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MALI: Zwischen Besatzern und Gotteskriegern

Seit 2012 dauert der bewaffnete Konflikt in Nordmali an. Der islamische Gottesstaat ist dort weitgehend zerschlagen – auch dank der Unterstützung durch französische Truppen. Neuerdings destabilisieren die Dschihadisten aber auch das Kerngebiet des Sahel-Landes.
Stefan Brändle, Bamako
Anhänger der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad: Die sich als Vertreter der Tuareg sehende Miliz kämpft für die Unabhängigkeit des nördlichen Teils von Mali, der von 2012 bis 2013 einen De-facto-Separatstaat bildete. (Bild: Souleymane Ag Anara/AFP (Menaka, 5. Februar 2018))

Anhänger der Nationalen Bewegung für die Befreiung des Azawad: Die sich als Vertreter der Tuareg sehende Miliz kämpft für die Unabhängigkeit des nördlichen Teils von Mali, der von 2012 bis 2013 einen De-facto-Separatstaat bildete. (Bild: Souleymane Ag Anara/AFP (Menaka, 5. Februar 2018))

Stefan Brändle, Bamako

Hut ab vor Abou Sanogo: Der junge Radfahrer tritt in die Pedalen, als wäre die Landstrasse zwischen Bamako und Bougouni nicht voller Staub, Hitze und Gefahren. Dem dreissigköpfigen Fahrerfeld der Tour du Mali folgen dichtauf mehrere Lastwagen mit Elitesoldaten auf der Ladefläche. Das Gewehr im Anschlag, beobachten sie das Buschwerk zur Seite. Zuvorderst fährt Sanogo. Der Halbprofi trotzt allen Widersachern und Heckenschützen. Nach 141 Kilometern fährt er als Sieger in Bougouni ein und freut sich, als hätte er die Tour de France gewonnen.

Der Krieg in Mali, anfänglich auf den Landesnorden beschränkt, rückt derweil in den Süden vor: Die achte Ausgabe der Tour du Mali ist auf drei Etappen im Süden geschrumpft; der Rest des Landes ist zu unsicher. In der Hauptstadt Bamako (3,4 Millionen Einwohner) gab es bereits mörderische Anschläge auf ein Luxushotel, eine Bar, ein Tourismusresort. Zielscheibe waren jeweils Franzosen. Sie waren 2013 in Nordmali militärisch interniert, um die wüstenerprobten Islamisten, die nach dem Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi nach Mali zurückgekehrt waren, aus ihrem theokratischen Staat Azawad in Nordmali zu vertreiben. Die Operation gelang, die 19 Millionen Malier waren der ehemaligen Kolonialmacht dankbar. Heute sehen sie in den Franzosen vor allem «Besatzer», wie Lokaljournalisten in Bamako im Gespräch sagen – schreiben würden sie das nicht.

Ähnliches Szenario wie in Afghanistan

Die Franzosen untersagen der malischen Armee bis heute den Zutritt zu einzelnen Wüstenstädten wie Kidal. Wollen sie damit die Tuareg-Nomaden decken, die bei den Maliern wenig Sympathien geniessen? Auf jeden Fall verheddern sich die Franzosen zunehmend in den ethnisch wie religiös komplexen Verhältnissen Malis. «Es ist wie in Afghanistan: Je mehr sich die französische Armee engagiert, desto schlimmer wird die Lage und desto stärker wird der bewaffnete Dschihadismus», sagt der französische Ex-Diplomat Laurent Bigot. Er wurde vor einigen Jahren aus dem Staatsdienst entlassen, weil er die Dinge in Westafrika beim Namen nennt. «Wir begehen den gleichen Fehler wie in Kabul, wenn wir bloss den Terrorismus bekämpfen. In Mali ist er eine Folge von Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption unter dem malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, der 2013 mit Hilfe von Paris an die Macht gekommen war.» Zwischen Sahel und Sahara gelegen, ist Mali ein Schlüsselstaat Westafrikas. Dank ihrer ruhigen Mentalität lebten die zahlreichen Ethnien der Bambaras, der Dogons oder der Peuls (auszusprechen «pöhl») bisher friedlich miteinander – ähnlich wie die gemässigten Muslime mit der christlichen Minderheit, die 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Die soziale und konfessionelle Eintracht leidet aber mehr und mehr unter einem Krieg, der fern von den medialen Schlagzeilen weitergeht.

Dschihadisten schüren ethnische Konflikte

Die gut 4000 Soldaten der französischen Militäroperation Barkhane haben in den letzten drei Jahren nach eigenen Angaben 450 Dschihadisten «neutralisiert», zu Deutsch: getötet. Andere Gotteskrieger haben die Wüstenzone verlassen und die französischen Stellungen umgangen: Sie missionieren neu im zentralen Landesteil. Mit ihren Slogans gegen die «Kolonialisten» in Paris und die «Plünderer» in Bamako ziehen sie die Peuls auf ihre Seite. Diesen relativ hellhäutigen Hirten und Viehzüchtern versprechen die Islamisten eine Rückkehr zu ihrem im 19. Jahrhundert blühenden Reich.

Das ist auch gegen die sesshaften Dogons gerichtet, unter denen viele Protestanten und Animisten sind. So verwandeln die dschihadistischen Gruppen den malischen Schmelztiegel mit Hilfe lokaler Wahhabitenprediger in ein ethnisches Pulverfass. Dogon- und Peul-Dörfer rüsten Milizen aus. In der Stadt Gao hat der Gouverneur Anfang März eine nächtliche Ausgangssperre erlassen, die kaum eingehalten wird. «Man sieht in Gao kaum Soldaten, dafür immer mehr Zivilisten mit Gewehren», erzählt Souleyman, ein Telekomverkäufer, der seinen Nachnamen nicht nennen will. «Nach zwei Monaten in Mopti und Gao bedrohten mich bärtige Männer. Sie sagten mir, wir bräuchten hier keine Handys mehr, wenn wir die Scharia eingeführt hätten», berichtet der 35-jährige Malier, der von seiner Firma nach Bamako zurückbeordert wurde.

Ultimatum für den Präsidenten

Die Handvoll Terrorgruppen von al-Kaida, IS oder des Tuaregkämpfers Iyad Ag Ghali stösst auch über die Grenzen Malis vor. In Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, brachten sie Anfang des Monats sieben Militärs um. Der nur mit Armeekomplizen mögliche Anschlag galt offenbar einer Tagung der Staatengruppe G5 Sahel (Mali, Burkina Faso, Tschad, Mauretanien und Niger). Sie soll auf Betreiben des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und mit finanzieller EU-Hilfe eine Nachfolgetruppe für die Operation Barkhane auf die Beine stellen.

Malis Präsident Keïta bewegt allerdings kaum etwas. Der UNO-Sicherheitsrat hat ihm deshalb auf französischen Wunsch ein Ultimatum gesetzt: Wenn er ein 2015 geschlossenes Friedensabkommen zwischen Maliern und Tuareg nicht bis Ende März umzusetzen beginnt, kürzt die UNO die Entwicklungshilfe für Mali. Doch «IBK», wie man Keïta in Bamako nennt, ist völlig von seiner Wiederwahl im Juli absorbiert. Die Franzosen sind ihrerseits im Norden beschäftigt. So stossen die radikalen Kriegstreiber im Zentrum des Landes auf wenig Widerstand. In Bougouni sagte ein Tour-du-Mali-Organisator: «Inschallah – hoffentlich wird das Radrennen nächstes Jahr überhaupt noch stattfinden.»

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