Machtkampf wird eskalieren

Die Faktenlage um das Blutbad in Nordafghanistan ist noch immer unklar. Sicher ist, dass die Kämpfe in dieser Region zunehmen werden, weil hier viele Interessen aufeinanderprallen.

Willi Germund
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Vieles noch ungeklärt: Afghanische und verbündete Truppen bei den Überresten eines der bombardierten Tankwagen. (Bild: ap)

Vieles noch ungeklärt: Afghanische und verbündete Truppen bei den Überresten eines der bombardierten Tankwagen. (Bild: ap)

lahore. Die private Menschenrechtsorganisation Afghan Rights Monitor schätzt in einem Bericht, der auf mehr als einem Dutzend Interviews mit Anwohnern von Omar Khel beruht, dass bei dem fatalen Nato-Luftangriff auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklastwagen am Freitag 60 bis 70 Zivilisten getötet worden seien. «Selbst wenn alle Opfer die Talibanmilizen unterstützten, gab es keinen Grund für den Massentod», sagt die in Kabul ansässige Menschenrechtsorganisation. «Tatsache bleibt, dass die meisten nicht bewaffnet waren und sich nicht am Kampf beteiligten.

» Der afghanische Geheimdienst NDS wiederum erklärte gestern, bei dem von der deutschen Bundeswehr angeforderten Bombenangriff seien nicht mehr als 60 Opfer zu beklagen, die zudem alle Talibankämpfer gewesen seien.

Pulverfass Nordafghanistan

Vier Tage nach dem Blutbad am Kunduz-Fluss entspricht die anhaltende Verwirrung um die Faktenlage dem Flickenteppich der Interessen, die in und um das nordafghanische Kunduz aufeinandertreffen.

Präsident Karzais Büro beharrt auf hohen Opferzahlen, weil er sich im Moment nicht gut mit seinen ausländischen Partnern versteht. Der Geheimdienst NDS, der von Tadschiken aus dem Panshir-Tal dominiert wird, ist vor allem am harten Vorgehen gegen die radikalislamischen Talibanmilizen interessiert. Gouverneur Omar wiederum schwenkte überwiegend auf die Linie der Bundeswehr ein, weil er auch künftig mit den Deutschen kooperieren will.

Doch das Blutbad dürfte die Gemüter der Akteure in der Region von Kunduz kaum lange bewegen. Denn das Gebiet entwickelte sich während des vergangenen Jahres nicht nur zu einem neuen Schwerpunkt von Talibanaktivitäten. Es dürfte wegen einer einzigartig brisanten ethnischen und politischen Mischung während der kommenden Monate zu einem der explosivsten Schauplätze Afghanistans werden.

Kampf um die Macht

Die Heimat des Warlords Gulbuddin Hekmatyar, dem im Untergrund lebenden Chef der Gruppe Hezb-i-Islami, liegt in einem Ort nahe der Grenze zu Tadschikistan nördlich von Kunduz. Seine bewaffneten Kämpfer sind ebenso in der Region aktiv wie die mit ihm verbündeten radikalislamischen Talibanmilizen. Wenn die Verhandlungen Hekmatyars mit der Karzai-Regierung so erfolgreich verlaufen, wie es gegenwärtig aussieht, könnten Hezb-i-Islami und Taliban aber bald zu erbitterten Feinden werden.

Die verbliebenen Reste der von Tadschiken dominierten «Nordallianz» um den ehemaligen Aussenminister und Präsidentschaftskandidaten Abdullah Abdullah wiederum versuchen ihre Position zu stärken und können dabei auf die treuen Dienste des Geheimdienstes NDS setzen. Ausserdem mischen in der Region noch mehrere kleine Drogenkartelle mit, die in erster Linie am Opiumtransport aus Afghanistan Richtung Zentralasien verdienen.

Das «Provinz-Wiederaufbauteam» (PRT) der Bundeswehr kooperiert überwiegend mit den afghanischen Streitkräften ANA und den bislang noch der Karzai-Regierung ergebenen Behörden.

2001 Widerstand bis zuletzt

Kunduz, dessen Bevölkerung zu einem Drittel aus Paschtunen besteht, war 2001 die letzte Stadt Afghanistans, in der die Talibanmilizen nach der Vertreibung aus Kabul noch Widerstand leisteten, als Kandahar im Süden längst gefallen war.

Tadschiken, Usbeken und die wenigen schiitischen Hazaras in der Stadt und Umgebung haben die «Gotteskrieger» noch in denkbar schlechter Erinnerung.

Aber viele Paschtunen im Distrikt Charah Dareh, der heute weitgehend von den Milizen beherrscht wird, sind nach achtjähriger Erfahrung mit der gegenwärtigen Regierung mehr denn je gewillt, wieder mit den Taliban zu kooperieren.

Denn bei Streitigkeiten um lebenswichtige Wasser- oder Landrechte wurden sie seit 2001 von den Behörden oft benachteiligt.

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