Lockruf für moderate Taliban

Afghanistans Präsident Karzai ist bereit, mit Rebellen zu reden, die nicht mit Al Qaida verbündet sind. Die Taliban-Hauptforderung, Abzug der ausländischen Truppen, sei aber nicht verhandelbar.

Willi Germund
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Die Paschtunen im Süden Afghanistans nehmen die Wahlkampf-Angebote von Präsident Hamid Karzai mit Misstrauen auf. (Bild: rtr/Omar Sobhani)

Die Paschtunen im Süden Afghanistans nehmen die Wahlkampf-Angebote von Präsident Hamid Karzai mit Misstrauen auf. (Bild: rtr/Omar Sobhani)

Bangkok. Hamid Karzai, der als hoher Favorit für die Präsidentschaftswahlen am 20. August gilt, will mit seinem Vorstoss anscheinend skeptische Paschtunen im Süden des Landes auf seine Seite ziehen. Das Verhandlungsangebot wirkt jedoch wie ein Wahlkampfmanöver. Gegenwärtig stocken alle im geheimen bereits geführten Gespräche zwischen Regierung und Taliban.

Selbst in den Sondierungsbemühungen Saudi-Arabiens, das nach langen Anstrengungen Talibanchef Mullah Omar einbeziehen konnte, geht es nicht voran.

Primat militärischer Mittel

Talibanmilizen und westliche Truppen setzen nach wie vor auf militärische Mittel, in der Hoffnung, die Kräftebalance verändern zu können.

Auch ein lokales Friedensabkommen, das zwischen Stammesältesten und Talibanvertretern in einem Zipfel der Nordwestprovinz Bagdis beschlossen wurde, ändert das nicht. Solche lokalen Abkommen hatte es schon früher – unter anderem in der umkämpften Südprovinz Helmand – gegeben. Sie scheiterten alle.

Karzais Forderungen an Nato

Karzai verlangte in einem Interview am Montag von der Nato, neue Regeln für die ausländischen Truppen aufzustellen und die internationalen Sicherheitsfirmen mit ihren Söldnern in die Schranken zu weisen.

Auch damit versucht Karzai, rechtzeitig vor den Wahlen Skeptiker auf seine Seite zu ziehen. Vor allem unter den Paschtunen im Süden Afghanistans herrscht jedoch grosse Enttäuschung.

Angesichts der weitverbreiteten Überzeugung, das Wahlergebnis stehe schon fest, und des sich intensivierenden Krieges in 25 der 34 Provinzen Afghanistans droht die Wahlbeteiligung sehr niedrig auszufallen.

Der Präsident hat aber mittels Manipulationen in der Wählerregistrierung und der Organisation des Urnengangs nahezu sichergestellt, dass er am 20. August wiedergewählt wird.

Karzai hofft nun, den Unmut im Süden über das aggressive Auftreten ausländischer Truppen für sich nutzen zu können. Der neue Chef der Internationalen Schutztruppe Isaf, General Stanley McChrystal, verzichtet bereits seit dem Wochenende auf Angaben über getötete Taliban, die in Kämpfen gefallen sein sollen.

Die Zahlen, so die Begründung der US- Truppenführung, lenkten davon ab, dass es darum gehe, die afghanische Bevölkerung zu schützen.

«Todesschwadronen» der CIA

Noch tiefer als der Zorn über hohe zivile Verluste durch Bombardements aus der Luft sitzt im Süden Afghanistans die Wut über «Todesschwadronen» des US-Geheimdienstes CIA und amerikanische Spezialeinheiten. Sie dringen nachts in Häuser ein und töten, bevor sie Fragen stellen. Laut Experten missachten sie die Genfer Konvention.

McChrystal, der in Irak selber Spezialeinheiten befehligt hatte, plant jedoch, solche «Elitegruppen» in Afghanistan verstärkt gegen die Taliban einzusetzen.

Taliban demonstrieren Stärke

Derzeit scheinen aber die Taliban in vielen Landesteilen die Initiative in der Hand zu haben. Vor allem im Norden rund um Kunduz kam es zu heftigen Auseinandersetzungen.

Ein Mordanschlag auf Marschall Mohammed Fahim, den Vizepräsidentschaftskandidaten von Karzai, misslang am Wochenende nur knapp. Während deutsche und afghanische Truppen versuchten, die Taliban um Kunduz zu vertreiben, etablierten diese vor der Stadt am helllichten Tage Strassenkontrollen.

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