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LOBBYISMUS: Indonesiens brennendstes Problem

Weltweit geht die Zahl der Raucher zurück, nur in Indonesien steigt sie. Viele fangen schon als Kleinkinder damit an. Das Parlament beugt sich der Macht der Tabakkonzerne. Bis 2020 will es die Zigarettenproduktion sogar verdreifachen.
Ulrike Putz, Singapur
Dihan Awalidan, bei Aufnahme des Bildes sieben Jahre alt, raucht seit seinem dritten Lebensjahr. (Bild: Rezza Estily/Getty (Garut, 16. Februar 2015))

Dihan Awalidan, bei Aufnahme des Bildes sieben Jahre alt, raucht seit seinem dritten Lebensjahr. (Bild: Rezza Estily/Getty (Garut, 16. Februar 2015))

Ulrike Putz, Singapur

Indonesien steht kurz davor, ­einen unrühmlichen Rekord aufzustellen. Wenn es seinem Land nicht umgehend gelinge, den Tabakkonsum einzuschränken, werde es bereits in zehn Jahren das Land mit der höchsten Raucherquote der Welt sein, sagte Muhammad Subuh, Generaldirektor für Krankheitskontrolle im Gesundheitsministerium, kürzlich in der Hauptstadt Jakarta.

Subuhs Sorge scheint begründet: Während der weltweite Gebrauch von Tabak kontinuierlich sinkt, ist er in Indonesien zwischen 2010 und 2015 jährlich um 3 Prozent gestiegen. Das berichtete der Branchendienst der asiatischen Tabakindustrie, Tobacco Asia, Ende vergangenen Jahres. Die Indonesier sind ein Volk von Rauchern: Laut Gesundheitsministerium konsumierten im vergangenen Jahr knapp zwei Drittel aller über 15-jährigen männlichen Indonesier Tabak.

Rauchende Zehnjährige sind keine Seltenheit

Viele fangen erschreckend früh damit an: Knapp 20 Prozent der Raucher haben vor dem zehnten Lebensjahr begonnen, wie die Kampagne für tabakfreie Kinder ermittelt hat. Die nationale Kommission für den Schutz von Kindern geht davon aus, dass knapp 2 Prozent der Indonesier erste Erfahrungen mit Zigaretten machen, bevor sie vier Jahre alt sind. Die Zahl der Raucher zwischen 5 und 9 Jahren habe sich in den vergangenen 20 Jahren verdreifacht, schätzt der indonesische Kinderschutzbund Lentera Anak.

Grund für den frühen Griff zum Gift ist vor allem die Ignoranz vieler Eltern: Sie wissen oft gar nicht, dass Zigaretten schädlich sind, sondern halten sie im Gegenteil für einen legitimen Ersatz für Süssigkeiten. Erleichtert wird der Einstieg dadurch, dass in Indonesien Zigaretten üblicherweise mit Nelken, Zimt und ­Vanille parfümiert sind und – kindgerecht – wie süsse Bonbons schmecken. 88 Prozent der Raucher in Indonesien bevorzugen die aromatischen Kreteks, so die Kampagne für tabakfreie Kinder.

Rauchen ist fester Bestandteil des Alltags in Indonesien. Kreteks ersetzen vielerorts das Wechselgeld, ihr Duft parfümiert Taxis und Busse, wabert durch Restaurants und Büros.

«Sterben ist besser, als einen Freund zu verlieren»

Auf Zigtausenden Plakatwänden, in Fernsehen, Radio, Kino und auf sozialen Netzwerken werden die Vorzüge des Rauchens angepriesen. Die Reklame ist dabei manchmal von verblüffender Direktheit. So warb der Tabakhersteller Sampoerna 2011 mit dem Slogan: «Sterben ist besser, als einen Freund zu verlieren. Sam­poerna ist ein cooler Freund.»

Tabak ist einer der wichtigsten Industrien Indonesiens. Die reichsten Familien des Landes haben ihr Geld mit Tabak gemacht. Die lokale Marke Sam­poerna, die heute zu 90 Prozent dem Tabakriesen Philip Morris gehört, ist Indonesiens wertvollstes Unternehmen. Laut Angaben des Arbeitsministeriums arbeiten 5,6 Millionen Indonesier, etwa 5 Prozent der arbeitenden Be­völkerung, im Tabaksektor. Auf einer halben Million Farmen wird Tabak angebaut, zusätzlich muss noch importiert werden. Indonesien ist für die Tabakkonzerne ein gewaltiger Absatzmarkt – und weltweit der fünftgrösste Tabakproduzent: Der Stellenwert im Wirtschaftsleben ist auch der Grund, warum Indonesien als einziges Land in der Region und als eines von nur zehn Staaten weltweit das «Rahmenübereinkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Eindämmung des Tabakgebrauchs» nicht unterschrieben hat.

Tabakgegner warnen, dass Raucherkrankheiten das Gesundheitssystem Indonesiens ins Wanken bringen könnten. 250 000 Indonesier sterben jährlich an den Folgen ihrer Sucht, schätzt das Gesundheitsministerium. Die Nationale Kommission für Tabakkontrolle hat berechnet, dass die Staatskasse durch die Tabaksteuer im Jahr 2016 zwar rund 8 Milliarden Franken eingenommen habe. Der Staat habe aber gleichzeitig 28 Milliarden Franken für die Behandlung von Raucherkrankheiten ausgeben müssen.

Weitreichende Macht der Tabaklobby

In China und Russland – den ­beiden anderen Anwärtern auf den Titel der höchsten Raucherquote – hat die Angst vor den Kosten der durch Tabak verursachten Schäden die Regierungen dazu bewegt, auf die Bremse zu treten. Angesichts der Macht der lokalen Tabakindustrie verhallen solche Warnungen in Indonesien ungehört. Statt den Tabakkonsum einzuschränken, versuchen Teile der Regierung, ihn sogar noch zu ­fördern. Eine Mehrheit der Parlamentarier unterstützt das so­genannte Tabakgesetz.

Ziel dieser Vorlage ist es, die Zigaret­tenproduktion in Indonesien bis zum Jahr 2020 auf 524 Trillionen Stück im Jahr zu verdreifachen. Präsident Joko Widodo laviert noch: Der Gesundheitsfanatiker ist dem Vernehmen nach gegen den Vorschlag, muss aber den Zorn der Tabakbarone und der vielen Millionen Tabakarbeiter fürchten.

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