Macron greift durch: Frankreich verhängt Ausgangssperren

In der französischen Hauptstadt Paris und weiteren Metropolen gilt nun Sperrstunde ab 21 Uhr. Mit der einschneidenden Massnahme will Präsident Emmanuel Macron die Wirtschaft vor dem Kollaps retten.

Stefan Brändle aus Paris
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Präsident Emmanuel Macron greift angesichts der dramatischen Coronazahlen in Frnakreich zu einschneidenden Mitteln.

Präsident Emmanuel Macron greift angesichts der dramatischen Coronazahlen in Frnakreich zu einschneidenden Mitteln.

Lewis Joly / AP

Ein hässliches Wort kehrt nach Frankreich zurück – «couvre-feu», zu Deutsch: Sperrstunde. Der Begriff weckt in Paris ungute Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, als das deutsche Nazi-Regime die französische Hauptstadt besetzt hatte. Eine nächtliche Ausgangssperre galt bereits in diesem März, unter anderem in der Elsässerstadt Mulhouse, einer der schlimmsten Brutstätten der ersten Coronawelle.

Ab Samstag müssen die Bewohner von Städten wie Marseille, Lyon, Grenoble, Lille, Montpellier und allen voran Paris abends wieder zuhause bleiben. Die Sperrstunde gilt in diesen Städten von 21 Uhr bis 6 Uhr in der Früh, was den Besuch von Restaurants, Kinos, Theatern und privaten Soireen verunmöglicht, wie Emmanuel Macron in einem fast einstündigen Fernsehauftritt erklärte.

Macron sagte, die Zunahme der Covid-Ansteckungen sei in den betroffenen Städten «besorgniserregend». Die Ansteckungszahlen nehmen in Frankreich um rund 15000 Fälle pro Tag zu. In Paris sind wieder 1500 Covid-Patienten im Spital, 500 müssen beatmet werden. Ende Monat sollen die Krankenhausbetten im Raum Paris erstmals seit April wieder voll ausgelastet sein.

Eindringliche Warnungen von Ökonomen

Macron betonte, es bestehe «kein Grund zur Panik». Sein Optimismus wird allerdings von den französischen Ökonomen nicht geteilt: Sie warnen immer eindringlicher vor den dramatischen Konsequenzen für die Landeswirtschaft, wenn die zweite Coronawelle ähnliche Ausmasse annehmen sollte wie die erste.

Aus diesem Grund beschliesst Macron nun Massnahmen, die zumindest für die betroffenen Freizeitbranchen massive Einschnitte darstellen. Nur so glaubt er den neuen Anstieg der Neuinfektionen auf täglich «3000 bis 5000» – so Macron – bremsen zu können.

Zum Schutz der Restaurant- und Freizeitbetriebe aktiviert er das grosszügige Kurzarbeitsregime der ersten Coronawelle, als der französische Staat hundert Prozent der Firmenauslagen abdeckte. Trotzdem haben viele Wirte angekündigt, dass sie bei einer Ausgangssperre endgültig Konkurs anmelden müssten.

Die Operation «couvre-feu» ist vorerst auf vier Wochen befristet. Macron zeigte sich zuversichtlich, dass sie nach einer ersten Überprüfung nach zwei Wochen bereits gelockert werden könnte. Möglich ist aber auch das Gegenteil. In dem Fall käme die Regierung nicht mehr darum herum, in Ballungsräumen wie Paris – wo allein ein Sechstel der 65 Millionen Franzosen lebt – eine Ausgangsbeschränkung rund um die Uhr anzuordnen.

Grösste Agrarmesse des Landes abgesagt

Ökonomen befürchten, dass dies die gesamte Landeswirtschaft abwürgen könnte. Einzelne Branchen wie die Luftfahrt oder der Tourismus haben bereits über 50 Milliarden Euro verloren und liegen am Boden. 800000 Arbeitnehmer haben covidbedingt ihren Job verloren. Und allzu schnell dürfte die zweite Welle nicht verebben: Am Mittwoch wurde die grösste Agrarmesse Frankreichs abgesagt, was vor allem deshalb bemerkenswert ist, weil sie erst für Februar und März des nächsten Jahres geplant war. Offensichtlich nehmen die Organisatoren an, dass die Krise im nächsten Frühjahr noch grassieren wird.

Besonders Jugendliche sind betroffen

Der «couvre-feu» trifft vor allem ausgehfreudige Jugendliche in den Grossstädten. Sie gelten, ohne dass dies Macron so direkt ausdrückt, als Hauptverbreiter des Virus. Auch Premierminister Jean Castex hütet sich, Klartext zu sprechen: Nach Fernsehbildern aus Pariser Bars und Partys, in denen schutzlos gefeiert wurde, erklärte er in einer internen Sitzung, «eine gewisse Kategorie von Franzosen» halte sich offensichtlich für «unbesiegbar». Jugend- und Studentenverbände protestierten gegen die «Stigmatisierung» dieser Altersgruppe.