Machtkampf in Madagaskar

Präsident Ravalomanana bietet Volksabstimmung an, sein Widersacher Andry Rajoelina bleibt kompromisslos. Wer das Militär kontrolliert, ist weiterhin unklar.

Marc Engelhardt
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Sieht sich an der Macht: Oppositionsführer Andry Rajoelina grüsst seine Anhänger und gibt an, die Armee stehe hinter ihm. (Bild: rtr/Siphiwe Sibeko)

Sieht sich an der Macht: Oppositionsführer Andry Rajoelina grüsst seine Anhänger und gibt an, die Armee stehe hinter ihm. (Bild: rtr/Siphiwe Sibeko)

Nairobi. Gestern sah es in Madagaskars Hauptstadt Antananarivo so aus, als stünde ein Bürgerkrieg kurz bevor: Überall wurden Strassensperren errichtet, Bewohner bewaffneten sich mit Steinen und Stöcken. Mehr als 100 Menschen sind bereits ums Leben gekommen, seit der Machtkampf zwischen Madagaskars Präsident Marc Ravalomanana und seinem Herausforderer Andry Rajoelina Anfang dieses Jahres begann.

Volksabstimmung möglich

Während Rajoelina am Samstag an einer Demonstration vor 5000 Anhängern unnachgiebig blieb, gab sich Ravalomanana erneut gesprächsbereit. «Wenn es sein muss, werde ich eine Volksabstimmung ansetzen», erklärte er gestern vor über 10 000 Unterstützern. «Ich habe keine Angst davor.» Als entscheidend für den Ausgang des politischen Machtkampfs gilt die Frage, wer das Militär kontrolliert.

Am Freitag hatten Soldaten Panzer aufgefahren, aber nicht eingegriffen. «Natürlich kontrolliere ich das Militär», gab der 34jährige Rajoelina, ehemaliger Bürgermeister der Hauptstadt, am Wochenende bekannt. Der demokratisch gewählte, aber zunehmend isolierte Ravalomanana hingegen konterte: «Ich habe die Kontrolle.» Tatsächlich scheint es, als sei die traditionell neutrale Armee genauso zerrissen wie die restliche Bevölkerung.

Mehrheit ist keiner Seite sicher

Meuternde Soldaten unter der Führung von Colonel André Andrianarijaona drängten am Donnerstag Premierminister Charles Rabemananjara aus dem Amt. Der Militärchef signalisierte Unterstützung für die neue Regierung, «wenn dadurch wieder Ruhe einkehrt». Auf Seiten des Präsidenten sammelt Verteidigungsminister Mamy Solofo Ranaivoniarivo Truppen hinter sich. Aber anscheinend ist sich keine Seite einer Mehrheit sicher: auf eine militärische Konfrontation wollte es jedenfalls zunächst niemand ankommen lassen.

Über das Wochenende wurde dann die Machtbasis des Präsidenten immer schmäler. Parlamentspräsident Jacques Sylla, bisher ein enger Vertrauter Ravalomananas, erklärte, dass dessen Rücktritt die einzige Lösung und der beste Ausweg aus der Krise sei.

Polizeichef Pily Gilbain versucht unterdessen, eine ähnliche Spaltung von Polizei und Gendarmerie zu verhindern: Eine «taktische Zelle» soll beraten, wie mit der Sitution umgegangen wird. Zugleich warnte Pily Ravalomanana und Rajoelina davor, ausländische Söldner einzufliegen.

Zukunft in der Hand des Militärs

Während die wahre Entscheidung über die Zukunft Madagaskars also in den Händen der Sicherheitskräfte liegt, drohte Rajoelina gestern unspezifisch mit «anderen Optionen».

Doch seine Machtlosigkeit demonstrierte der ehemalige Radiomoderator zuletzt am Samstag, als er erstmals nach seiner Flucht in die französische Botschaft öffentlich auftrat und den Präsidenten aufforderte, «binnen vier Stunden zurückzutreten». Vier Stunden später winkte Ravalomanana betont lässig aus dem Präsidentenpalast seinen dort versammelten Anhängern zu. Er werde «niemals» zurücktreten, sagte der 59jährige Staatschef in Begleitung seiner Ehefrau sowie bewaffneter Bewacher. Nichts passierte.

Zwar hat Andry Rajoelina immer noch die generelle Unzufriedenheit mit der Regierung des Self-made-Millionärs auf seiner Seite. Doch kämpfen oder gar sterben für Rajoelina wollen die wenigsten.

Armut wächst

Tourismus und Rohstoffindustrie, die beiden wichtigsten Devisenquellen des Inselstaats, liegen am Boden, und in der Hauptstadt, Antananarivo, wo sich die meisten Bewohner als Taglöhner durchschlagen, ist die Armut noch grösser als sonst.

«Ich wünschte mir, das ganze hörte endlich auf und alles wäre wieder so wie früher», stöhnt ein Taxifahrer, dem die Urlauber fehlen, die er früher am Flughafen abgeholt hat.

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