Land unter in Brisbane

Die Flut legt die australische Millionenstadt lahm. Etliche Quartiere sind weiter ohne Strom. In den am schlimmsten betroffenen Stadtteilen schauen nur noch die Dächer der Häuser aus dem Wasser heraus. Tausende von Freiwilligen wollen bei den Aufräumarbeiten helfen. Ein Augenschein.

Drucken
Teilen

«Boundary Hotel» dröhnt ein Song von Queen aus den Lautsprechern. Vor dem rauhen Pub im Stadtteil Westend stapeln sich Sandsäcke, drinnen wird getrunken und gelacht wie schon seit fast 150 Jahren in diesem Lokal. Viele Gäste sind tätowiert, manche haben nur noch wenige Zähne und alle ein kaltes Bier. Auf der Speisekarte stehen Spezialitäten wie der «Kater-Grill» für den Morgen danach und vor der Tür ein handgemaltes Schild. «Von der Flut arbeitslos gemacht? Komm rein auf ein Bier. Wir haben immer noch geöffnet!»

Der Barkeeper kommt mit dem Zapfen kaum nach und schaut nur kurz auf, als er gefragt wird, ob der Pub bei der Flutkatastrophe in Brisbane gelitten hat. «Nein, wir haben Glück gehabt; Gott sei Dank haben wir die Sandsäcke nicht gebraucht», sagt er und wendet sich wieder dem Zapfhahn zu.

Hunderttausend Sandsäcke gefüllt

Nur ein paar hundert Meter die Strasse hinunter sind andere Restaurantbesitzer weniger gut davongekommen.

Der angeschwollene Brisbane River war in der Nacht zum Donnerstag auf 4,46 Meter gestiegen, fast einen Meter zwar niedriger als befürchtet, aber so hoch wie seit mehr als 30 Jahren nicht mehr. Noch Stunden später gurgelte der Fluss ärgerlich durch die Mitte der Hauptstadt des Bundesstaates Queensland. Das gelblich-braune Wasser hatte seit den Abendstunden unaufhaltsam seinen Weg in die ufernahen Stadtteile wie Westend gefunden.

Auch Hunderttausende Sandsäcke, die in fieberhafter Eile von Freiwilligen vollgeschaufelt und in der ganzen Stadt verteilt worden waren, hatten nur wenig geholfen. An vielen Orten stieg das Wasser höher als die Verteidigungslinie und füllte Häuser und Geschäfte. In den am schlimmsten betroffenen Gegenden schauen nur noch die Dächer der Häuser aus der undurchsichtigen Brühe heraus.

Mancherorts kreiert das Desaster Bilder von schauriger Schönheit wie im Stadtteil Rosalie. Dort paddeln Einwohner durch die überfluteten Strassen, Palmen spiegeln sich im Wasser, die Spitzen von Gartenzäunen sind sichtbar, nur die hässlich-schmutzigen Linien an einigen Häuserwänden zeigten wie hoch das Wasser gekrochen war.

«Die meisten sind nicht mal versichert»

Catherine Uhr war um vier Uhr morgens zu dieser Kreuzung gekommen, um mit ihren eigenen Augen zu sehen wie ihr kleines Stadtteilzentrum mit seinen Geschäften und Restaurants versank.

Dreizehn Geschäfte und zwei Bottleshops (nur dort kann man in Australien alkoholische Getränke kaufen) befänden sich dort, berichtete die Frau den Zuhörern, rund zwei Dutzend Schaulustigen und einigen Nachbarn, die gekommen waren, um sich selbst ein Bild zu machen. «Die meisten sind nicht mal versichert, das war einfach viel zu teuer hier in der Gegend so nahe am Fluss», erklärt Uhr, die in sechster Generation von deutschen Einwanderern abstammt.

Kein Strom, kein Facebook

«Wer weiss, vielleicht hat es ja mit dem Klimawandel zu tun, dass die Flut so heftig ist, vermutet die Mutter von 14 Jahre alten weiblichen Drillingen, deren Kinder wegen des langen Stromausfalls erstmals in ihrem Leben ohne E-Mail, Facebook und Twitter auskommen müssen. Immerhin haben die Uhrs Glück gehabt, ihr Haus ist auf einer kleinen Anhöhe und vom Fluss verschont geblieben.

«Man wohnt entweder auf einem Hügel oder auch nicht, so einfach ist das», sagt sie noch bevor sie sich wieder ihren Bekannten zuwendet und bespricht, wo man denn wohl die vielen Besen, Eimer und Gummihandschuhe kaufen soll, um bei den Aufräumungsarbeiten zu helfen. Immer noch sind diverse Supermärkte geschlossen, in fast 100 000 Haushalten war auch gestern Donnerstagabend der Strom noch ausgefallen.

Queenslands Präsidentin Anna Bligh, die nun schon seit drei Wochen täglich mit der Katastrophe in ihrem Bundesland kämpft, sprach von einem Wiederaufbau in «Nachkriegsgrösse». Die Krise, die im tropischen Norden begonnen hatte und nach und nach fast zwei Drittel des riesigen Bundeslandes erfasst hat, das 40mal so gross ist wie die Schweiz, ist immer noch nicht ausgestanden, gestern mussten wieder Menschen evakuiert werden, das Desaster nimmt kein Ende, und zum ersten Mal wurde der Druck sichtbar, unter dem die Politikerin täglich steht.

Bei einer ihrer Pressekonferenzen versagte ihr kurzfristig die Stimme, nur mit sichtbarer Mühe konnte sie verhindern, in Tränen auszubrechen.

Geschäfte und Büros unter Wasser

Immerhin kann die Regierungschefin sich auf ihre Landsleute verlassen. Schon bevor der Brisbane River sich wieder hinter seine Ufer zurückgezogen hatte, hatten sich 11 000 Freiwillige gemeldet, die ihren Mitbürgern bei den Aufräumungsarbeiten helfen wollen.

Viele Einwohner Brisbanes sind derzeit noch von ihrer Arbeit freigestellt, weil die Bürohäuser im Zentrum noch keinen Strom haben. «Ich habe mich dort gemeldet, weil ich helfen wollte», sagt zum Beispiel der Wissenschafter Michael Kelly, der für die staatliche Forschungsanstalt CSIRO arbeitet. Am Tag vor dem Fluthöhepunkt hat er Hunderte von Sandsäcken vollgeschaufelt, in den nächsten Tagen wird er vermutlich Menschen unter die Arme greifen, die von der Flut hart getroffen wurden.

In Rosalie schaut mittlerweile auch Mary Stephens auf die unter Wasser stehenden Geschäfte wie die «Cold Rock Ice Creamery», in denen sie normalerweise einkauft. «Viele der Besitzer haben bis zum letzten Moment gewartet, bevor sie ihre Läden evakuiert haben», berichtet sie. «Ich habe meine Kinder mitgebracht, damit sie das hier sehen können. Ich hoffe, dass sie das nie wieder erleben müssen.»

Mary Stephens hat Glück gehabt, ihr Haus steht wie viele traditionelle Häuser in Queensland auf «Stelzen». «Nur die Betonplatten unter dem Haus haben sich etwas gewölbt, das fühlte sich schon merkwürdig an», erzählt sie. Zwei kleine Buben kommen derweil um die Ecke und werfen ihren ersten Blick auf die halb im Wasser versunkenen Häuser. «Das ist furchtbar», sagt der eine zum anderen, «stell dir mal vor, wie das ist, wenn du in so einer Flut drinsteckst.» Sein Gefährte ist daran weniger interessiert.

Er möchte lieber wissen, wer denn da durch die Strassen paddelt und ob er vielleicht auch mal darf.

Alexander Hofmann, Brisbane

Überfluteter Highway «Warrego» nahe der Stadt. (Bild: epa/Dave Hunt)

Überfluteter Highway «Warrego» nahe der Stadt. (Bild: epa/Dave Hunt)

Der Stadtteil Rosalie ist vom Hochwasser besonders stark betroffen. (Bild: epa/Dave Hunt)

Der Stadtteil Rosalie ist vom Hochwasser besonders stark betroffen. (Bild: epa/Dave Hunt)

Einwohner von Brisbane paddeln durch die überfluteten Strassen der Stadt. (Bild: epa/Dean Lewins)

Einwohner von Brisbane paddeln durch die überfluteten Strassen der Stadt. (Bild: epa/Dean Lewins)