Machtwechsel in Qatar weckt Hoffnungen

Revolutionäres spielt sich im feudalistischen Land Qatar ab. Nach dem Machtverzicht des Emirs zugunsten seines Sohns bekommt das Land nun auch noch einen jüngeren Regierungschef.

Michael Wrase
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Sheikh Tamin al-Thani (Bild: epa)

Sheikh Tamin al-Thani (Bild: epa)

BEIRUT. Der Generationenwechsel im Emirat Qatar wird konsequent fortgesetzt. Nach dem Rücktritt des Emirs Sheikh Hamad bin Khalifa al-Thani, der die Macht an seinen erst 33 Jahre alten Sohn Tamin übergab, erhält das Land jetzt auch einen neuen Premierminister: Der 41jährige Sheikh Abdullah bin Nasser al-Thani wurde nach Informationen des TV-Senders Al Jazira mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Sheikh Hamid bin Jassim, der 20 Jahre älter ist und 18 Jahre lang für die Umsetzung der Regierungspolitik verantwortlich war, muss seinen Posten räumen.

Kontrollierter Übergang

Die Einsetzung der jungen Elite ist für einen feudalen Staat wie Qatar, der seit über 150 Jahren von derselben Familie beherrscht wird, ein fast schon revolutionärer Schritt. Ob dieser wirklich völlig freiwillig getan wurde, wie dies die Medien am Persischen Golf betonen, bleibt abzuwarten. Der bisherige Emir ist gesundheitlich angeschlagen, lebt angeblich mit zwei Spendernieren. Für die meisten arabischen Autokraten wäre dies freilich kein Grund gewesen, vorzeitig von ihrem Thron zu steigen. Sie hätten, wie der Syrer Hafis al-Assad, bis kurz vor ihrem Tod weiterregiert und erst dann einen Sohn eingesetzt, dieser übergab an seinen Sohn Bashar.

Sheikh Khalifa al-Thani war weise genug, nicht so lange zu warten. Der 61-Jährige kann den von ihm eingeleiteten Generationenwechsel selbst überwachen. Als kluger Vater wird er seinen Sohn nun beraten und einschreiten, sollten diesem die Dinge aus dem Ruder laufen. Schliesslich steht für das kleine Land am Golf viel auf dem Spiel: Qatar versteht sich als Führungsmacht des Arabischen Frühlings, hat sich mit seiner aggressiven Interventionspolitik in Syrien, Ägypten und Libyen aber auch viele Feinde gemacht.

Der neue Emir wird gemeinsam mit seinem neuen Grosswesir schon bald entscheiden müssen, ob er mit weiteren Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen zu einer Eskalation des Stellvertreterkrieges beitragen will, um damit sein Land womöglich zur Zielscheibe von Vergeltungsaktionen zu machen. Oder ob er sich vielleicht doch für eine politische Lösung des Konflikts einsetzen soll.

Von Nachbarn beäugt

In neun Jahren soll im ultra-konservativen Golfstaat die Fussball-WM ausgetragen werden. Wie man dann mit Heerscharen von Bier-durstigen Fans umgehen wird, steht noch in den Sternen. Mit der Einsetzung einer im Westen ausgebildeten jungen Machtelite wurden auch hier die richtigen Zeichen gesetzt. Qatar, das ist sicher, wird für seinen überraschenden Generationenwechsel von seinen Nachbarn bewundert – und gleichzeitig für diesen Schritt gehasst werden.

Vor allem der mächtige Nachbar Saudi-Arabien dürfte mit einer gewissen Verzweiflung zur Kenntnis nehmen, dass ihm Qatar mehr als nur einen Schritt voraus ist. Seit Jahrzehnten ringt man in Riad um die Thronfolge. Die möglichen Nachfolger des 90jährigen König Abdullah sind selbst bald im Greisenalter. Einen 33jährigen als König einzusetzen, ist in Saudi-Arabien unvorstellbar. Aber man weiss, dass ein Generationenwechsel längst überfällig ist. Was fehlt – und dies nicht nur in Saudi-Arabien –, ist der Mut, die Weitsicht und Weisheit von Qatar.