Loya Jirga über US-Präsenz und Dialog mit den Taliban

In Afghanistan beginnt heute die Loya Jirga (Grosse Ratsversammlung), um über die zukünftige Rolle der USA am Hindukusch und die Dialogbemühungen mit Taliban zu beraten.

Willi Germund
Merken
Drucken
Teilen
Präsident Hamid Karzai. (Bild: epa)

Präsident Hamid Karzai. (Bild: epa)

KABUL. In Afghanistans Hauptstadt will Präsident Hamid Karzai heute mehr als 2000 handverlesene Delegierte einer Loya Jirga über das zukünftige Verhältnis zu den USA und über den stockenden Dialog mit den islamistischen Taliban beraten lassen. «Es macht Sinn, hier hinzukommen», sagte gestern Mohammed Ehsan, der Vorsitzende des Provinzrats der Stadt Kandahar, es ist die traditionelle Form der Beratung in Afghanistan. Das Parlament kann anschliessend zustimmen.

Propaganda-Coup der Taliban

Schwerbewaffnete Soldaten mit hochmoderner Ausrüstung schirmen den Versammlungsort ab. Spürhunde suchen nach Sprengstoff. Dutzende von Geheimdienstagenten stehen auffällig unauffällig herum. Doch diesmal schlugen die Taliban den Behörden ein Schnippchen der anderen Art. Statt der bisher üblichen Anschläge veröffentlichten sie auf ihrer Webseite Auszüge des 28seitigen Sicherheitsplans der Behörden für das Treffen. «Einer unserer Leute in der Regierung hat die Pläne besorgt», erklären die Taliban im Internet. Zwar dementiert dies die Regierung, aber Kenner bestätigen, dass es sich um die Originalpläne handelt.

Ganz Kabul lacht nun über die neue Blamage der Karzai-Regierung, während die Delegierten – viele von ihnen von Karzai eingesetzte Polizeichefs und ihre Stellvertreter – mit einem unguten Gefühl die Sicherheitsschleusen passieren.

Debatte um US-Stützpunkte

Auf der Tagesordnung der Jirga steht ein Punkt im Vordergrund: Die zukünftige Rolle der USA am Hindukusch. Washington plant die Einrichtung von drei bis vier grossen Stützpunkten, die nach dem Abzug westlicher Kampftruppen im Jahr 2014 die Stabilität Afghanistans absichern und als Machtinstrument in der Krisenregion zwischen Pakistan, Iran, Zentralasien und China dienen sollen. «Der Verbleib von US-Truppen kann helfen, die Nachbarländer in Schach zu halten», glaubt Arsala Rahmani, Mitglied des «Hohen Friedensrates» der sich bislang vergeblich um einen Dialog mit den Taliban bemühte.

Unklare Aussichten auf Dialog

Safia Siddiqi, die Sprecherin der Loya Jirga, versucht den zweiten Aspekt der Versammlung herunterzuspielen, der die Gemüter vieler Afghanen und auch der Delegierten aufwühlt: Die Bemühungen um eine politische Vereinbarung mit den Taliban, die nach dem Mord an Ex-Präsident Burhanuddin Rabbani im September zum Erliegen kamen.

Präsident Karzai ist seither fest entschlossen, direkt mit dem Nachbarland Pakistan zu verhandeln, das in Kabul als wahre «Führung der Taliban» gilt. Doch Islamabad verweigerte sich Karzais Vorstellung, eine Viererrunde mit den USA, Kabuls Regierung, Pakistan und den Taliban zu bilden. Pakistan will eine «Dreier-Runde», ohne die Taliban.

«Die Pakistaner können vielleicht erreichen, dass die extremistische Haqqani-Fraktion ihren Anordnungen folgt», sagt ein langjähriger Taliban-Kenner. Deren Führung in Quetta unter Mullah Omar können sie aber nicht herumkommandieren.

Karzai-Kritiker fehlen

Abdullah Abdullah, ehemaliger Minister und Präsidentschaftskandidat, boykottiert die Loya Jirga ebenso wie andere Kritiker Karzais. Der Präsident hat dank der handverlesenen Delegierten eine eindeutige Mehrheit in der Loya Jirga, sagt ein Beobachter, eine Mehrheit, die ihm im Parlament fehlt.