenschaftlich.

Elitesoldaten, Offizierinnen und Fremdenlegionären

Der Zufall – doch gibt es Zufälle?, fragt Marianne – will es, dass heute Samstag Nationalfeiertag ist. Der Kern des Quatorze Juillet ist, von Tanzbällen in den Feuerwehrlokalen und abend­lichen Feuerwerken eingerahmt, die Truppenparade auf den Champs-Elysées. Ein waffenklirrendes Muskelprotzen der Armee für unbelehrbare Militärköpfe? Nicht für die Franzosen. Am 14. Juli pilgern Familien in Shorts, die Kinder auf den Schultern, zu Zehntausenden an die Avenue zwischen Triumphbogen und Concorde-Obelisk, um «ihren» Elitesoldaten, Offizierinnen und Fremdenlegionären zu lauter Blasmusik zu applaudieren.

Sie alle wissen: Der Nationalfeiertag geht auf den Sturm des Bastille-Gefängnisses zurück, also auf den Beginn der grossen Revolution. Weniger bekannt ist: Die erste Truppenparade in Paris war im Jahr 1880 von einem republikanischen, politisch links stehenden Staatschef – Jules Grévy – organisiert worden, um die Volksmassen gegen die deutschen Nationalisten zu mobilisieren. Wenn das «peuple parisien», das Pariser Volk, heute auf die Champs-Elysées strömt, geschieht das natürlich nur noch bedingt aus revolutionärem Eifer. Selbst die faustreckenden Gewerkschafter verlegen ihre Grossdemos heute lieber in den «roten» Ostteil der Hauptstadt um die Bastille und meiden die «Champs» mit ihren Luxusläden.

«Vive la République, vive la France»

Aber ob nun die Soldaten der Republik oder die Anhänger der Bleus über die Pariser Prachtavenue ziehen: Auf jeden Fall tragen sie Marianne in ihrem Herzen mit. «Vive la République, vive la France», lachte Stürmerstar Antoine Griezmann am Dienstagabend, die gestreckte Hand wie zum militärischen Gruss an die Schläfe legend. So will es das französische Temperament. Und ein Nationalstolz, der auch in der geballten Masse – anders als in deutschen Landen – keine Angst macht. Eher verströmt er eine ansteckende Festfreude. Gewiss, gegen Mitternacht verkommt sie oft zu trinkseligem, manchmal aggressivem Gegröle. Ihr gemeinschaftlicher Ansatz ist hingegen positive Energie und kollektive Freude.

Erst recht, wenn Marianne den WM-Final gewinnen sollte.

Kroatische Regierung im Spielerdress

So ausser Rand und Band wie in diesen Tagen waren die Kroaten nicht einmal 1991, als sie die blutig erkämpfte Republik feierten. Nach dem Finaleinzug bei der WM in Russland hielt die Regierung die Kabinettsitzung im rot-weiss-karierten Spielerdress ab. Holen Modrić & Co. morgen den WM-Titel, herrscht Ausnahmezustand.

Politik und Sport sind in diesem Land siamesische Zwillinge. Fussball ist wesentlicher Teil der nationalen Identität, denn er macht das kleine Land erst gross. Spiele, namentlich gegen Erzfeind Serbien, arten regelmässig in dumpf-nationalistische Orgien aus, bei denen die faschistische Vergangenheit verherrlicht wird. Es sind nicht zuletzt die Politiker, die den Nationalstolz derart befeuern, weil es sich damit bequem von Versagen und Versäumnissen ablenken lässt. Zum fünften Jahrestag der EU-Mitgliedschaft Anfang Juli feierte niemand. Was Wunder: Kroatien ist in Europa noch nicht angekommen. Nach dem Beitritt erlahmte der Reformdruck, gesellschaftspolitisch blieb das Land in der nationalistisch-katholischen Tradition stecken.

Der liberale, im Ausland geschulte Premier Andrej Plenković bemüht sich nach Kräften, das Land zu öffnen, aber die Partei, die Kroatische Union, folgt ihm nicht; sie duldet ihn nur als Chef, weil es ihr an fähigen Leuten fehlt. Auch Präsidentin Grabar-Kitarović ist dem Premier keine Stütze: Sie gilt als provinziell und politisch unbedarft, fühlt sich auf internationalem Parkett unsicher. Doch sie versteht es geschickt, den Glanz der Nationalelf zu nützen: Grabar-Kitarović wohnt jedem Kroatien-WM-Spiel bei, um ihre Lieblingsrolle zu spielen – Mutter der Nation. (rgw)

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