Licht in Spaniens Dunkel

Jahrzehntelang ist in Spanien über düstere Vergangenheit, die Diktatur Francos, offiziell nicht gesprochen worden. Jetzt will der berühmteste Ermittler des Landes, Baltasar Garzón, Licht in dieses Dunkel bringen.

Ralph Schulze/Madrid
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«Das ist wie ein Traum, eine tolle Nachricht», sagt mit Tränen in den Augen Emilio Silva, dessen Grossvater vor mehr als 70 Jahren von den Todesschwadronen General Francos hingerichtet worden war. Die gute Botschaft für Silva ist, dass endlich ein spanischer Untersuchungsrichter versucht, Licht in das dunkle Kapitel der spanischen Geschichte zu bringen: Massenhinrichtungen, das Verschwindenlassen von Oppositionellen und Menschenrechtsverbrechen unter Diktator Francisco Franco. Dieser hatte Spanien erst einen Bürgerkrieg (1936–1939) und danach eine eiserne Herrschaft beschert.

Jahrzehntelang wurde Spaniens düstere Vergangenheit offiziell unter den Teppich gekehrt. Ein ungeschriebener Pakt des Schweigens, der nach Francos Tod 1975 den gewaltlosen Übergang von der Diktatur zur Demokratie ermöglichte. Aber auch den Schergen Francos ein Leben ohne Strafverfolgung verschaffte.

Nun rüttelt Spaniens berühmtester und unbequemster Ermittler, Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, an diesem Tabu und will zumindest ein Stück Wiedergutmachung leisten: Er forderte die Behörden und historischen Archive des Landes auf, der Kriminalpolizei sämtliches Material über Exekutionen und Massengräber zur Verfügung zu stellen.

Auch strafrechtliche Ahndung?

Garzón, der durch seine Jagd auf lateinamerikanische Diktatoren international Schlagzeilen machte, will zunächst eine Bestandsaufnahme vornehmen: Wer wurde wo und warum von den herumziehenden Franco-Truppen ermordet? Dann will Garzón entscheiden, ob er strafrechtliche Ermittlungen aufnimmt, wie dies Angehörige der Franco-Opfer längst fordern. Etwa 150 000 Franco-Gegner sollen im Zuge der politischen Verfolgung während des dreijährigen Bürgerkriegs und in den ersten Jahren der Diktatur massakriert worden sein. Viele wurden in Massengräber an Strassen und in Tälern geworfen, ihre sterblichen Überreste sind bis heute verschwunden.

Skelette gefunden

So wie Emilio Silvas Grossvater, der in dem nordspanischen Ort Priaranza del Bierzo Frau und sechs Kinder mit einem kleinen Einzelhandelsgeschäft nährte, bis er am 16. Oktober 1936 an die Wand gestellt wurde. Sein Vergehen hatte darin bestanden, dass er aktives Mitglied der republikanischen Linken gewesen war.

Vor sechs Jahren entdeckte Emilio Silva nach langer Suche die Gebeine seines Grossvaters zusammen mit zwölf weiteren Skeletten in einer Grube am Ortsrand. Seither hat die von Silva initiierte Bürgerbewegung «Wiedergewinnung der historischen Erinnerung» Dutzende Massengräber im ganzen Land ausfindig gemacht. Nun bekommt die Bürgerrechtsgruppe von Richter Garzón Unterstützung.

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