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MALTA: «Wir sind ein Mafia-Staat»

Der Sohn der ermordeten Journalistin Daphne Caruana Galizia hat am Tag nach dem Bombenattentat schwere Vorwürfe gegen die Behörden erhoben. Der Mord wirft ein grelles Licht auf die kleine Sonneninsel im Mittelmeer.
Dominik Straub, Rom
Tausende Menschen nahmen gestern auf der gesamten Insel an Mahnwachen teil. (Bild: Matthew Mirabelli/AFP (Sliema))

Tausende Menschen nahmen gestern auf der gesamten Insel an Mahnwachen teil. (Bild: Matthew Mirabelli/AFP (Sliema))

Dominik Straub, Rom

Der Schock über die Ermordung der 53-jährigen Journalistin und dreifachen Mutter sass in Malta gestern noch tief. Schon in der Nacht hatten Tausende Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Insel an Mahnwachen teilgenommen. In der Hauptstadt Valletta kam es zu mehreren spontanen Gedenk- und Protestaktionen. Zum Entsetzen über die brutale und feige Tat – Daphne Caruana Galizia war am Montag von einer ferngezündeten Autobombe in Stücke gerissen worden – gesellte sich gestern die Empörung über die Äusserung eines maltesischen Polizisten, der sich auf Facebook über den Mord freute: «Jeder bekommt, was er verdient, Kuhscheisse», schrieb der Beamte. Er wurde suspendiert.

Einer der drei Söhne der Ermordeten machte gestern die Behörden und die Regierung von Malta für den Anschlag mitverantwortlich. «Meine Mutter wurde ermordet, weil sie zwischen dem Gesetz und jenen stand, die es verletzen wollen», schrieb Matthew Caruana Galizia auf Facebook. Sie sei ins Visier genommen worden, weil sie die Einzige gewesen sei, welche die Missstände benannt habe.

Eines der korruptesten Mitglieder der EU

Der Sohn der Ermordeten kritisierte auch Regierungschef Joseph Muscat von der Labour Party, der das Attentat in einer Fernsehansprache als «barbarischen Akt» verurteilt hatte. Muscat habe seine Mutter jahrelang zu dämonisieren und einzuschüchtern versucht. Unter dessen Regierung herrsche eine Kultur der Straflosigkeit, die eine solch grausame Tat überhaupt erst ermöglicht habe. «Wir sind ein Mafia-Staat», schrieb Matthew Galizia.

In der Tat hatte Daphne Caruana Galizia den Premierminister auf ihrem Blog mehrfach kritisiert. Sie hatte dem Team des International Consortium of Investigative Journalists angehört, das im April 2016 die sogenannten Panama Papers veröffentlicht hatte. In dem Dossier spielte nicht nur Panama, sondern auch Malta eine wichtige Rolle – als Steuerparadies und Sitz von über 70000 Offshore-Firmen (bei 430000 Einwohnern). Daphne Galizia entdeckte, dass die Gattin des Premierministers, Michelle Muscat, bei einer Bank in Panama ein Konto besass, auf das Schmiergelder in Millionenhöhe aus Aserbaidschan geflossen waren. Vorwürfe im Zusammenhang mit Offshore-Konten richteten sich auch gegen den Energieminister sowie gegen Muscats Kabinettschef. Unter dem Eindruck des Skandals musste Muscat – mitten im ersten Halbjahr 2017, als Malta den EU-Rat präsidierte – zurücktreten und Neuwahlen ansetzen. Trotz der Affäre gewann Muscat die Wahlen und kehrte ins Amt zurück.

Der Mord an der mutigen Journalistin und Bloggerin erinnert daran, dass Malta eines der korruptesten Mitglieder der EU ist. Auf der ehemaligen Kreuzfahrerinsel auf halbem Weg zwischen Europa und Afrika haben laut den italienischen Antimafia-Ermittlern neben Offshore-Firmen auch Drogenbarone der ’Ndrangheta ihre Stützpunkte eingerichtet. Malta dient laut italienischen Erkenntnissen ausserdem als Drehscheibe für Menschenschmuggler.

Daphne Caruana Galizia legte all dies in ihrem Blog, dem meistgelesenen Maltas, schonungslos offen und trat damit vielen auf die Füsse: Regierungsmitgliedern, dem Oppositionsführer Adrian Delia von der National Party, aber auch Geschäftsleuten, hohen Beamten und Richtern.

Kein Polizeischutz trotz Morddrohungen

Vor dem tödlichen Bombenanschlag gegen die Bloggerin sind in Malta in den letzten zwölf Monaten bereits fünf Menschen durch Bomben getötet worden. Angesichts der vielen Feinde, die sich die 53-Jährige mit ihrer Arbeit gemacht hatte, dürfte die Ermittlung der Täter schwierig werden. Zur Untersuchung der Tat hat die Regierung die Hilfe von holländischen Bombenexperten und des FBI angefordert. Eine Spur gibt es bisher nicht.

Daphne Caruana Galizia wusste, dass sie gefährlich lebte: Vor 15 Tagen hatte sie sich noch wegen Morddrohungen bei den Behörden gemeldet. Zu ihrem Schutz wurde nichts unternommen. «Wo du auch hinschaust, überall sind Gauner. Die Lage ist hoffnungslos», schrieb Daphne Caruana Galizia am Montagnachmittag um 14.35 Uhr. Es war der letzte Eintrag in ihren Blog – 25 Minuten später war sie tot.

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