LEITARTIKEL: Der «Grosse Bruder» schaut zu

Die neusten Wikileaks-Enthüllungen über die Überwachung durch den US-Geheimdienst CIA erinnern an George Orwells "1984". Sie sind aber auch ein Weckruf für die Nutzer, schreibt Jürg Ackermann in seinem Leitartikel.

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In welchen Bereichen unseres Alltags hat die CIA überall die Möglichkeit zuzuschauen? (Bild: Keystone)

In welchen Bereichen unseres Alltags hat die CIA überall die Möglichkeit zuzuschauen? (Bild: Keystone)

Eigentlich ist es nur ein utopischer Roman. Und doch dürften sich seit dieser Woche wieder ein paar Menschen mehr fragen, ob aus dieser Fantasie zumindest in Teilen nicht schon längst Realität geworden ist. Als der britische Schriftsteller George Orwell kurz nach dem Zweiten Weltkrieg «1984» schrieb, hatte er einen Staat im Kopf, wie er in seinen Augen nie entstehen sollte:  Die Polizei überwacht permanent die ganze Bevölkerung, diktiert ihre Gedanken, unter anderem mit Hilfe von Fernsehern, die in den Wohnstuben alles sehen und hören. Eine beklemmende Geschichte, in der die furchtbaren Zwänge eines totalitären Überwachungsstaats fast alles dominieren.

Der Staat, wie ihn Orwell beschrieb, existiert auch heute – 33 Jahre nach 1984 – in dieser Form (noch) nicht. Zum Glück. Und doch reibt sich erstaunt die Augen, wer auf die Dokumente schaut, welche die Enthüllungsplattform Wikileaks diese Woche veröffentlichte. Dem US-Auslandsgeheimdienst CIA bleibt scheinbar nichts verborgen: Er kann mitlesen, wenn wir eine Nachricht auf dem Handy schreiben, obwohl das Programm – zumindest beteuert es der Hersteller – durch Verschlüsselungen gesichert ist. Er späht systematisch Internetnutzer aus. Er kann in Autos Musik abspielen, dabei aber die Kontrolle über das Fahrzeug übernehmen und theoretisch auch einen Unfall verursachen. Und er manipuliert den internetfähigen Fernseher und registriert über eingebaute Mikrofone und Kameras alles, was in der Stube geschieht.
Natürlich lässt sich fragen, was es der CIA nützt, wenn sie jeden Tag Millionen belangloser Dialoge zwischen Nachtessen und Ins-Bett-Gehen analysieren würde, in Millionen von Wohnstuben zwischen Bagdad und Berlin. Und natürlich darf die CIA – eingebettet in Rechtsstaat und Demokratie – nicht einfach schalten und walten wie die Polizei in Orwells Überwachungsstaat. Zudem geben Kritiker von Wikileaks zu bedenken, dass das alles nur in der Theorie funktioniere. Die Dokumente enthüllen ja lediglich, dass der US-Geheimdienst, aber wahrscheinlich nicht nur er, über diese potenten Werkzeuge zur Überwachung verfügt. Wie er sie einsetzt, darüber lässt sich nur spekulieren.   

Doch das macht die Sache nicht so viel besser. Das zeigen auch die Reaktionen auf die neuesten Enthüllungen. Sie blieben angesichts der Tragweite erstaunlich verhalten. Zu vieles sind wir uns schon gewohnt, zu viele sind bereits der Meinung, gegen die Angriffe der Spione lasse sich so oder so nichts ausrichten. Nur weil die meisten von uns nichts zu verbergen haben, akzeptieren wir ohne grossen Widerstand die immer engmaschigere Überwachung. Dass dabei auch demokratische Grundrechte ausgehebelt werden, kümmert angesichts drohender Terroranschläge, die jede Bespitzelung zu rechtfertigen scheinen, kaum mehr jemanden.

Die Enthüllungen unterstreichen aber auch einmal mehr: Wer Privates ins Netz stellt, muss damit rechnen, dass ungebetene Gäste zuschauen und zuhören. Zwar versichern die Hersteller jeweils umgehend, dass aufgedeckte Sicherheitslücken sofort gestopft würden. Doch wer glaubt ihnen schon? Es gibt kaum Zweifel daran, dass Hacker auch neue, noch so komplexe Schutzwälle  durchbrechen werden und diese Methoden – wie jetzt von Wikileaks aufgedeckt – dann den Geheimdiensten verkaufen.

Überhaupt stellt sich die Frage, wer angesichts dieser rasanten Entwicklungen noch den Durchblick hat. Wer, ausser einem kleinen Kreis von Experten, versteht, wie diese hoch entwickelten Spionagewerkzeuge funktionieren? Die digitale Welt ist uns längst entrückt. Wir profitieren zwar als Konsumenten von faszinierenden Kommunikationsmöglichkeiten. Wir vermessen unser Leben. Wir vernetzen Haushaltsgeräte mit dem Netz. Wir surfen wie berauscht auf Twitter, Facebook oder Snapchat und kehren Privates gegen aussen. Doch der Gefahren, die vom scheinbaren Eldorado Internet ausgehen, sind sich nur die wenigsten bewusst. Die Enthüllungen von Wikileaks haben deshalb auch hier ihr Gutes. Sie sind Weckruf, mit eigenen Daten sorgfältig umzugehen, nicht immer online zu sein. Denn der «Grosse Bruder» schaut möglicherweise zu. Nicht nur bei Orwell.

jürg.ackermann@tagblatt.ch