«Lumpenterroristen» verbreiten Angst und Schrecken

Die Pariser Regierung sucht nach Wegen, um potenziellen Attentätern zuvorzukommen. Unter ihnen sind stets mehr Frauen und Minderjährige, die nicht mehr dem bisherigen Profil entsprechen.

Stefan Brändle/Paris
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«Ein netter Jugendlicher, sehr sympathisch, sehr dienstbereit»: So schildern Nachbarn einen 15jährigen Schüler, der diese Woche festgenommen wurde, weil er mit einem Messer «einen Haufen Kouffars» (Ungläubige) töten wollte. Der Teenager wohnte nicht in einer heruntergekommenen Banlieue-Siedlung, sondern mit seiner Mutter im teuren Paris. Er brachte stets gute Noten nach Hause.

Zwei weitere Minderjährige wurden diese Woche verhaftet, die weit gediehene Attentatspläne verfolgten. Einer stammte aus einer bürgerlichen Konvertitenfamilie; ein anderer, auch 15jährig, hatte bereits bewusst ein langes und scharfes Messer gekauft.

Zwei der drei waren dem Geheimdienst bekannt, weil sie auf dem Internet mit Jihad-Sprüchen aufgefallen waren. Dann hatten sie via Handy Kontakt mit Rachid Kassim, einem 29jährigen Franzosen, der in Syrien für die Terrormiliz IS arbeitet und dort schon mehrere Anschläge in Frankreich fernzusteuern versuchte. Er gilt auch als Drahtzieher des jüngsten Attentatsversuchs bei der Pariser Kathedrale Notre-Dame, wo drei Frauen Gasflaschen in Brand stecken wollten.

«Die Verjüngung ist eher neu»

Auffällig an den Fällen ist nicht nur, dass die Urheber weiblich oder minderjährig sind. Sie führten ein unauffälliges Leben, teils fern jeder Polizeiüberwachung, und gerieten fast über Nacht auf den radikalreligiösen Weg. Bald darauf wollten sie «möglichst viele Leute umbringen», wie einer der 15-Jährigen in der Einvernahme sagte, oder «Frankreich terrorisieren», wie die 19jährige Ines M. zu Protokoll gab.

Der Sicherheitsexperte Alain Bauer nennt sie «Lumpenterroristen» – Amateure, die mit Messern oder Lastwagen, wie in Nizza, operieren und deshalb wie ein Blitz aus heiterem Himmel zuschlagen können. Auf die Spur kommen ihnen die Antiterrordienste meist nur, wenn sie von französischen Jihadisten in Syrien angeheuert werden und Anleitungen über Handyprogramme erhalten, die für einmal unverschlüsselt sind. «Die Verjüngung und Feminisierung ist eher neu», meint der Soziologe Michel Fize, Autor eines Buches über die Radikalisierung französischer Jugendlicher.

Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle. Premier Manuel Valls sagte, dass seine Dienste «alle paar Tage» Anschläge vereitelten. 300 Leute seien wegen Terrorplänen in Haft und ungefähr 15 000 Personen würden überwacht, da sie in einem «Radikalisierungsprozess» steckten. «Ich bin mir der Bedeutung dieser Zahlen bewusst», fügte Valls lakonisch an. Weniger nüchtern ist die politische Debatte vor den Präsidentschaftswahlen im Frühling 2017. Der konservative Oppositionschef Nicolas Sarkozy erklärte diese Woche bei einem Wahlauftritt: «Der Feind ist überall und nirgends, er versteckt sich in der Menge.» Dieses Bedrohungsgefühl teilen viele Franzosen. Lösungen hat Sarkozy indes kaum anzubieten.

Zentrum für «Entradikalisierung»

Die Regierung versucht es mit «Entradikalisierung». Ein «Zentrum für Vorbeugung und Eingliederung in die Bürgerschaft» soll im Loiretal eröffnet werden. Die 2900 Einwohner von Beaumont-en-Véron sind vehement dagegen, auch wenn es nur um harmlosere, weil «umkehrbare» Radikalisierte gehen soll. Sie sollen in einem halboffenen Gebäude zehn Monate lang in die Gesellschaft zurückgeführt werden. Das Tagesprogramm wird so beschrieben: «6.45 Uhr Tagwache, einmal pro Woche Fahnengruss, Sport, Kurse in Geschichte, Religion, Islam oder Komplotttheorien.»

Das Pilotprojekt bietet fürs erste nur dreissig Plätze. Das Experiment soll aber, wenn es erfolgreich ist, rasch auf ganz Frankreich ausgedehnt werden. Der Soziologe Fize meint, am wichtigsten sei es, soziale Bindung, Schulerfolg und Zukunftsperspektiven zu vermitteln.