Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

MANÖVER: «Das ist alles antirussische Hysterie»

Gestern endete das heftig umstrittene russisch-weissrussische Manöver Sapad 2017. Trotz Befürchtungen aus dem Baltikum und der Ukraine ist es nicht in Krieg ausgeartet.
Stefan Scholl, Luga
Muskelspiele: russische Kampfflugzeuge während des Manövers Sapad 2017. (Bild: Tatiana Zenkovich/EPA (Borissow, 20. September 2017))

Muskelspiele: russische Kampfflugzeuge während des Manövers Sapad 2017. (Bild: Tatiana Zenkovich/EPA (Borissow, 20. September 2017))

Stefan Scholl, Luga

Der Regen wird stärker. Zischende Leuchtspurgarben verschwinden in den Nebelschwaden über dem Schlachtfeld, ebenso wie die SU-34-Kampfbomber und die Il-76-Transportflugzeuge mit den Fallschirmjägern. Der Kriegslärm schwillt an, Raketenwerfer wummern, Panzer- und Artillerie­geschosse jaulen, mehrere überschwere Totschka-U-Raketen ­explodieren, riesige Feuerpilze lassen den Dunst aufglühen.

Russland zeigt Feuerkraft. Mit dem verbündeten Weissrussland bekämpfte man vom 14. bis 20. September auf drei weissrussischen und zwei russischen Truppenübungsplätzen eine fiktive terroristische Streitmacht. Die macht im Rahmen des Manövers Sapad 2017 auch die Manöver-Heide bei Luga, 150 Kilometer südwestlich von Petersburg, unsicher. Insgesamt nehmen an den Übungen 12 700 weissrussische und russische Soldaten teil, 70 Flugzeuge und Hubschrauber, 250 Panzer und 200 Geschütze. Eine Übung, die nicht nur mit Kanonendonner Lärm verursacht.

Unklarheit über die Zahl der Soldaten

Das litauische Aussenministerium hat dem Botschafter Russlands eine Protestnote ausgehändigt, weil am Samstag zwei russische Transportflugzeuge den Luftraum Litauens während «Sapad 2017» verletzt hätten. Und seit Wochen befürchteten Balten, Polen, Ukrainer, auch Deutsche lautstark Schlimmeres: Das ­Manöver könnte in militärische Provokationen ausarten oder gar in einen Angriff Russlands auf die westliche Nachbarschaft.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen warf Moskau vor, statt 12 700 ­kämen über 100 000 Mann zum Einsatz. Der ukrainische Generalstabschef Viktor Muschenko sprach gar von 230 000 bis 240 000. «Das schafft die Voraussetzungen für eine breite bewaffnete Aggression Russlands gegen die Ukraine wie gegen die Nato», so Muschenko.

Die russische Seite antwortete laut und empört. «Nicht eine dieser Versionen hat etwas mit der Realität gemein», sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Alexander Fomin. Das Manöver sei rein defensiv, sein Ziel die Bekämpfung von Extremistenbanden, die ins russisch-weissrussische Manövergebiet eingedrungen seien. «Das ist alles antirussische Hysterie», kommentiert der Moskauer Militärexperte Jewgeni Buschinski. «Da wird die Zahl 100 000 völlig willkürlich ­ in den Raum gestellt.» Sein weissrussischer Kollege Alexander Alesin sagt, um die Nato in Osteuropa anzugreifen, bedürfe es 500 000 Mann. «Eine solche Truppenkonzentration würde die Satellitenaufklärung sofort entdecken.» Schon die Entsendung von 100 000 russischen Soldaten nach Weissrussland bedeute ein logistisches Chaos, weil es für ihre Waffen und Technik 50 000 Bahnwaggons benötige.

Es manövriert in ganz Russland

Aber «Sapad 2017» findet ja nicht nur in Weissrussland statt. An dem Gegenstoss auf dem Gelände bei Luga sind fast 1000 Soldaten beteiligt. Ein anderer Verband kämpft auf dem Truppenübungsplatz Prawdinski im Gebiet Kaliningrad Terroristen nieder, vor der Küste jagen Marineeinheiten feindliche Landungstrupps. Es manövert in ganz Russland. Von Motorschützen der Schwarzmeerflotte, die auf der annektierten Halbinsel Krim taktische Übungen veranstalten, über sibirische Einheiten, die ebenfalls Antiterroreinsatz trainieren. Bis zur Nordmeer­flotte, wo 10 U-Boote, 20 Kriegsschiffe und 5000 Mann feindliche Luftstreitkräfte abwehren. Nur wird dabei weder Tallinn noch Kiew bedroht.

Im Szenario von «Sapad 2017» aber gibt es zwei fiktive ­baltische Staaten, die im Nordwesten Weissrusslands bereits eine Rebellenrepublik namens «Weischnorien» errichtet haben und ihr tatkräftig Waffenhilfe ­leisten. Was nicht nur dort grimmiges Gelächter hervorruft. Schon kursieren im Internet Wappen und Hymnen «Weischnoriens», ausserdem Protestnoten eines ebenfalls im Netz auf­getauchten weischnorischen Aussenministeriums gegen die russisch-weissrussische Aggression. Schon feixen Regimekritiker, Wladimir Putin wolle seinem wenig geliebten Präsidentenkollegen Aleksander Lukaschenko eine weischnorische Unabhängigkeitsbewegung ins Nest legen. Ukrainische Beobachter vergleichen Weischnorien mit dem Donbass im Frühjahr 2014. Damals organisierten dort russische Freischärler eine separatistische Rebellenrepublik, die Russland danach mit Waffen und Geld massiv unterstützte. «Jetzt machen die Russen kurzen Prozess mit Weischnorien», spottet der ukrainische Blogger Roman Tsymbaluk. «Aber von uns fordern sie, mit den Rebellenrepubliken im Donbass zu verhandeln.»

Bei «Sapad 2017» verhandelt niemand mit dem Feind. Auf der aufgeweichten Wallstatt des Truppenübungsplatzes Luga regnet es Wasser und Stahl. «Eine halbe Stunde hat es gedauert, bis die feindlichen Banden vernichtet wurden», ruft der durchnässte TV-Korrespondent des Armeesenders Swesda ins Mikrofon. Aber dann fauchen neue Raketensalven, neue Leuchtspuren verschwinden im Nebel. «Jetzt wird der Gegner endgültig vernichtet.» Auch der Swesda-Reporter wird wieder laut. Dass sich hier zwei Tage zuvor die Lenk­rakete eines Ka-52-Kampfhubschraubers selbstständig machte und nach offiziellen Angaben einen Militärlastwagen beschädigte, laut der Zeitung «Kommersant» aber auch drei Menschen verletzte, verschweigt TV Swesda. Russlands neue Armee arbeitet nicht so perfekt, wie das Feuerwerk es wirken lassen möchte.

Putin wohnt der Vernichtung Weischnoriens bei

Und viele Militärs betrachten auch das Manöverfeindbild Weischnorien als eher zufällige Improvisation. «Sie sehen es ja, wir bekämpfen hier einen vollwertigen militärischen Gegner», erklärt ein Offizier. «Eine Streitmacht wie den Islamischen Staat.» Nur alle vier Jahre veranstalte man gemeinsam mit den Weissrussen das Manöver Sapad («Westen»). Deshalb hätten die Terroristen diesmal aus dem Westen kommen müssen.

Nach Luga flog Wladimir ­Putin persönlich ein, um, so das Fachportal «Topwar.ru», der «Vernichtung Weischnoriens zuzusehen». Nebenher bemerkte er auch die 95 ausländischen ­Militärattachés, die ebenfalls ­zuschauten. Die seien offenbar interessiert, sagte der russische Präsident zufrieden. Aber in Panik gerieten die ausländischen Diplomaten nicht. «Sie haben viel Stahl in die Heide gestellt», grinste ein westeuropäischer ­Attaché hinterher. «Um ihrem Präsidenten etwas zu bieten.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.