Märkte reagieren volatil auf offene Fragen

Der Franken ist gestern nach dem Brexit-Entscheid erstarkt, der Goldpreis ist gestiegen. Die Börsen haben vor allem in den ersten Stunden des Handelstages gelitten. In weiten Teilen Europas mussten besonders die Banken- und Versicherungstitel grosse Verluste hinnehmen.

Rainer Rickenbach
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Schon recht früh am Morgen setzten gestern die Bewegungen ein, die in der Schweiz nach einem Ja zum EU-Austritt Grossbritanniens zu erwarten waren: Der Euro verlor im Vergleich zum Franken ein paar Prozent an Wert, und die Aktien im Schweizer Börsenindex SMI waren rund 7 Prozent im Minus. Im Verlaufe des Tages pendelten sich die Werte wieder irgendwo zwischen den Daten vor und nach dem britischen Volksentscheid ein (siehe Grafik).

Bankentitel tauchen

An der Frankfurter Börse spielte sich ein ähnliches Szenario ab, dort belief sich das Minus bei Eröffnung des Handelstages sogar auf 10 Prozent. In halb Europa mussten vorab die Banken- und Versicherungstitel grosse Verluste hinnehmen. In Zürich verlor die UBS 11 Prozent, Credit Suisse sogar 13 Prozent. Die Titel erholten sich bis Börsenschluss nicht mehr.

Die Zürcher Kantonalbank verwies auf steigende Risikoprämien und konjunkturelle Unsicherheiten, die den Bankentiteln zusetzten. Es war der stärkste Einbruch seit dem Januar 2015, als die Schweizerische Nationalbank die Anbindung an den Euro aufhob. Was den britischen Finanzsektor betrifft, geht Chefökonom Martin Eichler vom BAK Basel von einem «Einfluss- und Ansehensverlust des Londoner Finanzplatzes» aus.

Verschiedene Fluchtwährungen

Die Talfahrt des britischen Pfund nahm gestern mit mehr als 11 Prozent Wertverlust gegenüber dem Dollar den wie erwartet aufsehenerregenden Anfang. Im Vergleich zum Euro hielt sich das Minus der britischen Währung nur darum in Grenzen, weil die Einheitswährung ebenfalls schwächelt. Nebst dem Franken wurden Fluchtwährungen wie der Dollar oder der japanische Yen als sichere Häfen gesucht, auch der Goldpreis stieg.

Als sicher gilt unter den Ökonomen, die den Brexit kommentieren, vorderhand einzig die Unsicherheit. Das Auf und Ab an den Finanzmärkten setzt sich nach ihren Prognosen in den nächsten paar Wochen fort. Die Volatilität ist den vielen offenen Fragen geschuldet, die nach dem Volksentscheid der Briten auf eine Antwort warten.

Dass der Franken gestern zwischen 7 und 8 Uhr morgens – als der Brexit zur Gewissheit wurde – seinen Höhenflug abrupt beendete, lässt nur einen Schluss zu: Die Nationalbank schaltete sich aktiv ins Devisengeschäft ein. Mit dem Ziel, die Schweizer Währung zu schwächen. «Die Notenbank hat tatsächlich Fremdwährungen gekauft», schlussfolgern etwa die Marktbeobachter der Credit Suisse. Überraschend kam die Intervention der Nationalbank nicht; Direktor Thomas Jordan hatte sie für den Fall einer Zustimmung zum Brexit schon vor ein paar Tagen in Aussicht gestellt.

Beim BAK Basel geht man davon aus, dass der starke Aufwertungsdruck auf den Franken anhält. Dem kann sich die Nationalbank nach Einschätzung von BAK-Chefökonom Eichler mit Blick auf ihre bereits «sehr grosse Bilanzsumme» auf Dauer aber nicht entgegenstellen. «Von dem Aufwertungsdruck auf den Franken geht die wohl grösste Gefahr für die Schweizer Wirtschaft aus. Zumal er über Monate oder Jahre anhalten kann», sagt Eichler.

Ein Anteil von 6 Prozent

Die Briten stehen vor einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, möglicherweise droht sogar eine Rezession. Darin sind sich die Wirtschaftswissenschafter einig. Die direkten Folgen der britischen Wirtschaftsschwäche dürften sich für die Schweizer Exportwirtschaft indes in Grenzen halten. 6 Prozent der Direktexporte verlassen die Schweiz in Richtung der britischen Insel, bei zwei Dritteln davon handelt es sich um Güter der Chemie- und Pharmabranche. Deren Handel gilt als krisenresistent. Kommt hinzu, dass es sich bei einem schönen Teil dieser Ausfuhren um unternehmensinterne Güterbewegungen handelt, also zwischen verschiedenen Produktionsstätten eines Konzernes.

Ab wann es schmerzt

Eine geringere Rolle bei den Exporten nach Grossbritannien spielen Maschinen, Elektronik und Metalle sowie Schmuck und Uhren. Die Schweiz ist also von einer britischen Konsumflaute direkt weit weniger betroffen als die Benelux-Länder, Deutschland und Frankreich, für welche die Insel ein wichtiger Absatzmarkt ist. Schmerzlich für die Schweiz wird es erst, wenn die Konjunktur in den Euroländern durch die Folgen des britischen EU-Austritts in Mitleidenschaft gezogen wird – etwa in Deutschland (siehe auch Interview oben) und weiteren Ländern.