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«Leben wie im Gefängnis»

Zum wiederholten Mal kritisiert Amnesty International die massive Ausbeutung von Gastarbeitern auf den WM-Baustellen in Qatar – und wirft der Fifa erstmals Versagen vor.
Michael Wrase

DOHA. Bereits zum sechstenmal in fünf Jahren hat die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gestern auf die systematische Verletzung der Menschenrechte von Arbeitsmigranten auf den Baustellen für die Fussball-Weltmeisterschaft in Qatar hingewiesen. Geändert hat sich in dieser Zeit nichts. Hehren Absichtserklärungen und Reformversprechen der Herrscherfamilie folgten keinerlei Taten. Und auch der Weltfussballverband (Fifa), stellt Amnesty in seinem neusten Bericht fest, habe nicht genug für eine spürbare Verbesserung der «menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen» im reichen Emirat am Persischen Golf getan. Wenn die Organisation jetzt nicht handle, sei sie «mitverantwortlich dafür, dass die Fussball-WM 2022 auf dem Rücken Zehntausender ausgebeuteter Arbeitsmigranten» ausgetragen werde.

«Tatbestand der Zwangsarbeit»

Wie die früheren Berichte, in denen Amnesty den katarischen Behörden unter anderem vorgeworfen hatte, Hilfsarbeiter «wie Rindviecher zu drangsalieren», liest sich auch der jüngste Rapport wie eine Horrorgeschichte. Bis zu 12 Stunden am Tag müssen die überwiegend asiatischen Arbeiter Höchstleistungen erbringen. Dies oft an sieben Tagen, bei Temperaturen von bis zu 45 Grad im Schatten. Untergebracht würden sie in «armseligen Lagern» mit überfüllten Räumen und geringer Ausstattung. Sanitäre Einrichtungen spotteten jeder Beschreibung.

Die Bedingungen auf den Baustellen «erfüllen die Tatbestände der Zwangsarbeit und des Menschenhandels», urteilt Amnesty, deren Mitarbeiter 234 Bauarbeiter und Gärtner befragt haben. Viele von ihnen würden oft monatelang keinen Lohn erhalten. Wer reklamiere, dem werde von den Arbeitgebern gedroht, abgeschoben zu werden und überhaupt kein Geld zu erhalten. Als nach dem Erdbeben in Nepal einige Arbeitsmigranten in Qatar ihre Familien sehen wollten, wurde ihnen die Heimreise verweigert. «Ich fühle mich hier wie in einem grossen Gefängnis. Meine Arbeit in der prallen Sonne ist lebensgefährlich», zitiert Amnesty einen Metallarbeiter namens Deepak aus Nepal. «Als ich mich über die Arbeitsbedingungen beschwerte, wurde mir die Ausweisung angedroht.»

Herrscherfamilie profitiert

Nur wer den Mund halte und gehorche, habe eine Chance, längerfristig in Qatar arbeiten zu können. Die massive Ausbeutung im Emirat wird nach Angaben von Amnesty-Expertin Regina Spöttl durch das an der ganzen arabischen Golfküste angewendete Sponsorensystem ermöglicht. Danach braucht jeder Arbeitsmigrant einen lokalen Sponsor, ohne dessen Erlaubnis er weder das Land verlassen noch seinen Job wechseln darf.

Die Sponsoren verdienen auch an der Vermittlung der Arbeiter, die für einen Job in Qatar in ihrer Heimat bis zu 4000 Dollar an lokale Agenten bezahlen müssen. Für diesen Betrag müssen sie in der Regel einen Kredit aufnehmen, für dessen Rückzahlung in zehn Monaten mindestens zehn Monate lang geschuftet werden muss. Eine Änderung dieser und anderer Praktiken hatte die Regierung schon vor Jahren versprochen. Umgesetzt wurde nichts, weil es nicht selten Mitglieder der Herrscherfamilie sind, die am «Sponsoring» blendend verdienen.

Druck auf WM-Sponsoren

Ob der sechste Anlauf von Amnesty zu einer spürbaren Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen führen wird, ist fraglich. Mit der direkten Kritik an der Fifa ist der Druck auf Qatar jedoch grösser geworden. In die Pflicht genommen hat Sali Sheltty, Generalsekretär von Amnesty International, dieses Mal auch von Qatar gesponserte Fussballmannschaften wie Bayern München und Paris Saint-Germain sowie die WM-Sponsoren Adidas und Coca-Cola.

«Wenn sie jetzt nicht den Mund aufmachen, dann müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, mit Qatar unter einer Decke zu stecken», sagte Shetty – und fügte hinzu: «Für die Fans und Spieler sind die neuen Stadien ein Traum, für die Bauarbeiter dagegen ein Albtraum.»

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