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«Lachen hassen die Killer am meisten»

Vor anderthalb Jahren stürmten Islamisten die Redaktion von «Charlie Hebdo» und ermordeten zwölf Menschen. Chefredaktor Gérard Biard über Mohammed-Karikaturen und das Leben nach dem Anschlag. Er sagt: «Wir kämpfen gegen alle Formen des Rassismus.»
Stefan Brändle/Paris
«<Charlie Hebdo>» hat mit Fussball nichts am Hut. Für François Hollande kommt die EM gerade recht, um die Sozialproteste abzuwürgen»: Gérard Biard, Chefredaktor von «Charlie Hebdo». (Bild: afp/John MacDougall)

«<Charlie Hebdo>» hat mit Fussball nichts am Hut. Für François Hollande kommt die EM gerade recht, um die Sozialproteste abzuwürgen»: Gérard Biard, Chefredaktor von «Charlie Hebdo». (Bild: afp/John MacDougall)

Herr Biard, der Terror hat diese Woche in Mantes-la-Jolie bei Paris abermals zugeschlagen. Wie geht es «Charlie Hebdo» anderthalb Jahre nach den Anschlägen auf Ihre Redaktion?

Gérard Biard: Ça va. Wir machen weiter. Was die Verkaufszahlen betrifft, geht es dem Blatt sogar gut. In der Redaktion ist die Stimmung leichter als noch vor einem Jahr. Wir haben neue Räume bezogen ...

... deren Adresse aus Sicherheitsgründen vertraulich bleibt.

Biard: Das ist unerlässlich, um «Charlie» mit der nötigen Gelassenheit produzieren zu können. Man muss auch Lust haben, ein Blatt zu machen, lachen wollen – sogar über Dinge, die absolut nicht lustig sind.

Wie etwa über die neusten Anschläge in Orlando und bei Paris?

Biard: Ja, wir stellen solche dramatischen Ereignissen auf unsere, das heisst komische Weise dar. Lachen ermöglicht es, sich über – oder neben – die Dinge zu stellen. Lachen ist das, was sie am meisten hassen – die Killer, die religiösen Fundamentalisten, die Tyrannen, die Diktatoren, all die, die eine religiöse oder totalitäre Ordnung einrichten wollen. Das Lachen untergräbt diese Ordnung, denn es setzt voraus, dass man etwas verstanden und durchschaut hat.

Kam es deshalb zum Anschlag des 7. Januar 2015 in Ihrer Redaktion?

Biard: Ja, wobei die Attacke auf die «Charlie»-Karikaturisten wegen der Mohammed-Karikaturen nur ein Beginn war. Das grosse Ziel besteht darin, eine totalitäre Ordnung zu errichten, und das Mittel dazu ist die Willkür. Wer totalitär ist, findet immer einen Grund, jemanden zu töten – etwa, weil er Gotteslästerung betreibe, weil er nicht an Gott glaube, weil er nicht auf die richtige Weise an Gott glaube – oder weil er homosexuell sei. Solche Motive verstehen zu wollen, ist purer Zeitverlust.

Gilt das auch für die Frage, ob ein Bezug zum Islam besteht?

Biard: Diese Anschläge haben nichts mit einer speziellen Religion zu tun. Gerade in den USA sind alle religiösen Integristen gegen die Homo-Ehe. Einzelne US-Staaten wie North Carolina oder Mississippi haben dagegen Massnahmen ergriffen. Der Killer von Orlando, der sich im letzten Moment auf den IS bezog, hätte sich genausogut auf die christlichen TV-Prediger beziehen können. Deren Diskurs ist ebenso hasserfüllt und gefährlich für die Gays.

Was sagen Sie zum viel gehörten Vorwurf, «Charlie Hebdo» sei islamophob?

Biard: «Charlie Hebdo» ist nicht islamophob. Was will dieser Begriff schon sagen? Er wurde von den iranischen Mullahs geschaffen, um Salman Rushdie zu diskreditieren. Islamophobie ist eine Form von Rassismus, doch «Charlie» kämpft gegen alle Formen des Rassismus.

Gibt das Blatt aber nicht indirekt den Kritikern Recht, wenn es nun auf Mohammed-Karikaturen verzichtet?

Biard: «Charlie» hat in zehn Jahren gerade mal drei Karikaturen des Propheten gebracht – weniger häufig als Zeichnungen von Jesus in allen erdenklichen Positionen. Darum geht es gar nicht. Der Schuldige ist nicht Mohammed, sondern Gott. Nehmen Sie die Homosexualität: Alle religiösen Integristen haben dazu die gleiche Haltung. Wir bekämpfen sie, aber nicht die einzelnen Gläubigen. Wir kämpfen gegen die Versuche, eine totalitäre Ordnung zu erschaffen.

Spielt da der alte französische Anti- klerikalismus hinein?

Biard: In Frankreich umfasst die Gewissensfreiheit nicht nur das Recht, zu glauben, was man will, sondern auch das Recht, an nichts zu glauben. «Charlie Hebdo» ist laizistisch und atheistisch, das stimmt. Aber bei uns arbeiten auch Gläubige. Eines der Attentatsopfer war Moslem.

Innerhalb der französischen Linken gibt es aber starke Unterschiede: Die Feministin Elisabeth Badinter ist für einen strikten, kompromisslosen Laizismus, andere wollen islamische Zeichen wie das Kopftuch oder die Burka zulassen. Wo steht «Charlie Hebdo»?

Biard: Wir stehen deutlich näher bei Badinter. Wobei der Kampf politisch ist, nicht gegen eine Religion gerichtet. Die Amerikaner verstehen den französischen Laizismus oft falsch. Für sie hat sich der Staat nicht in die religiösen Angelegenheiten der Bürger einzumischen. Für die Franzosen hat sich hingegen die Religion nicht in die Politik einzumischen. Das ändert alles! Ein Teil der französischen Linken tritt in die Falle der Fundamentalisten, indem sie das Problem für religiös hält. Das lähmt sie völlig, denn natürlich will niemand die religiösen Gefühle Einzelner verletzen. Bloss geht es nicht darum. Schliesslich sind die meisten Opfer des IS-Terrors Moslems. Nein, die Frage ist rein politisch, es geht um eine totalitäre Machtstruktur.

Frankreich befindet sich weiter im Ausnahmezustand, mit Sozialkonflikten und Hooligan-Gewalt. Wo bleibt da das Fussballvergnügen?

Biard: «Charlie Hebdo» hat mit Fussball ohnehin nichts am Hut. Die EM ist eine enorme kommerzielle Unternehmung, die es Politikern ausserdem ermöglicht, auf Zeit zu spielen. Für François Hollande und Manuel Valls kommt die EM gerade recht, um die Sozialproteste abzuwürgen. Nachher folgt die Tour de France, dann Olympia, und wer weiss, noch eine kleine Hitzewelle, um von den Problemen Frankreichs abzulenken.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen all dem, was sich derzeit in Frankreich tut – Terrorgefahr, Sozialkrise, Fussballkrawall?

Biard: Ein gemeinsamer Nenner ist die Gewalt. Sie äussert sich heutzutage verbal via Facebook und Twitter, mit Hass und Dummheit auf dem Niveau von Amöben, aber auch in der Strasse, auf physische Weise. Wer Lust hat, einem anderen eine Ohrfeige zu verpassen, verpasst ihm eine Ohrfeige. Die Hemmschwellen fallen, und das Recht des Einzelnen siegt über das Recht der Gemeinschaft. Natürlich äussert sich das auch in der Politik. Die Parteien, die am meisten zulegen, sind die extremistischen.

«Willkommen Touristen – Paris wird immer Paris bleiben»: Eine Karikatur in der neuesten Ausgabe des Satiremagazins. (Bild: Zeichnung: «Charlie Hebdo»)

«Willkommen Touristen – Paris wird immer Paris bleiben»: Eine Karikatur in der neuesten Ausgabe des Satiremagazins. (Bild: Zeichnung: «Charlie Hebdo»)

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