Landraub bedroht Kleinbauern

Riesige Bodenschätze locken Investoren aus aller Welt nach Burma. Noch immer verfolgt das Regime ethnische Minderheiten. Es sind fast alles Kleinbauern. Sie werden ihres Landes beraubt und vertrieben.

Peter Jaeggi
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Sonnenuntergang im Flüchtlingslager in Man Mau im nördlichen Shan-Staat. Eine junge Mutter singt ihrer Tochter ein Wiegenlied. Idyllisch ist es aber nur beim flüchtigen Hinschauen, hier in einem der sechs Lager, die es in Burma für intern vertriebene Menschen gibt, für Vertriebene im eigenen Land. In den Bambushütten leben fast 300 Menschen, Angehörige ethnischer Minderheiten.

Dicht an dicht drängen sich im Camp ein paar Dutzend Behausungen. Bambusgeflecht, Holz, Strohdach. Pro Familie je ein zehn Quadratmeter kleines «Zimmer». Auch Ja Bang lebt zusammen mit ihrem Mann in einem solch dunklen Raum. «Es war ein langer, beschwerlicher Weg von unserem Dorf bis hierher ins Lager», erzählt Ja Bang. Wie Hunderttausende andere wurden die beiden, Angehörige der Kachin-Volksgruppe, wegen bewaffneter Konflikte zwischen der regulären burmesischen Armee und Rebellen ethnischer Minderheiten in die Flucht getrieben. Soldaten der Armee plünderten Dörfer, misshandelten, töteten und vergewaltigten. Um ihnen nicht in die Hände zu fallen, kämpfte sich das Paar vor zwei Jahren zwölf Stunden lang durch unwegsame Wälder.

Umgesiedelte Dörfer

In Burma leben rund 700 000 Frauen, Männer und Kinder in umgesiedelten Dörfern und in sogenannten IDP-Camps. IDP steht für internally displaced people, intern vertriebene Menschen. Zusätzlich stehen im angrenzenden Thailand neun Flüchtlingslager mit etwa 120 000 burmesischen Angehörigen von Minderheiten, hauptsächlich Karen. Vertrieben wurden sie, weil ihnen das Land gestohlen wurde, weil ihnen der Zugang zu Bodenschätzen verwehrt bleibt, weil sie sich mit Gewalt gegen staatliche Willkür wehrten.

Die Vertriebenen sind fast ausnahmslos Kleinbauern. Sie litten und leiden am meisten unter der jahrzehntelangen Militärdiktatur. Seit 1948, seit der Unabhängigkeit von England, kämpfen ethnische Minderheiten gegen die Militärs. «Weil die Armee sie seit jeher unterdrückt, trauten sie den Militärs bis heute nie», sagt Kyaw Zwa Moe, Redaktor beim regierungskritischen Monatsmagazin «The Irrawaddy». Auch die 2011 eingeleitete Öffnung des Landes und der eingeleitete Demokratieprozess haben kaum etwas verändert.

Landrechtslektion

Das Gemeindehaus des Dorfes Bang Tapye ist aus Holz und Bambus auf hohen Pfählen gebaut. Wir sind inmitten einer Lektion über Landrechte. Doi Nan lehrt, was man tun sollte, um sein Land nicht zu verlieren.

Der Landrechtsunterricht im Dorf Bang Tapye ist Teil der dörflichen Bauernschule, aufgebaut von der Metta-Stiftung für Entwicklung. Es ist die grösste Nichtregierungsorganisation im Lande. Metta-Direktor Sai Sam Kham: «Unser wichtigstes Ziel ist die Unterstützung von Menschen, die von Konflikten und vom Verbot des Opiumanbaus betroffen sind.»

Die Metta-Stiftung und deren Bauernschulen, die von Caritas Schweiz mit rund 600 000 Franken unterstützt werden, hat im nördlichen Shan-Staat im Gebiet der ethnischen Minderheiten sowie in den Camps für vertriebene Menschen insgesamt sechzig dörfliche Bauernschulen installiert. Baumschulen, Forstwirtschaft, Gemüseanbau, verbesserte Anbaumethoden, Aufbau von Bauerngemeinschaften sind neben dem Landrecht weitere Inhalte dieser Schulen. Der Ethnologe Peter Eppler, der in Yangon die Caritas-Projekte leitet: «Mit den Bauernschulen fördern und stärken wir die Eigenständigkeit von Dorfgemeinschaften. Wir helfen ihnen auch, sich zu vernetzen. So bekommen sie Gewicht gegenüber dem Staat und können sich für ihre Rechte wehren.»

«Landraub ist eines unserer grössten Probleme», sagt der Journalist Kyaw Zwa Mo. Die Opposition arbeite daran, die Landrechte zu revidieren, sie gerechter zu gestalten. Dies sei schwierig. «Die Minister sind korrupt, und die Leute, die das Land geraubt haben, wollen es nicht verlieren.» Hoffnung gäben jetzt viele Nichtregierungsorganisationen wie die Metta-Stiftung, die den Bauern helfen, zu ihrem Recht zu kommen. Das bereits teilweise revidierte Bodenrecht erleichtert auch die Nutzung für in- und ausländische Investoren. Doch es berücksichtigt die Landnutzungstradition der ethnischen Minderheiten nicht. Etwa den Wanderfeldbau, wie er im Hochland des Shan-Staates betrieben wird. Es brauche ein Landrecht, das die Kleinbauern schütze, sagt Metta-Projekt-Koordinatorin Htu Bu. «Der Staat muss unser traditionelles Landrecht, unser Dama-Ucha-System, respektieren. Das heisst: Wer ein Stück Land zuerst bebaut, hat Anspruch darauf, und es muss registriert werden.»

Viel Land konfisziert

Seit 2000 wurden in Burma allein für grosse private Agrarunternehmen weit über 8000 Quadratkilometer Land konfisziert. Dies entspricht fast einem Fünftel der Fläche der Schweiz. Eine zentrale Rolle dabei spielen einheimische chinesische Geschäftsleute und China, mit dem Burma eine rund 2000 km lange Grenze teilt. So etwa plant eine chinesische Firma im nördlichen Shan-Staat rund 2400 km2 nichtregistriertes Brachland in Grossplantagen zu verwandeln. Ein anderes chinesisches Unternehmen plant eine Papierfabrik und will dazu die lokalen Bambuswälder als Rohstoff nutzen. Die Liste ist fast endlos.

«Der Druck der Investoren nach der Öffnung ist enorm. Sie wollen sich jetzt möglichst viele Ressourcen ergattern», sagt Peter Eppler, Caritas-Länderverantwortlicher für Burma. Der Kampf um Ressourcen habe für ethnische Minderheiten gefährliche Folgen. Die Kleinbauern verlieren ihr Ackerland, das sie vielleicht bereits seit Generationen bewirtschaftet haben.

Legende (Bild:)

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Caritas unterstützt sechzig Bauernschulen in Burma. In einem Land, in dem Reispflanzen und Buddhismus fundamental sind. Die von der Armee Vertriebenen wohnen in Flüchtlingscamps (rechts oben). (Bilder: Peter Jaeggi)

Caritas unterstützt sechzig Bauernschulen in Burma. In einem Land, in dem Reispflanzen und Buddhismus fundamental sind. Die von der Armee Vertriebenen wohnen in Flüchtlingscamps (rechts oben). (Bilder: Peter Jaeggi)