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LUFTANGRIFFE: «Russen überliessen Westmächten das Feld»

Trotz der offenbar begrenzten militärischen Wirkung haben die Angriffe der Westmächte in Syrien für Verunsicherung gesorgt. Unser Reporter hat sich im libanesisch-syrischen Grenzgebiet umgehört.
Michael Wrase, Baalbek/Ostlibanon
US-Luftraketen durchbrechen den Himmel über der syrischen Hauptstadt Damaskus. (Bild: Hassan Ammar/AP (Damaskus, 14. April 2018))

US-Luftraketen durchbrechen den Himmel über der syrischen Hauptstadt Damaskus. (Bild: Hassan Ammar/AP (Damaskus, 14. April 2018))

Michael Wrase, Baalbek/Ostlibanon

Drei Stunden nach der Fernsehansprache von US-Präsident Donald Trump hatte auch der syrische Machthaber Baschar al-Assad seinen Auftritt. Er dauerte genau neun Sekunden: In einem auf Twitter veröffentlichten Video-Clip sieht man den von Trump als «Monster» verunglimpften Diktator lässig über den blank gewienerten Marmorboden seines Palastes schlendern. In seiner rechten Hand trägt er eine lederne Aktentasche. «Keine besonderen Vorkommnisse», lautet die Botschaft, «hier wird alles so weitergehen wie bis bisher.»

Was nicht ganz stimmt. Natürlich hatte man in der syrischen Hauptstadt die amerikanisch-französisch-britischen Angriffe (siehe Kasten unten) erwartet, wusste fast genau, welche Ziele angegriffen würden. Ob die USA, wie vor einem Jahr, Russland die Angriffsziele im Voraus verraten haben oder nicht, ist Gegenstand heftiger Diskussionen. Fest steht, dass Moskau in etwa wusste, welche Ziele nicht angegriffen würden. Und diese Information reichte aus, um grösseren Schaden vom syrischen Verbündeten abzuwenden.

«Fast eine Woche hatten sie in Damaskus Zeit, um die Forschungszentren in Jamraya und Barzeh leerzuräumen», weiss Abbas, ein vollbärtiger Libanese, der bis vor drei Jahren für die Hisbollah in Syrien kämpfte und dort, wie er sagt, «noch viele Freunde» hat. Wir trafen Abbas in Baalbek. In der ostlibanesischen Grossstadt befinden sich die grössten römischen Tempelanlagen der Welt, welche an diesem Wochenende von Hunderten von ausländischen Touristen besucht wurden. Dass Syrien nur 13 Kilometer entfernt liegt, schien sie nicht im Geringsten zu stören. Nur die Angehörigen zu Hause seien besorgt, erzählt Natalie, die für eine Genfer Privatbank arbeitet. Eine Gruppe indischer Urlauber schaut dagegen etwas betroffen, als sie erfährt, dass Syrien bereits hinter dem nahen Anti-Libanon-Gebirge beginnt. «Das hatten wir nicht geahnt», gesteht eine Buchhalterin aus Bombay lächelnd.

Keine Sorgen bereitet den Urlaubern die starke Präsenz der Hisbollah in Baalbek. Der proiranischen Miliz, erläutert Mussa, ein drahtiger Reiseführer, und zeigt nach Osten, habe Assad sein Überleben zu verdanken. Hunderte seien in Syrien für den Diktator gefallen. Mit ihrem Tod hätten sie auch ein Vordringen des sogenannten Islamischen Staates und von Al Kaida in den Libanon verhindert.

«Politik der Dissoziation» in Beirut

Doch beendet sei deshalb der Krieg in Syrien noch lange nicht. Darüber sind sich fast alle Libanesen im Klaren. Um in «den syrischen Morast» nicht hereingezogen zu werden, versucht die Regierung in Beirut, eine «Politik der Dissoziation» zu betreiben. «Was in Syrien passiert, betrifft uns nicht (mehr)», lautet das Motto des libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri. Eine Verurteilung der gestrigen Raketenangriffe in Syrien hielt der sunnitische Politiker daher für nicht notwendig. Staatspräsident Michel Aoun, ein maronitischer Christ, verkündete dagegen mit scharfen Worten, dass die «Aggression gegen das arabische Nachbarland» eine politische Lösung verhindere. Womit er vermutlich nur zum Teil Recht hat. Denn politische Lösungen waren niemals das Ziel der Kriegsparteien in Syrien. Mit unglaublicher Brutalität und erbarmungsloser Härte hat sich Baschar al-Assad an der Macht behauptet. Dass der syrische Diktator auch Chemiewaffen eingesetzt hat, ist erwiesen. Ob er es auch in Duma getan hat, wollen die Experten der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) noch prüfen. Zwölf Stunden vor dem Beginn der westlichen Luftschläge hatten sie mit ihrer Untersuchung begonnen, die gestern fortgesetzt wurde, als wäre nichts geschehen.

Vom Angriff dürfte ein bitterer Nachgeschmack bleiben

Da die OPCW «keine Informationen über laufende Untersuchungen» veröffentlichen wollte und auch die Schuldigen nicht beim Namen nennen darf, sah man in Washington, Paris und London keinen Grund zur Zurückhaltung. Um Verunsicherung im fragilen Libanon zu vermeiden, wurden fast alle Marschflugkörper von Kriegsschiffen im Roten Meer abgefeuert. Auch die Luftangriffe wurden von Jordanien aus, also von Süden, vorgetragen. Die Schockwellen waren auch in einigen Regionen der an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene zu spüren. In Baalbek selbst, das ebenfalls zu der Hochebene gehört, sei es ruhig gewesen, erzählt Abbas, der Hisbollah-Veteran. Bei einem Glas Pfefferminztee diskutieren wir die möglichen Folgen des Angriffs, der trotz seiner «äusserst begrenzten Wirkung einen bitteren Nachgeschmack» hinterlasse. «Warum?», frage ich den 30-jährigen Libanesen. «Die Russen», antwortet er mit ernster Miene, «haben sich trotz vollmundiger Absichtserklärungen nicht gerührt und den Westmächten in der letzten Nacht das Feld überlassen ...» Ihr Nichtstun werde in Syrien für Verunsicherung sorgen.

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