LEITARTIKEL NACH DEM ANSCHLAG VON MANCHESTER: Und sie terrorisieren uns doch

Der Terror trifft uns mitten ins Herz: Der feige Massenmörder von Manchester hat 22 Leben auf dem Gewissen. "Es bleibt nicht viel mehr als die Hoffnung, dass es uns und unsere Angehörigen nicht trifft", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Leitartikel.

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Grenzenlose Trauer: Eine Gedenkstätte für die Terroropfer von Manchester. (Bild: EMILIO MORENATTI (AP))

Grenzenlose Trauer: Eine Gedenkstätte für die Terroropfer von Manchester. (Bild: EMILIO MORENATTI (AP))

Nicht schon wieder Terror in Europa. An einem Konzert der Popikone Ariana Grande. Und schon wieder traf es Jugendliche. Und Kinder. Das jüngste Opfer war acht Jahre alt. Es ist grauenhaft. Der Verlust eines Kindes ist wohl das Schlimmste, was Menschen passieren kann. Der feige Massenmörder von Manchester hat 22 Leben auf dem Gewissen. Ausgerechnet Manchester. Diese dynamische, hippe Musik- und Fussballme­tropole. Es ist die Stadt von «Joy Division», von den «The Stone Roses» von «The Smiths», von «Oasis», deren Hymne «Don’t look back in anger» in diesen Tagen von Tausenden Trauernden gesungen wird. Es ist die Stadt von ManCity und Man­Uni­ted, den beiden emblematischen Fussballvereinen.

Der Terror trifft uns ins Herz. Ob Manchester, ob im Bataclan von Paris, am Nationalfeiertag auf der Strandpromenade von Nizza oder am Weihnachtsmarkt von Berlin. Unser Leben, wir müssen es zugeben, ist nicht mehr dasselbe. Die Anschläge wirken. Wir bekommen Angst. Wir beginnen uns zu fürchten. Wir ändern unsere Reisepläne. Die neuste Studie der ETH Zürich zeigt, dass ein Drittel der Weltenbummler die Routen justiert – an kritischen Ländern und Städten vorbei. Doch der Terror schleicht sich in unseren Alltag ein. Wir denken abends um 18 Uhr im Stossverkehr am Hauptbahnhof automatisch daran, wie es jetzt wäre, wenn eine Bombe detonieren würde. Wir schlendern nicht mehr ganz so relaxed durch Städte wie Paris, wie wir dies früher immer getan haben. Der Terror hat sich in unseren Köpfen festgesetzt. Die Fanatiker vom so genannten Islamischen Staat sind einem Teilziel ihres mörderischen Treibens ein Stück weit näher gerückt. All die Phrasen der Politiker werden entlarvt als das, was sie sind: hohl. Der Kampf gegen den Terror sei nun zu verstärken, unser Lebensstil werde siegen, wir lassen uns nicht unterkriegen. Nicht nur für Väter und Mütter, die soeben ihre Kinder verloren haben, klingt das nur noch platt.

Vielleicht lassen wir uns eben doch unterkriegen. Nicht an der Oberfläche. Da bleiben wir cool, demokratisch, tolerant. Dem IS wird es nicht gelingen, in Europa einen Bürgerkrieg gegen die Moslems zu entfesseln. Es wird ihm ebenso wenig gelingen, unsere Staaten moralisch und politisch zu zersetzen. Aber insgeheim beginnen die Anschläge an uns zu zehren. Primär individuell, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene. Manche Länder, gerade auch Grossbritannien, sind auf dem Weg zum Polizei- und Überwachungsstaat. Der Anschlag fand trotzdem statt. Auch wir haben unseren Geheimdiensten mehr Macht gegeben in der Hoffnung, verschont zu bleiben. «Hoffnung ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist», schrieb einst sinngemäss der bengalische Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Tagore.

Durchhalteparolen, verbale Kraftmeierei, Appelle an die Solidarität, Überwachungs­kameras: Das ist alles gut gemeint, psychologisch erklär- und politisch nachvollziehbar. Vielleicht aber müssen wir uns eingestehen, dass wir den Terror damit nicht in den Griff bekommen. Und damit schon gar nichts dafür tun, die zahl­reichen und komplexen Ur­sachen des Phänomens zu beseitigen. Unsere freiheitliche Gesellschaftsordnung kann von Fanatikern immer ein Stück weit in Geiselhaft ge­nommen werden. Egal, was wir für Vorkehrungen treffen. Es bleibt nicht viel mehr als die Hoffnung, dass es uns und unsere Angehörigen nicht trifft. Immerhin: Ein einigermassen versöhnliches Ende gibt es. Hoffnung ist ein starkes Gefühl. Meist sogar stärker als Angst und Furcht.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch

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