Manipulierte Organ-Warteliste

In deutschen Spitälern wird die offizielle Warteliste für Spenderorgane anscheinend mit einem Trick systematisch umgangen.

Fritz Dinkelmann
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BERLIN. Deutsche Staatsanwälte ermitteln gegen zwei Ärzte, die im Verdacht stehen, die Organspender-Warteliste zugunsten bestimmter Patienten manipuliert zu haben.

Nicht alles, was legal ist, ist auch akzeptabel, und darum müsste das, was die «Frankfurter Rundschau» vorgestern publiziert hat, die Politik alarmieren. Laut diesem Zeitungsbericht ist die offizielle Warteliste für Patienten, die manchmal jahrelang auf ein Organ warten, nur für jene eine Warteliste, die kein Geld und keine guten Beziehungen haben.

Stimmen die Recherchen der Zeitung, dann wird in Deutschland jede dritte Leber und jedes vierte Herz von den Kliniken direkt an selbstausgesuchte Patienten verteilt. Bei Bauchspeicheldrüsen ist das sogar bei jeder zweiten Transplantation so.

Unerklärliche Steigerung

Zahlen des deutschen Gesundheitsministeriums belegen, dass die Spitäler vor zehn Jahren weniger als 10 Prozent aller Organ-Transplantationen in Eigenregie an ausgewählten Patienten vorgenommen haben. Die massive Steigerung dieser Praxis ist unerklärlich, zumindest, wenn man die rechtlichen Grundlagen anschaut, auf die Kliniken diese Art von Selektion begründen: sie berufen sich nämlich auf das sogenannte beschleunigte Vermittlungsverfahren. Das darf immer dann beansprucht werden, wenn es zu wenige geeignete Empfänger für ältere oder kranke Organspender gibt. So stieg der Anteil im beschleunigten Vermittlungsverfahren etwa bei Lebertransplantationen in den letzten zehn Jahren von 9,1 auf 37,1 Prozent.

Schneise für Manipulationen

Wenn der grüne Gesundheitsexperte Harald Terpa erklärt, er sehe Zahlen, die erklärungsbedürftig seien, dann ist das milde formuliert. Eugen Brysch, Vorstand der Patienten-Schutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung mag sich den extremen Anstieg des speziellen Verfahrens jedenfalls nicht damit erklären, dass die Menschen generell älter werden und damit logischerweise auch das Alter der Spender ansteigt. Dem ist schon deshalb zuzustimmen, weil das höhere Lebensalter ein Prozess ist, der schon sehr viel länger festzustellen ist.

Brysch sprach gestern deshalb von einer «Schneise für Manipulationen» und nährte damit – unausgesprochen – den Verdacht, dass in manchen deutschen Kliniken Organe «kränker» gemacht werden, um so das geltende Wartelisten-System auszuhebeln.

Eventuell Tötungsdelikte

Die Enthüllungen stellen das Organspende-Vergabe-System grundsätzlich in Frage. Und das ist politisch bedeutsamer als das mögliche Fehlverhalten zweier Ärzte, gegen die Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaften Braunschweig und Göttingen laufen. Der Verdacht besteht, dass sie sich in Dutzenden Fällen der Bestechlichkeit schuldig machten, indem sie Krankenakten manipulierten, um gewisse Patienten auf der Warteliste nach oben zu setzen.

Sollten dies stimmen, könnte das Patienten, die nach hinten «geschoben» wurden, das Leben gekostet haben. Die Staatsanwälte prüfen deshalb auch den Anfangsverdacht von Tötungsdelikten.

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