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Londons Untergrund
erwacht zu neuem Leben

Gourmet-Restaurant, Geister-Tour oder doch eine Discothek? Stillgelegte U-Bahn-Stationen in Englands Hauptstadt warten darauf, aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden.
Gabriel Felder
Die stillgelegte Station Down Street soll für neue Zwecke umgenutzt werden können. (Bild: Transport for London)

Die stillgelegte Station Down Street soll für neue Zwecke umgenutzt werden können. (Bild: Transport for London)

Londons U-Bahn-Netzwerk hat beachtliche 156 Jahre auf dem Buckel: Die erste Station wurde 1863 eröffnet und legte den Grundstein zu einem Transport-Unternehmen, ohne das die britische Metropole heute schlicht und einfach zusammenklappen würde. Der Fortschritt dauert an: Ein milliardenschweres Projekt namens «Crossrail» wird nächstes Jahr ganze 40 neue Stationen auf die sonst schon proppenvolle U-Bahn-Karte pflanzen.

In der langen Geschichte blieben einige Haltestellen allerdings buchstäblich auf der Strecke. Vor allem in der Innenstadt schlummern Geisterstationen unbemerkt vom täglichen Pendler- und Touristen-Ansturm friedlich vor sich hin. «Die Mehrheit davon wiesen schlicht zu wenig Passagiere auf, um ökonomisch rentabel zu sein», wie ­Graeme Craig, Direktor für kommerzielle Bauprojekte bei «Transport for London», erklärt.

Es braucht Partner mit Vorstellungskraft

Nun werden Nutzerinnen und Nutzer ganz neuer Art gesucht. Die stillgelegte Station Down Street, ein Steinwurf vom weltberühmten Piccadilly Circus entfernt, soll demnächst in ein Restaurant, eine Kunstgalerie oder einen Nachtclub umfunktioniert werden. «Wir sind im Moment auf der Jagd nach einer guten Idee, welche auch ruhig etwas verschroben sein darf.» Beim Abstieg in die seltsam anmutende Welt einer stillgelegten U-Bahn-Station wurde schnell klar, was sich Craig dabei vorstellt. Die Wiederentdeckung dieses verwinkelten Raums bringt ein paar überraschende Extras an die Oberfläche, wie zum Beispiel einen lebhaften Luftzug, den die vorbeidonnernden Züge im 2-Minuten-Takt auslösen. Ausserdem erzeugt der Bahnverkehr ein ohrenbetäubendes Dröhnen, das wohl nur durch die steilen Dezibelwerte einer Dis­cothek übertönt werden könnte.

Doch Craig sieht in den maroden Geisterstationen im Herzen Londons eine grosse Chance für einmalige Projekte in einer einmaligen Umgebung – so lange diese «kommerziell umsetzbar» sind, wie er im Gespräch immer wieder betont. «Was wir brauchen, ist ein Partner mit grosser Vorstellungskraft, jemand, der mit diesem Raum, seiner Geschichte und seinem einmaligen Standort eine echte Attraktion kreieren kann.»

Die ehemalige Down-Street-Station liegt im Luxus-Quartier von Mayfair und darf auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Die Gänge und Schächte dienten im Zweiten Weltkrieg als Schaltzentrale des britischen Oberkommandos. Hier liefen die Fäden der Kommunikation zusammen, und Winston Churchill höchstpersönlich richtete hier sein Büro ein. Die entsprechenden Wegweiser schimmern immer noch angegilbt durch das gedämpfte Licht der temporären Beleuchtungskörper. Down Street funktionierte auch, wie so manche U-Bahn-Station während den Kriegsjahren, als Luftschutzbunker, und «alles, was mit Geschichte und Denkmalschutz zu tun hat, bleibt natürlich unberührt», wie Graeme Craig betont.

Kulisse für Bond, Holmes oder Supermann

Nicht alle Geisterstationen auf dem Londoner Tube-Netz liegen im Dornröschenschlaf. Die aufgehobene Haltestelle von Aldwych im Osten des Stadtzentrums zum Beispiel gilt als echter Filmstar auf der Chefetage von Transport for London und gab eine Kulisse her für so manche herzzerreissende oder atemberaubende Filmszene. Superman und Sherlock Holmes sind hier schon ein- oder ausgestiegen oder haben sich, wie im Fall von James Bond in «Skyfall», ans Schlusslicht geklammert, um zur nächsten Station zu gelangen. Für die U-Bahnbetreiber hat die Wiederbelebung von ausrangierten Stationen allerdings denkbar wenig mit Filmfantasie zu tun. «Das Ziel ist, mit unserem reichhaltigen Immobilienportfolio insgesamt 3,5 Milliarden Pfund zu erwirtschaften», zitiert Craig knallharte Zahlen: umgerechnete 4,4 Milliarden Schweizer Franken, welche direkt in die Renovation des ältesten U-Bahn-Netzwerks der Welt zurückinvestiert werden. Die Geisterstation von Kentish Town South in Nord-London gilt als Vorzeigeprojekt einer solchen wirtschaftlich rentablen Idee: Der dort ansässige Escape Room zieht eine abenteuerlustige Klientele an, die sich im Untergrund einsperren lässt, um mit viel Entschlüsselungsarbeit und Teamwork zurück an die Oberfläche zu finden. Die Attraktion liegt im Trend: An den Wochenenden ist sie meistens ausgebucht, was dem strapazierten Budget der Londoner Transportbehörde und schlussendlich den Passagieren auf dem öffentlichen Verkehrsnetz der Stadt zugute kommt.

Die Idee, Touristen-Führungen anzubieten und mit grausligen Spezial-Effekten für Horror im Untergrund zu sorgen, geistert auch immer wieder durch die Blogs von sogenannten «TubeNerds», den U-Bahn-Angefressenen im Internet. Bisher sind solche Projekte an den hohen Hürden der Sicherheitsbestimmungen gescheitert. Ob und wie genau die Geister der Down-Street-Haltestelle in Zukunft heraufbeschwört werden, bleibt abzuwarten. «Wir sind offen», kommentiert Graeme Craig und freut sich auf den Tag, wenn er das gleiche für die U-Bahn-Station im Dornröschenschlaf behaupten kann.

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