Lage in Syrien eskaliert: Türkei schickt Flüchtlinge nach Europa

Bei Kämpfen im syrischen Idlib hat die Türkei hohe Verluste erlitten. Eine neue Fluchtwelle von Syrern nach Europa hat begonnen.

Susanne Güsten aus Istanbul
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Sie wollen weiter nach Europa: Flüchtlinge in der türkischen Stadt Edirne warten auf die Weiterfahrt.

Sie wollen weiter nach Europa: Flüchtlinge in der türkischen Stadt Edirne warten auf die Weiterfahrt.

Bild: Getty Images (Edirne, 28. Februar 2020)

Das Ziel heisst Europa: Anas ist 27 Jahre alt und ein syrischer Medizinstudent aus Aleppo. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei und sechs Jahre alten Kindern ist er am Freitagmorgen zur Vatan Caddesi gekommen, einer Istanbuler Ausfallstrasse zur Autobahn Richtung Westen.

Mehrere Reisebusse stehen an der Strasse bereit, die Flüchtlinge an die rund drei Fahrtstunden entfernte Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland bei Edirne bringen sollen. «Wir haben in den sozialen Medien von den Bussen gehört und sind gekommen», sagt Anas im Gespräch mit unserer Reporterin, bevor er in den Bus einsteigt. Die Eltern seiner Frau leben in Stuttgart – und nun will die junge Familie auch dorthin.

Hundert US-Dollar pro Passagier kostet die Reise an die Grenze. Dass Anas und seine Familie jetzt im Bus sitzen, hat mit schweren Verlusten der Türkei im Krieg in der syrischen Provinz Idlib tausend Kilometer südöstlich von Istanbul zu tun.

«Alles ist besser als die Türkei»

Mehrere Flüchtlinge an der Vatan Caddesi sagen, in der Türkei, die 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, gebe es für sie keine Perspektive. «Es sind einfach zu viele Syrer hier», sagt ein junger Mann, der sich bisher mit Jobs im Textilsektor durchgeschlagen hat und jetzt in die EU will. «Alles ist besser als die Türkei», sagt ein junges Paar, das aus Idlib geflohen ist.

Ein junges Ehepaar mit einem etwa einjährigen Kind steigt im letzten Moment aus dem abfahrbereiten Bus wieder aus: «Wir haben Angst um unser Kind», sagt der Vater. «Wir wissen ja nicht, wie es nach der Grenze weitergeht.»

Eigentlich hat sich die Türkei unter dem Flüchtlingsabkommen mit der EU aus dem Jahr 2016 verpflichtet, die Syrer an der Flucht nach Europa zu hindern. Doch nun sollen die Flüchtlinge drei Tage lang freie Fahrt nach Westen erhalten, melden türkische Medien. Die Syrer an der Vatan Caddesi sagen, sie hätten von einer 24-stündigen Frist gehört. Bei Edirne waren in der Nacht schon die ersten syrischen Flüchtlinge aufgetaucht, die auf den Grenzübergang Pazarkule zuliefen, ohne dass die türkischen Grenztruppen einschritten.

Wir hoffen, dass wir über die Grenze kommen

Die Türkei will ganz offensichtlich ein klares Signal nach Europa senden: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu verbreitet Luftaufnahmen einer Drohne, die Flüchtlinge auf einem Acker an der Landgrenze auf dem Weg nach Griechenland zeigen.

Von Edirne aus will sich Anas mit seiner Familie nach Griechenland durchschlagen. «Wir hoffen, dass wir über die Grenze kommen, und dann müssen wir sehen, wie wir weiterkommen», sagt er. Immer mehr Syrer treffen an der Abfahrtstelle ein, um einen Platz in einem der Busse zu ergattern. Der erste Bus fährt gegen 8 Uhr los, der zweite eine Stunde später.

Inzwischen haben sich Dutzende Flüchtlinge versammelt, und fast im Minutentakt treffen neue ein. Syrische Aktivisten sagen, sie hätten die Busse selbst angemietet. Ein Sprecher der türkischen Regierungspartei AKP hatte am Vorabend im Fernsehen gesagt, sein Land könne die Flüchtlinge nicht mehr halten.

Mehrmals hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Monaten angekündigt, er werde die Tore öffnen und massenweise Syrer nach Europa schicken. Bisher hatte sich die türkische Regierung trotzdem an das Abkommen mit der EU gehalten, vor allem weil ihr Land zum Magneten für Millionen von Menschen aus ganz Zentralasien, Nahost und Afrika werden könnte, wenn der Vertrag aufgekündigt wird.

Dass Erdogan nun zumindest vorübergehend das Abkommen aussetzen will, ist ein Zeichen von Panik und Verzweiflung: Die Türkei steht im Syrien-Krieg vor einem Desaster und will den Westen deshalb zum Eingreifen bewegen.

Erdogan will Mitspracherecht

Mindestens 33 Soldaten waren am späten Donnerstagabend bei einem Luftangriff in der syrischen Provinz Idlib ums Leben gekommen. Damit sind seit Anfang des Monats mehr als 50 türkische Soldaten in Idlib getötet worden.

Auch Erdogans Syrien-Politik liegt in Trümmern. Er hatte die türkische Armee nach Idlib geschickt, um die mit Ankara verbündeten Rebellen in der letzten Bastion der Regierungsgegner in Syrien vor dem Vormarsch der syrischen Armee zu schützen und eine neue Fluchtwelle von rund einer Million Menschen aus der Provinz zu verhindern. Gleichzeitig will Erdogan mit dem Militäreinsatz ein Mitspracherecht der Türkei bei Entscheidungen über die Zukunft Syriens durchsetzen.

Erdogan, der im Syrien-Konflikt einen Sturz von Präsident Baschar al-Assad anstrebt, hat der syrischen Armee ein Ultimatum gesetzt: Bis zu diesem Samstag sollen sich die Regierungsverbände aus Idlib zurückziehen, sonst werde die türkische Armee nachhelfen. Da Russland die Einheiten Assads unterstützt, drohen damit auch Auseinandersetzungen zwischen dem NATO-Land Türkei und der russischen Luftwaffe. Offenbar hoffte Erdogan darauf, dass Russland und Syrien im letzten Moment nachgeben und eine Rolle der Türkei im Nachkriegs-Syrien akzeptieren.

Der Tod der 33 Soldaten wirft Erdogans Pläne über den Haufen. Russland hat in Idlib die Lufthoheit und will der Türkei nicht entgegenkommen. Das Moskauer Verteidigungsministerium erklärte am Freitag, die von dem syrischen Luftangriff getroffenen Soldaten seien zusammen mit «Terroristen» im Einsatz gewesen: So bezeichnen Russland und Syrien die Türkei-treuen Rebellen. Offiziellen türkischen Angaben zufolge starben die 33 Soldaten durch einen Angriff syrischer Kampfjets, doch einige Experten nehmen an, dass die russische Luftwaffe die Soldaten tötete.

Moskau verlegte am Freitag zwei zusätzliche Kriegsschiffe vor die syrische Küste. In ihrer Not spielt die Türkei nun die Flüchtlingskarte und will so die Hilfe ihrer westlichen Partner einfordern, die sie in den vergangenen Jahren unter anderem mit dem Kauf des russischen Flugabwehrsystems S-400 verärgert hatte. Ob das gelingt, ist am Freitag noch offen.