Liberaldemokraten sonnen sich im öffentlichen Interesse

Seit 65 Jahren erstmals wieder in der Regierung, doch voller Bedenken: In Liverpool halten die britischen Liberaldemokraten ihren Parteitag ab.

Sebastian Borger
Drucken

liverpool. Ein brandneues Kongresszentrum, strenge Sicherheitskontrollen, eifrige Lobbyisten – altgediente Delegierten der britischen Liberaldemokraten müssen sich auf ihrem Jahreskongress an allerlei Neuerungen gewöhnen. In den letzten Jahren hielt sich der Andrang von Medien und Öffentlichkeit selbst bei der Rede des Parteivorsitzenden in engen Grenzen.

Diesmal drängen sich in Liverpool die Sponsoren in der Ausstellungshalle, viele Veranstaltungen müssen auf grössere Räumlichkeiten ausweichen.

Platz an der Sonne

Nach 65 Jahren gibt es wieder Liberale in der Regierung, und plötzlich sehnen sich viele nach einem Platz an der Sonne, in der Nähe der Macht. Nick Clegg, 43, freut sich erkennbar an der neuen Aufmerksamkeit und fordert seine Parteigänger zur Nachahmung auf.

Natürlich gebe es Nervosität über den Deal mit den Konservativen, sagte der Parteichef bei seinem ersten Auftritt in Liverpool, aber: «Wir sollten unsere Teilhabe an der Macht auch ein wenig geniessen.» Vier weitere Parteifreunde sitzen mit dem Vize-Premier um den Kabinettstisch des konservativen Premierministers David Cameron, insgesamt 19 der 57 Fraktionsmitglieder bekleiden ein Amt in der seit Mai amtierenden Koalitionsregierung.

Nicht wenige der rund 40 000 Mitglieder fragen sich hingegen, ob die Regierungsbeteiligung ihrer Partei womöglich mehr schadet als nützt. Darüber lässt sich diskutieren wie über den Namen des Tagungsorts Liverpool: ein «Pool of Life», also ein Hort des Lebens, lautet ein beliebtes Wortspiel einheimischer Pub-Philosophen.

«Fahrkarte ins Jenseits»

Skeptiker verweisen allerdings auf die Erfahrungen der liberalen Vorgängerpartei im 20. Jahrhundert: Wann immer Liberale mit Konservativen oder Labour die Macht teilten, versank die Partei in Querelen und bald auch in der Bedeutungslosigkeit. Cleggs Koalitionsdeal, unkt der einflussreiche Kolumnist Simon Jenkins im «Guardian», stelle die «Fahrkarte ins Jenseits» dar. In den Meinungsumfragen ist der Anteil von LibDem-Wählern zuletzt auf 12 bis13 Prozent gesunken.

Wenn die avisierten brutalen Einschnitte der Regierung in die öffentliche Infrastruktur, den Sozialstaat und das Erziehungswesen spürbar würden, «werden wir uns nostalgisch an 12 Prozent erinnern», fürchtet eine liberale Staatssekretärin und prognostiziert einen Wähleranteil von 5 Prozent. Im Mai hatten noch 23 Prozent ihr Kreuz bei den Gelben gemacht.

Cleggs zentrale Rede

Freilich ist der 1988 aus Liberalen und Sozialdemokraten gegründeten Partei «seit mehr als 20 Jahren der Untergang prognostiziert worden», scherzt Aktivist Mark Pack von der einflussreichen Website Liberaldemocrat Voice.

Heute hält Nick Clegg die zentrale Rede des Parteitags, ehe er zum UNO-Gipfel nach New York aufbricht. Die Parteifreunde in Liverpool werden ihre Zweifel mit ostentativem Jubel überspielen.

Delegierten, denen die ungewohnte Macht doch nicht ganz geheuer ist, empfiehlt sich der Weg von der katholischen zur anglikanischen Kathedrale Liverpools: Der Spaziergang geht über die Hope Street, die Strasse der Hoffnung.