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Liberté, Egalité, Mbappé

Frankreich feiert den zweiten Weltmeistertitel. Aus der legendären Zidane-Elf ist eine Spielergeneration herangewachsen, deren Herkunft kaum mehr ein Thema ist.
Stefan Brändle, Paris
Französische Fussballfans feiern den Weltmeistertitel ihrer Mannschaft. Bild: Jack Taylor/Getty (Paris, 15. Juli 2018)

Französische Fussballfans feiern den Weltmeistertitel ihrer Mannschaft.
Bild: Jack Taylor/Getty (Paris, 15. Juli 2018)

«Umtiti, ein sehr französischer Name», überschrieb der Chronist Laurent Joffrin kürzlich eine Kolumne. Der Name klingt vielleicht für europäische Ohren noch etwas ungewohnt – in Frankreich hingegen ist Samuel Umtiti heute bekannter als viele medienbewusste Minister; in den Fussballquartetten der französischen Primarschüler gilt er als eine der begehrtesten Karten.

Sein Werdegang ist bezeichnend. Der Starverteidiger war mit seinen Eltern im Alter von zwei Jahren aus Kamerun nach Frankreich gekommen und wuchs in einem übel beleumdeten Vorort von Lyon auf, bevor er nun den Bleus mit einem wichtigen Tor gegen Belgien überhaupt erst zum Finaleinzug verhalf.

Multikulturalismus kennt auch Grenzen

Man könnte den Namen von Ousmane Dembélé anfügen, der in der schönen Normandie aufwuchs, allerdings in einer «Cité» (Wohnsiedlung), in die sich nie ein Tourist verirren würde. Oder die drei Abkömmlinge der riesigen Pariser Banlieue: Kylian Mbappé, der eine Mutter aus Algerien und einen Vater aus Kamerun hat; Ngolo Kanté, aus Mali stammend, oder Paul Pogba, dessen Eltern aus Guinea eingewandert waren.

Ihre Namen sind in Frankreich mittlerweile so geläufig, als hiessen sie Dupont oder Legrand. Sie alle singen die «Marseillaise», obwohl etwa Kanté auch noch die malische Staatsbürgerschaft besitzt. Er hatte sich indes schon als Jungprofi entschieden, die rotweissblauen Landesfarben zu tragen. Viel zu reden gab das nicht. Dass eine Handvoll Spieler der Nationalelf schwarzer Hautfarbe sind, die übrigen Weisse, und nur wenige maghrebinischer Herkunft – auch das ist in Paris kaum ein Medienthema. Zeichen der Zeit: Vor wenigen Tagen erst hat das Parlament die Bezeichnung «Rasse» aus der Landesverfassung gestrichen. Auch Marine Le Pen, die sich zu mässigen sucht und den rechtsextremen Front National in «Rassemblement National» verwässert hat, stört sich nicht an der Zusammensetzung der Nationalfarbe Blau. 1998 hatte sich ihr Vater Jean-Marie Le Pen noch lauthals darüber aufgehalten. Umso vehementer feierte das offene Frankreich damals den WM-Triumph von Zinédine Zidane und seinen Mannen als Sieg des «black-blanc-beur» (schwarz-weiss-arabisch). Einige Spieler politisierten sich in der Folge, wie etwa Lilian Thuram, der zu einem wichtigen Exponenten der französischen Antirassismus-Bewegung wurde.

Was damals in der allgemeinen Euphorie rasch vergessen wurde: Ab 1998 wurde der aufmüpfige Stürmerstar Nicolas ­Anelka kaum mehr ins National­kader berufen – und zwar nach verbreiteter Ansicht, weil er sich etwas zu stark auf seine arabischen und islamischen Wurzeln berief und die sich folgenden Nationaltrainer brüskierte, ja provozierte. Der Fall Anelka zeigte auf, dass der hoch gelobte Multikulturalismus der «Bleus» eben doch seine Grenzen hatte. Augenfällig wurde das 2001 und 2008, als Frankreich zuerst Algerien und dann Tunesien zu Freundschaftsspielen im Stade de France empfing: Das französisch-maghrebinische Publikum quittierte die «Marseillaise» mit einem gellenden Pfeifkonzert, sodass Präsident Jacques Chirac seine Loge wutentbrannt verliess.

Frankreichs Fussball profitiert vom Zidane-Effekt

Heute, zwanzig Jahre später, hat sich die sportlich-ethnische Debatte in Frankreich entspannt. Die jugendlichen Fans, welche die glorreiche WM 1998 noch gar nicht erlebt hatten und gestern zu Hunderttausenden auf die Champs-Élysées strömten, kümmern sich offensichtlich einen Deut um Herkunft und Hautfarben. Pogba, Dembélé oder Kanté gehen ihrerseits so natürlich mit den nationalen Symbolen – Singen der «Marseillaise», Schwenken der Trikolore, Aufrufe in den Pressekonferenzen – um, dass allein die Frage nach ihrer Einstellung deplatziert wirkt. Warum soll Kylian Mbappé ein schlechterer Patriot sein als Antoine Griezmann? Vielleicht ist er sogar der bessere, spendete er doch einen Teil seiner Siegprämien in aller Diskretion guten Zwecken. Freiheit, Gleichheit – vorgelebte Brüderlichkeit.

Gewiss birgt das schöne kunterbunte Farbenbild der Bleus auch weiterhin kleinere Risse. Wer sich mit Banlieue-Bewohnern unterhält, stösst regelmässig auf die Ansicht, dass Nationaltrainer Didier Deschamps wohl aus unterschwellig rassistischen Gründen auf den Real-Madrid-Star Karim Benzema verzichtet habe. Auf jeden Fall ist der «schwierige» Benzema heute, was Anelka vor zwei Jahrzehnten gewesen war – eine Art schwarzes Schaf des französischen Fussballs, Nordafrikaner, Muslim, Ferrarifahrer, zu Provokation neigend und Diskriminierung auslösend (oder umgekehrt).

Diese «mauvais garçons», diese unangepassten Jungs, die so talentiert sind, sich aber nicht ins französische Fussballsystem einordnen wollen oder können, gab es 1998 wie 2018. Der Unterschied ist vielleicht, dass sie heute noch minoritärer sind als vor zwanzig Jahren. Die zahllosen jungen Fussballspieler aus den Vorstädten von Paris, Lyon, Marseille oder den Cités kleiner Provinzstädte haben vom Zidane-Effekt von 1998 zweifellos profitiert: Sie agieren sehr professionell und werden von der mächtigen Französischen Fussballföderation (FFF) auch entsprechend gefördert. Allein um das 1998 eingeweihte Stade de France nördlich von Paris, im brenzligen Ban­lieue-Department Seine-Saint-Denis, sind zahlreiche Lokalklubs entstanden, aus denen afrikanische Profispieler hervorgehen.

Soziales Sprungbrett in den Banlieus

Welchen Beitrag die Immigration an den französischen Fussball leistet, zeigte sich in dieser WM am Fernsehen: Während der grosse französische Sender TF1 nur noch die Ausstrahlung der wichtigsten Spiele kaufte und gewährleistete, sicherte sich der Pay-TV-Sender BeIn erstmals das ganze Turnier.

BeIn gehört dem Scheichtum Katar und rekrutiert seine französischen Abonnenten vor allem in Einwandererkreisen. «Le foot» ist dort längst ein Wirtschaftszweig, dazu ein soziales Sprungbrett. Wenn Frankreich in seinen verelendeten, ghettoisierten Banlieue-Zonen patriotische Gefühle weckt, verdankt es das Fussballern wie Mbappé, Umtiti oder Pogba.

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