«Marathon ist ausgeschildert»

An der UNO-Klimakonferenz in Paris haben 195 Staaten einem Abkommen zugestimmt, mit dem die Ära der fossilen Energie zu Ende gehen soll. Der ETH-Klimatologe Reto Knutti lobt und mahnt zugleich.

Bruno Knellwolf
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Weitergehende Forderungen vor dem Eiffelturm in Paris. (Bild: epa/Christophe Petit Tesson)

Weitergehende Forderungen vor dem Eiffelturm in Paris. (Bild: epa/Christophe Petit Tesson)

Herr Knutti, nach langen Verhandlungen ist ein Abkommen geglückt, das alle Staaten unterzeichnet haben. Entspricht dieser Konsens den Erwartungen, die man vor der Konferenz hatte?

Reto Knutti: In vielen Aspekten ist das Abkommen so wie erwartet. Insbesondere, dass jedes Land freiwillig bestimmen kann, wie stark es seine CO2-Emissionen bis 2030 reduziert. Es wurde also niemandem etwas aufgezwungen, das hätte nach den Erfahrungen an der Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahr 2009 nicht funktioniert. Aber das neue Abkommen geht bezüglich des Klimaziels deutlich weiter als erwartet: die Erderwärmung soll auf «deutlich unter 2 °Celsius» gegenüber vorindustrieller Zeit begrenzt werden, und es sollen Anstrengungen unternommen werden um sogar unter 1,5 Grad zu bleiben. Man hat damit das 2-Grad-Ziel sogar noch verschärft. Zudem wird zum ersten Mal das Ziel null Emissionen zwischen 2050 und 2100 festgelegt.

Was heisst das?

Knutti: Das heisst, dass wir nur noch so viel CO2 ausstossen dürfen wie wir durch Aufforstung oder CO2-Abscheidung und -Speicherung im Boden wieder aus der Luft entfernen. Das bedeutet also eine praktisch vollständige Dekarbonisierung. Eine riesige Herausforderung, aber eine klare Zielvorgabe für die gesamte Wirtschaft. In diesem Sinne ist das Pariser Abkommen ein Wendepunkt in der internationalen Klimapolitik. Aber vergessen wir nicht, es ist erst eine Absicht auf Papier.

Die nationalen CO2-Ziele dürfen nicht mehr nach unten revidiert werden. Ist diese Vereinbarung möglich, weil die freiwilligen nationalen Zusagen generell einfach zu tief sind?

Knutti: Vielleicht haben einige Länder eher vorsichtige Zusagen bis zum Jahr 2030 gemacht. Aber darum geht es nicht: Man versucht hier einen Mechanismus zu finden, damit die Länder auch halten, was sie versprochen haben. Und nach 2030 braucht es deutlich mehr an Engagement. Aber auch da hat der Vertrag den entscheidenden Punkt drin: Alle fünf Jahre müssen die Länder zusammenkommen, um die Fortschritte zu überprüfen und neue Ziele festzulegen.

Welche konkreten technischen Errungenschaften lassen sich mit dem Abkommen feiern?

Knutti: Wie die Emissionsreduktionen erreicht werden, ist den Ländern überlassen. Aber für die Entwicklungsländer ist wichtig, dass ihnen mit Technologietransfers geholfen wird, damit sie ihre Ziele schneller erreichen. Dies ist prominent im Vertrag. Weiter kritisch für die Zusagen dieser Länder waren die nun versprochenen Ausgleichszahlungen von 100 Milliarden pro Jahr, um Klimaschäden zu reduzieren.

Das Geld spielt wie erwartet eine grosse Rolle und zeigt den Nord-Süd-Konflikt auf. Am Schluss will aber niemand sein Wirtschaftswachstum drosseln, die Dekarbonisierung wird so schwierig.

Knutti: Niemand sagt, dass es einfach wird, und es wird auch etwas kosten. Aber eine Welt mit ungebremstem Klimawandel wäre noch viel schwieriger und teurer, die fette Rechnung bekämen dann einfach unsere Kinder. Wir müssen das Wachstum vom CO2 entkoppeln, indem wir auf andere Energien setzen. Interessanterweise könnte 2015 der weltweite CO2-Ausstoss bei gleichem Wirtschaftswachstum zum ersten Mal leicht sinken. Das wäre ein gutes Zeichen.

Auch nach dem Abkommen wollen die ölproduzierenden Staaten ihr Öl verkaufen. Oder hat sich da in Paris eine Verbesserung abgezeichnet?

Knutti: Besonders Saudi-Arabien hat versucht, das Abkommen abzuschwächen. Die Saudis und andere Staaten wollen halt ihre Öl-, Gas- und Kohle-Reserven verkaufen. Aber vielleicht will diese fossilen Rohstoffe bald gar niemand mehr. Zum anderen sind dort von Firmen und Staaten fossile Reserven im Boden mit Milliarden in den Bilanzen verbucht. Fährt man runter auf «null Emissionen» müssen diese Reserven im Boden bleiben, und sind damit wertlos. Schon heute steigen erste Investoren aus diesen Sektoren aus, nicht wegen des Klimaschutzes, sondern weil diese Aktien vielleicht bald keinen Wert mehr haben.

Wo hat der Vertrag seine grössten Versäumnisse und Mängel?

Knutti: Die freiwilligen Zusagen, eine Schlüsselkomponente um diesen Vertrag überhaupt unter Dach und Fach zu bringen, sind zugleich der grösste Mangel: Sie reichen bei weitem nicht aus, um das erklärte 2-Grad-Ziel zu erreichen. Die heutigen Zusagen bringen uns erst knapp unter 3 Grad Erwärmung. Es muss also ab 2030 wesentlich schneller gehen. Der EU-Kommissar für Klimaschutz und Energie, Miguel Arias Cañete, hat es treffend gesagt: «Heute feiern wir, morgen müssen wir handeln.»

Wie sehen Sie den Schweizer Beitrag in Paris?

Knutti: Ein kleines Land kann manchmal eine Vermittlerrolle in Verhandlungen übernehmen. Aber ich sehe den Schweizer Beitrag vor allem nach Paris: Kaum ein Land hat so viele gutausgebildete Arbeitskräfte und finanzielle Möglichkeiten. Wenn sich Politik, Wirtschaft und Hochschulen gegenseitig unterstützen, dann sind wir zu grossen Innovationen fähig. Der Welt zu zeigen, wie man die Probleme löst, das wäre ein echter Schweizer Beitrag.

Die Koalition der Ehrgeizigen mit der Schweiz, der EU und anderen Ländern sprechen nun vom 1,5-Grad-Ziel. Das 2-Grad-Ziel scheint schon schwierig genug. Kann man sagen, wie viel mehr getan werden müsste, um diese 0,5 Grad weniger zu erreichen?

Knutti: Es braucht die gleiche technologische Innovation und den gleichen gesellschaftlichen Wandel, für 1,5 Grad nur etwas schneller. Vielleicht werden wir 1,5 Grad nicht direkt schaffen, sondern indem wir auf 2 Grad zielen und danach durch CO2-Abscheidung und -Speicherung wieder reduzieren. Aber das ist nicht die zentrale Frage heute. Wichtig ist, dass wir die ersten Schritte machen, und zwar sofort.

Wo sehen Sie den grössten Gewinn aus Paris?

Knutti: Das Abkommen von Paris ist ein Bekenntnis zum Klimaschutz, mit einem klaren Ziel und einem etwas weniger klaren Weg dazu. Aber zum ersten Mal seit zwanzig Jahren sind alle Staaten dabei. Damit ist die Richtung für die Wirtschaft und uns alle klar vorgegeben. Der Marathon ist zumindest teilweise ausgeschildert, der Startpfiff ist mit Paris erfolgt. Aber rennen müssen wir den Marathon noch.

Professor für Klimaphysik, ETH Zürich (Bild: pd)

Professor für Klimaphysik, ETH Zürich (Bild: pd)

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